Weltrettung sinnlos Die langweiligen Kriege vor der Haustür

Trump, Le Pen, Klimawandel: Statt sich über das globale Elend zu erregen, sollten wir versuchen, auf lokaler Ebene etwas zu verändern. Dann erreicht man zur Abwechslung vielleicht mal was.

DPA

Eine Kolumne von


Think Global, act local, sagte mal irgendein Mensch. Guter Satz. Kam ich nicht drauf, denn ich war zur selben Zeit mit der Errichtung des Teilchenbeschleunigers im CERN beschäftigt, das sich in meiner Heimat befindet. Heimat first! As Trump says. Erkläre ich gleich.

Ein großer Teil der momentan herrschenden realen und empfundenen Überforderung des Einzelnen hat ihren Ursprung in der Annahme, dass man die gesamte Welt verstünde und ändern könne, nur weil allerhand Zeug im Netz zugänglich ist. In fucking Blogs. Im fucking Netz, Sie wissen schon, diese geile Überwachungserfindung der CIA.

Ich möchte nichts gegen das Mitgefühl sagen, das ein gepflegter Mitteleuropäer angesichts der Ungerechtigkeit empfindet, die den Einwohnern von, sagen wir, Papua Neuguinea widerfährt. Aber es hilft vermutlich nicht sehr viel, auf change.org eine Petition zu unterschreiben und eine schlaflose Nacht in Sorge um Leute zu verbringen, die zehntausend Kilometer von einem entfernt Probleme haben.

Es ist einfacher, sich weit entfernten Schlachten zu widmen

Bei jeder der letzten Wahlen flippten zum Beispiel deutsche KommentatorInnen geradezu aus. Sie erklärten den WählerInnen, für wen sie in den USA, UK und Frankreich am besten abstimmen sollten - und welche schrecklichen Konsequenzen der Welt drohen, wenn sie es nicht tun. Danke dafür. Aber vielleicht würde es die Gemütslage des Einzelnen entspannen, wenn er oder sie sich den Kriegen vor der Haustür zuwenden würde. In dem Viertel, der Stadt, dem Land, in dem er oder sie lebt, Steuern zahlt oder auch nicht, weil er oder sie eventuell Fußballmanagerin ist. Halt da, wo man sich ein wenig auskennt.

Nehmen wir zum Beispiel diverse Printmedien, die immer wieder die Not europäischer Männer zu ihrem Kampfthema gemacht haben - wie hier: Boah Mann, ja die Wissenschaft. Oder hier: Boah man, ja die Männer. So etwas ist sinnvoll. Denn die Chefredakteure dieser Zeitungen sind ja selber männlich und in Führungspositionen, sie kennen sich mit dem Thema aus: Das Elend des weißen Mannes. Alles klar. Go for it!

Ein anderes Beispiel für den Kampf an der Heimfront ist Schäuble. Ein seit 1969 verheirateter Mann, der sich gegen die Ehe ausspricht. Sehr gut! Der Mann weiß, wogegen er kämpft. Für viele scheint es dennoch einfacher, sich fremden, wabernden und weit entfernt stattfindenden Schlachten zu widmen als dem unattraktiven Mist im eigenen Viertel.

Eng, klein, langweilig - aber hilft

Natürlich ist es ignorant, die Missstände außerhalb des Vorgartens zu ignorieren, natürlich leben wir alle auf einem Planeten, aber irgendetwas beeinflussen können die meisten nur im kleineren Rahmen. Die Familie, den Umgang mit den Nachbarn, das Leben im Viertel in der Stadt. Würde man die Weltverbesserung kurz vertagen und statt gegen Trump in Amerika für einen Kindergarten im eigenen Dorf kämpfen, wären die Chancen, dass sich das Leben ein wenig verbessert, größer. Mehr Macht und Geld und Eigenverantwortung in die Gemeinden. Das ist auch eine der Thesen des jungen Club-of- Rome-Mitglieds Thomas Bruhn. Sage ich einfach, um meine weiblich wirr gefühlten Thesen mit einem männlichen Männerwissenschaftler zu stabilisieren.

Lokale Politik, gähn, statt Weltpolitik und Weltherrschaft. Sich für die LGTB-Gemeinde in Friedrichroda einsetzen, den Park in Rostock, die jüdische Gemeinde in Kassel, gegen die Abholzung eines Waldstückes in Unna. Klingt eng, klein, langweilig, aber hilft vielleicht, die Erde vom Kleinen ins Große zu verändern.

P.S.: Ich würde mich in meinen philosophischen Texten hier auch mehr mit meiner Heimat Schweiz auseinandersetzen, aber leider interessiert dieses kleine Land am Fuße der Abruzzen (Achtung: Witz!) außer mir und 7 Millionen anderer keinen. Und so können wir, vollkommen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wirklich verrücktes Zeug machen. Nun, dazu vielleicht das nächste Mal.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 59 Beiträge
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moritz27 29.04.2017
1. Liebe Frau Berg,
in einer meiner Nachbarstädte gibt es (gefühlt) 20 der von Ihnen gewünschten Bürgerinitiativen. Die eint, dass sie alle gegen etwas sind aber niemals dafür. Eine sachliche Auseinandersetzung ist kaum möglich, da objektiv nachprüfbare Fakten wahlweise als Fake oder, noch besser, als bestellte, einseitige Gutachten abqualifiziert werden. Viele Bürger meinen, dass FÜR etwas zu sein, die Aufgabe der Politik und der Verwaltung sei, DAGEGEN aber erste Bürgerpflicht.
achterhoeker 29.04.2017
2. Sie irren Frau Berg
Mich und viele andere interessiert schon wie die Schweiz damit satt und zufrieden leben kann, wenn Steuerflüchtlinge,Diktatoren und Kriminelle ihre Gelder dort bunkern. Konzerne kurz und schnell ihren Firmensitz ibn die Schweiz verlegen und dann am EU Embargo vorbei mit Russland Milliardengeschäfte machen. Interessant wäre auch die Maut für paar Tage den Touristen die Jahresvignette verkaufen und dafür in Deutschland keine zahlen und das auch nicht wollen. Auch das segensreiche Wirken eines Lebensmittelkonzern in der scheint den Schweizern keinen Schluckauf zu bescheren. Und so leben sie satt und zufrieden bis die Alpen wie letztes Jahr am Walensee in diese Idylle einbrechen.
ruhepuls 29.04.2017
3. Welt retten - per Mail....
Ich rette mehrfach am Tag die Welt. Warum? Weil ich bei ganz vielen "Campagnen" unterschreibe. Das ist ganz wichtig und gibt mir ein gutes Gefühl. Und es ist auch eigentlich ganz bequem. Am PC sitze ich eh viel und an der Tastatur macht man sich auch nicht die Hände dreckig - und gut sitzen tu ich da auch. Anpacken? Oh näh. Das ist nicht so hip. Kürzlich habe ich auch für die Leute in North Dakota (das ist da irgendwo in Amerika) unterschrieben, die dort gegen eine Pipeline kämpfen. Find ich gut. Und viele andere unterstützten sie auch. Aber dann haben die doch wirklich darum gebeten, da hin zu kommen. Nach Amerika. Ich. Und so musste ich leider schreiben, dass ich sie in meinen Gedanken begleite, ihnen alles Gute wünsche usw. Und die anderen Tausend Unterstützer/innen aus Japan, Indien, Italien oder Kongo haben so was Ähnliches geschrieben. Toll, wenn sich soo viele Leute für eine Sache einsetzen... Gibt ein richtig gutes Gefühl und ist so schön virtuell.
**Kiki** 29.04.2017
4. Auf halbem Wege stehengeblieben.
Ich gehe noch einen Schritt weiter und meine, diese Welt würde rasch besser werden, wenn alle darauf verzichten würden, andere Leute durch irgendetwas anderes als das jeweils eigene Beispiel zu einem bestimmten Verhalten bekehren zu wollen.
ayee 29.04.2017
5. Eben, eben
Es wäre viel gewonnen, wenn die Menschen endlich begreifen würden, dass z.B. auch jede Konsumentscheidung eine politische Entscheidung ist und direkten Einfluss hat. Und man durch persönliches Engagement viel mehr die Gesellschaft prägen kann, als alle vier Jahre mit einem Kreuz. Die meisten jammern oder lamentieren und machen was? Nichts. Erwarten im Zweifelsfalle aber, dass andere etwas machen.
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