SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. Februar 2010, 07:02 Uhr

"Pop Life" in Hamburg

Sag Hallo zur Hysterie!

Von

Kebab-Shirts, Porno-Persiflagen und ein goldhufiges Kalb: Die Ausstellung "Pop Life" zeigt die Kunst-Schlager der vergangenen 30 Jahre. Die Schau ist ein überraschend smarter Kommentar zu künstlerischen Marketingtricks - trotz verheerender Kritiken in England.

Die Ausstellung "Pop Life" erinnert an den HSV-Einkauf Ruud van Nistelrooy: Beide kommen für viel Geld und mit großem Medienrummel nach Hamburg - aber auch mit reichlich Blessuren. "Pop Life", ab Freitag in der Hamburger Kunsthalle zu sehen, ist beim Start in London ziemlich abgewatscht worden. Die britische Tageszeitung "The Independent" urteilte: "eine zutiefst seichte Schau". Und das deutsche Kunstmagazin "Monopol" stöhnte: "Das Beste aus den 80er-, 90er-, Nullerjahren - und am Ende ist man platt wie nach fünf Stunden Hitradio."

Und tatsächlich: Da sind sie, die Kunst-Schlager der vergangenen 30 Jahre. Das goldhufige Kalb "False Idol" von Damien Hirst. Die Superflat-Produktionen von Takashi Murakami, die aussehen, als hätte ein Spielzeugdesigner mal alle Regeln seines pädagogischen Restanstands vergessen. Und die Porno-Persiflagen von Jeff Koons aus der Zeit, als er sich zusammen mit dem Porno- und Politsternchen Cicciolina so effektiv in die Boulevard-Medien hineinspielte, dass man Kindern erklären musste, dass "Kunst" nicht von "Koons" kommt.

Und doch ist "Pop Life" kein Panoptikum des Teuren und Skandalträchtigen, sondern eine intelligente Ausstellung. Ausgangspunkt ist das Spätwerk Andy Warhols. Der silberhaarige Narziss machte in den siebziger und achtziger Jahren mit dem Recycling eigener Arbeiten und mit Auftritten bei Society-Events, in Werbespots und TV-Shows, die noch heute kunstvoll künstlich wirken, Markt und Öffentlichkeit zu seinen erweiterten Ausdrucksmedien. Von Warhol aus folgt die Schau dem Teil der Kunst der vergangenen 30 Jahre, der sich der Welt des Medien- und Konsumspektakels nicht mehr aus einem unschuldigen Abseits heraus entgegensetzt, sondern bewusst Kunstmarkt und Publicity-Maschinerie infiltriert.

Die Sehnsucht, im Mainstream obenauf zu schwimmen

Ein Teil der Künstler - allen voran Koons, Hirst und Murakami - gestalten sich und ihre Produktion als Brands und folgen dabei der Sehnsucht, im Mainstream obenauf zu schwimmen. Kunst im Geist totaler Affirmation - sein Ideal hat Koons schon 1987 so angetextet: "für immer frei in der Macht, dem Ruhm, der Spiritualität und der Romantik, im Mainstream befreit, ohne jede Kritik".

Als Höhepunkt einer solchen Positionierung zelebriert Hirst im September 2008 seine Macht und seinen Ruhm, indem er 223 atelierfrische Varianten seiner Schmetterlingsbilder, Arzneimittelschränke und Formaldehyd-Tiere bei Sotheby's versteigert. Gleich einem sublimen Kunstwerk gibt er der Auktion den Titel: "Beautiful Inside My Head Forever."

In der Ausstellung werden einige der damals für insgesamt 111 Millionen Pfund versteigerten Werke gezeigt. Dazu führt ein Film vor Augen, warum dieser Abverkauf von Arbeiten voller aberwitziger Selbstparodien und Selbstüberbietungen die Steigerung einer Versteigerung war: eine Reallife-Performance um Geldgier und Dekadenz, um Kunstspekulationsgeschäfte und Hirst-Hysterie.

"Pop Life" zeigt auch künstlerische Markt- und Medien-Strategien, die weniger affirmativ, sondern eher trashig-sarkastisch daherkommen. Dazu gehört der Laden, den Tracey Emin und Sarah Lucas 1993 im Londoner East End führten, wo sie neben T-Shirts mit Sprüchen wie "She's Kebab" auch Pseudo-Merchandising-Artikel wie Aschenbecher mit dem Gesicht Hirsts verscherbelten. Dazu gehören auch Aspekte bei Martin Kippenberger, der einmal bei Koons ein Bild orderte, das sein Porträt mit der Schlagzeile überblendete: "Jeff Koons Thinks Martin Kippenberger Is Great, Tremendous, Fabulous, Everything".

Grafisch so elegant wie Fliegendreck

Weitaus radikaler aber ist Andrea Frasers Film "Untitled": Er zeigt die Künstlerin beim Sex mit einem Sammler, dem sie sich für eine ungenannte Summe angeboten hatte. Mit dieser Aktion überzeichnete sie nicht nur die Annahme, dass sich Künstler ohnehin für den Kunstmarkt prostituieren, sondern sie stellte auch zur Diskussion, wer hier wem zu Diensten war: Der Sammler musste nicht nur zahlen, er musste sich auch beim Vollzug filmen lassen und dabei naturgemäß mehr "Performance" bieten als die Künstlerin selbst.

Lautete der Untertitel von "Pop Life" in London noch so poppig swingend wie sinnvoll "Art in a Material World", trötet er in Hamburg: "Warhol, Haring, Koons, Hirst, …". Das ist nicht nur grafisch so elegant wie Fliegendreck, es ist auch irreführend: Wer kommt, um die Blockbuster der Kunstwelt zu sehen, wird an der glatten Oberfläche der Exponate abgleiten und sie für nichts als verkaufsstrategisch optimierte Kunstware halten. Eigentlich aber ist "Pop Life" ein komplexer Ausstellungsessay über gute, wenn auch nicht immer selbstlose Gründe dafür, dass Künstler in Kommerz und Öffentlichkeit hineinregieren.

Seltsam auch, dass Koons Edelstahl-Skulptur "Rabbit", die das Plakatmotiv ist und als rosa Riesenposter an der Kunsthallen-Fassade prangt, in der Ausstellung nur in Form eines Luftballons in einem Video auftaucht. Eine Schau, die so mit heißer Luft kokettiert, lädt geradezu ein, als Leichtgewicht verkannt zu werden.


"Pop Life. Warhol, Haring, Koons, Hirst, ...": 12. Februar bis 9. Mai, Hamburger Kunsthalle. Der aufschlussreiche Katalog kostet 26,95 Euro.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung