Politisches Engagement Bitte wählen Sie!

Vielleicht liegt es an der irren Individualisierung, vielleicht war es schon immer so: Bei politischen Fragen fühlen sich viele machtlos - dabei können wir doch mitbestimmen. Zum Beispiel bei der Europawahl.

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Eine Kolumne von


Es gibt Menschen, die ich nie verstehen werde. (Auch wenn man von einer so sensiblen Schriftstellerin wie mir erwarten sollte, dass sie sich in jeden hineinzuversetzen vermag.)

Leute, die ihre Hände nach dem Toilettenbesuchhändewaschvorgang unter ein Gebläse halten, um die Dinger mit Düsengeräuschen zu trocknen zum Beispiel. Warum tun sie das, wenn die Hände ohne Düsengebläse in 1,2 Sekunden trocken werden (mit Gebläse: 1,1 Sekunden). Ähnlich verständnislos betrachte ich Paare, die an Esstischen sitzen, sich beim Namen nennen und zuprosten, bevor sie eine Serviette in den Ausschnitt ihrer Twinsets frickeln.

Das Missverständnis der Individualüberbewertung

Unverständlich ist mir auch, wie man es schafft, sich aufgrund seiner Herkunft, Hautfarbe, seiner Hobbys, seines Alters oder Religion anderen überlegen zu fühlen. Dabei sollte doch das einzige Kriterium, andere Menschen zu bewerten, deren Gier und Brutalität, Dummheit und Dreistigkeit sein. Egal. Andere Leute, andere Lebensentwürfe.

Früher, bevor die Welt entgleiste, hatte ich viel Zeit, mir über das Missverständnis der Individualüberbewertung Gedanken zu machen. Sie wissen schon: Den Menschen wurde seit Erfindung der Massenprodukte und der Massenproduktwerbung, seit der Erfindung des gesunden Zuckers, der fit machenden Cola, dem segensreichen superfettigen Mistfrühstück eingeredet, dass sie unglaublich einzigartig sind, individuell. Sozusagen. Und dass aus dem Grund alle die gleichen Turnschuhe kaufen müssen. Logisch.

Ich weiss nicht, ob die totale Missinterpretation der eigenen Wichtigkeit Ursache für die an Wut grenzende Erregung des Einzelnen heute ist, oder ob dem Menschen schon immer ein immanenter Denkfehler innewohnte. War es vor 200 Jahren normal, dass jeder meinte, die Welt sei nur zu seiner Seligmachung um ihn herum angeordnet?

Vielleicht wäre die Kränkung, der sich so viele heute ausgesetzt sehen, die Entrüstung, weil genau auf ihn oder sie keine Rücksicht genommen wird, nicht so stark, wenn es keine Werbung gegeben hätte, die Massenprodukte verschleudern muss. Wer weiß das schon. Apropos Wichtigkeit - interessant, dass die meisten sich ausgerechnet bei politischen Fragen machtlos fühlen. Dem fast einzigen Bereich möchte ich meinen, in dem ein - in einer Demokratie Lebender - noch irgendetwas bewirken kann. Vom 23. bis 26. Mai zum Beispiel finden Europawahlen statt.

Preisabfragezeitpunkt:
18.05.2019, 06:00 Uhr
Ohne Gewähr

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Und die interessieren, wie fast jedes Mal - fast keinen. Was zur Folge hat, dass das Europaparlament mehrheitlich, um es neutral zu sagen, eine konservative Gewichtung hat. Leute wie Steve Bannon bereiten sich zudem darauf vor, das Europaparlament in Besitz zu nehmen. Was man halt so macht, wenn man in seinem Land abgelost hat. Bannon ist jedoch nur der bekannte Protagonist, die Nebelkerze im Dunkel der faschistischen Woge, die derzeit die westliche Welt erfasst hat - der weiße Mann angesichts seines drohenden Machtverlustes und so weiter.

Wen ich übrigens noch nicht verstehen kann, sind Menschen, die ihre Zeit damit verbringen, sich über den kurzfristigen Trend zum Rechtsnationalen aufzuregen - und nicht wählen. Die seltsame Europawahl (Sehen Sie hier in diesem Video von 2014, wie sie genau funktioniert), die so wenig beworben wird, die so unwichtig scheint, kann alle, die sie ignorieren, mit einer dramatischen Änderung der demokratischen Spielregeln überraschen. Darum: Bitte wählen Sie!

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 151 Beiträge
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Peer Pfeffer 27.04.2019
1. Selbstverständlich
wähle ich! 1. ist die EU-Wahl dich gerade in Zeiten der Rechtsnationalen extrem wichtig, 2. werte ich dich nicht die Einen der anderen, die wählen, auf, indem ich nicht wähle! Aber: wenn ein Handtrockner mal irgendwo zufällig zur Verfügung steht, was mir sehen passiert, benutze ich ihn gerne.
heinz k 27.04.2019
2. Richtig , waehlen denn wer nicht waehlt ...
..wählt das was die Anderen waehlen. Trotzdem frustrierend , auch der Wahlomat hilft nur bedingt . Einige Parteien muss man vorher ausfiltern , die will mir die Maschine unbedingt unterjubeln. Jede Partei hat zu unterschiedlichen Themen ganz unterschiedliche Meinungen , da die groeste Schnittmenge zur eigenen Meinung zu finden ist hart. Aber nur mal alle 4 Jahre zur Wahl gehen , und denken das alles nach meinem Willen läuft ist auch nicht richtig. Je mehr sich jemand einbringt , ob Mitarbeit in einer Partei oder Übernahme eines politischen Amts ,desto mehr Einfluß soll er haben . Das ist schon OK so !
telarien 27.04.2019
3. Was eine Stimme bedeutet
Ich finde, mit dem Kreuz auf dem Stimmzettel legitimiere ich diese Partei. Ich möchte von ihr regiert werden. Bei der Europawahl kommt noch die zusätzliche Frage hinzu, ob man das aktuelle Europa überhaupt gut findet. Bei gründlicher Durchsicht der antretenden Parteien finde ich zwei Optionen vernünftig. Entweder sie gehen hin und wählen ungültig. Damit zeigen Sie, dass sie die Wahlmöglichkeit verstanden haben, aber keine Partei gut genug finden. Oder sie wählen DIE PARTEI, da tun Sie mit ihrer Stimme etwas Sinnvolles.
haarer.15 27.04.2019
4. Keine Zuversicht bei der EU-Wahl
Man muss diese Wahl abwarten, ohne vorher in die Glaskugel zu schauen. Ich gebe der Autorin in einem recht: Die konservative Gewichtung bei der Europawahl wird am Status Quo partout nichts ändern - obwohl Europa Aufbruch und Reformbereitschaft mehr denn je benötigt. Welche Parteien könnten am ehesten was bewegen ? Rechtskonservative Kräfte, die nach rückwärts blinken, sicher nicht. Bei dem kleinkariert denkenden heimatsäuselndem Personal wird mir allein schon flau im Magen. Die plustern sich auf, bringen aber nicht einmal im eigenen Land eine Reform hin, allenfalls ne Rolle rückwärts. Bestes Beispiel Manfred Weber und seine C-Konsorten. Die haben dann noch den Anti-EUler Orban mit am Bein. Es geht von dieser Wahl keine Zuversicht aus, weil Posten und Lobby-Vereine wichtiger sind als die Menschen im Mittelpunkt von Politik. Und deshalb Frau Berg, ich wähle - aber mit einem glatten Strich durch den Stimmzettel.
deufin 27.04.2019
5. Scheinwahlen!
Wer glaunt denn bitte immer noch daran, daß wir mit unserer Stimmabgabe tatsächlich was ändern könnten? Solange wir nicht wählen können, wer zur Wahl steht, ist es völlig egal wem wir unsere Stimme geben, denn der/diejenige hört nicht auf uns, sondern auf diejenigen, die ihn/sie zur Wahl aufgestellt haben. Deswegen ist unser politisches System auch keine Demokratie sondern parlamentarische Diktatur. Besonders weil wir zwischen den Wahlen rein gar nichts zu sagen haben. Was wir brauchen ist eine direkte Demokratie, in der wir die Politiker aus unseren eigenen Reihen wählen und nicht von irgendwelchen Parteilisten. Parteien sollte es grundsätzlich gar nicht erst geben, denn das führt zu Parteipolitik, die viel zu einfach zu korrumpieren ist. Zudem sollten viele Fragen nicht von Politikern, sondern direkt vom Volk abgestimmt werden, wie z.B. die Frage der Homo-Ehe, Abtreibung, Sterbehilfe, etc. Das sind Dinge die direkt von der Gesellschaft bestimmt werden sollten, und nicht in irgendwelchen Hinterzimmern von Politikern oder noch schlimmer vom Verfassungsgericht. Eine Gesellschaft muß selbst bestimmen können, wie sie zusammenleben will. Und nochwas sollte uns Bürgern möglich sein, nämlich Politiker zu feuern und neu zu wählen, wenn sie nicht das machen, was die Mehrheit der Wähler von Ihnen verlangt. Ich gehe zwar wählen, weil ich das als eine Bürgerpflicht ansehe und sogar eine Wahlpflicht einführen würde, aber es gibt derzeit keine Partei, die auch nur annähernd meine Vorstellungen vertritt. Von daher wähle ich meißt ungültig oder jemanden wie Herrn Sonneborn. Ich bin für die Abschaffung der Parteien und direkte Wahlen von Politikern. Jeder Wahlkreis wählt einen Vertreter der ins Parlament geschickt wird und dann dort die Meinung seines Wahlkreises vertritt. Minister gibt es nicht mehr, sondern alles wird im Parlament dirkekt oder in Fachausschüssen mehrheitlich entschieden. Sollte ein Parlamentarier gegen den Willen der Wähler abstimmen können die Wähler eine Neuwahl durchführen und somit einen Vertreter bestimmen, der nach dem Willen der Wähler abstimmt. Der Präsident sollte auch direkt gewählt werden. Solange wir an unserem derzeitigen politischen System festhalten sind das alles nur Scheinwahlen.
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