Britische Pop-Art Buttons, Beatles und Bardot

Pop-Art aus den USA ist bekannt - aber die britische? Eine Ausstellung in Wolfsburg zeigt jetzt die spannendsten Arbeiten aus den Fünfzigern und Sechzigern. Wenn nur der Klimbim nicht wäre.

Von Radek Krolczyk


Zu den schlimmsten Dingen, die der Kurator einer kunsthistorischen Ausstellung tun kann, gehört es, den Geist einer wie auch immer gearteten Vergangenheit einfangen zu wollen. Im Wolfsburger Kunstmuseum sieht das derzeit so aus: Gezeigt wird unter dem Titel "This Was Tomorrow" eine an sich wunderbare Auswahl an Kunstwerken britischer Pop-Art der Fünfziger und Sechziger. Darunter Filme, Collagen, Installationen, Plastiken und Gemälde berühmter Künstler wie David Hockney, Eduardo Paolozzi und Richard Hamilton.

Gemeinsam mit der viel bekannteren amerikanischen Pop Art eines Andy Warhol oder Roy Lichtenstein ist den hier ausgestellten Werken der Bezug zu Jugendkultur und Konsum: Da wäre etwa die große Auswahl früher Bilder von Peter Blake, darunter zum Beispiel "On the Balcony" von 1957. Blake hat auf seiner Leinwand ein paar junge Gestalten der frühen Popkultur gemalt, dazu Abbildungen von Gemälden, Werbebildern und Zeitschriftencovern dazu collagiert - ein Durcheinander an Dingen dominieren hier den Alltag der jungen Nachkriegsgeneration.

Irritierendes Glotzen: Gemälde von Peter Blake
Tullie House MuseumTullie House Museum and Art Gallery Trust/ VG Bild-Kunst, Bonn/ Kunstmuseum Wolfsburg and Art Gall

Irritierendes Glotzen: Gemälde von Peter Blake

Das Problem aber: Anstatt die Arbeiten für sich zu präsentieren und sie so als Kunstwerke ernst zu nehmen, überlagert allerlei Zeug der Sechzigerjahre ihre Wirkung.

Die ausliegenden Plattencover der Beatles allein wären entschuldbar: Die berühmte Hülle von "Sgt. Peppers Lonely Heartclub Band" etwa hatte das Künstlerpaar Peter Blake und Pauline Collin entworfen. Von Blake findet man auch ein Gemälde von 1961, das den Künstler zeigt mit unzähligen Bandbuttons an der Jeansjacke und einem Bild von Elvis Presley in der Hand. Ein vollkommen neuer Typus des Jugendlichen ist hier zu sehen - der Musikfan. Aber als würde man solchen Bildern allein nicht trauen, müssen in Vitrinen auch noch Illustrierte und Filmplakate liegen, aus Boxen Rock'n'Roll dröhnen.

Tausendfach wiedergekäute Bilder

Die Älteren unter den Ausstellungsbesuchern sollen sich durch diesen Kitsch vermutlich an ihre Jugend erinnern, die Jüngeren das Gefühl der wilden Sechziger vermittelt bekommen. Diese Idee funktioniert aber nicht, wenn die Ausstellungsrequisiten lediglich starre und medial tausendfach wiedergekäute Bilder reproduzieren.

Auch in der Ausstellungsarchitektur und der Auswahl der Arbeiten wird der Versuch einer historischen Rekonstruktion unternommen. Und hier funktioniert er tatsächlich - weil nicht nur Stereotype aufgewärmt werden, sondern der Kontext, in dem die Werke erstmalig ausgestellt und rezipiert wurden, sichtbar wird: Als Vorbild und Ausgangspunkt gilt in Wolfsburg eine Ausstellung mit dem Titel "This is Tomorrow", die 1956 in der Whitechapel Gallery in London zu sehen war.

Sie wird gewissermaßen als Urknall der britischen Pop Art verstanden. Im Mittelpunkt dieser Schau stand die multimediale Installation "Fun House" der Künstler Richard Hamilton, John Voelcker und John McHale. Nach Ausstellungsende wurde sie verschrottet und 1987 rekonstruiert. Nun ist das "Fun House" im Kunstmuseum zu sehen. Die betretbare Installation erinnert tatsächlich an jene Kirmesparcours, mit seltsamen Geräuschen, Zerrspiegeln und tückischen Fußböden, aus denen Dampf emporschießt, die sich bewegen und in denen man versinkt.

Die drei Künstler reicherten ihre Bude mit Collagen an, für die sie sich im Bildarsenal der Popkultur bedienten. Auch Musik spielt eine große Rolle: eine Jukebox steht bereit, über ein Mikrofon lässt sich die eigene Stimme in die Installation einspeisen. Für Ausstellungsbesucher in den Fünfzigern muss es ein wahrer Overkill an Sinneseindrücken gewesen sein. Spaß macht die antiquierte Kunstbox aber auch heute noch.

Ähnlich eindrücklich, wenn auch auf ganz andere Weise, erschließt sich die Haltung der britischen Pop-Art zur Geschlechterpolitik: Dass Gleichberechtigung eine große Rolle in der Kunst der britischen Pop-Art gespielt haben soll, wird in den Publikationen zur Ausstellung zwar behauptet. In den Werken selbst, wie etwa in den aus halbnackten Frauen gebauten Möbeln von Allen Jones, kann man die Haltung der Künstler zum anderen Geschlecht höchstens ästhetisch affirmativ nennen.

Die Frau als Möbel: Werk von Allen Jones
Christie's Images Limited/ Kunstmuseum Wolfsburg

Die Frau als Möbel: Werk von Allen Jones

Lediglich zwei weibliche Positionen zeigt die Wolfsburger Ausstellung; eine davon ist Pauline Boty, die Bilder und Fotografien dazu nutzte, den eigenen Körper zu inszenieren und ihn sich auf diese Weise anzueignen. Hier erzählt eben gerade nicht die Überfülle an Requisiten, sondern das Fehlen von Werken viel über eine Kunstszene, in der Frauen kaum aktiv waren. Ein durchaus aktueller Diskurs - und einer, der sich auch ohne Rock'n'Roll im Hintergrund erschließt.

Die Ausstellung "This was Tomorrow. Pop Art in Great Britain" ist noch bis zum 19.2. im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen.

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