Popkulturmagazin "Bauerfeind" Die will doch nur spielen

Mit ihrem neuen Popkultur-Magazin auf 3sat soll die ehemalige "Ehrensenf"-Moderatorin Katrin Bauerfeind die Verheißung des Internet-Fernsehens zu den Öffentlich-Rechtlichen tragen. Doch so lustig und launig sie sich durch die Sendung klickt - Haltung sucht man hier vergeblich.

Die jungen Menschen heutzutage sind wirklich nicht zu beneiden. Was sie auch anstellen, um sich von ihren Eltern abzugrenzen, am Ende werden alle ihre Bemühungen ökonomisch zwangseingemeindet. Selbst die nächtelangen Sessions mit dem Computerspiel "World of Warcraft", eigentlich doch Sinnbild rigoroser Leistungsverweigerung, sollen jetzt auf einmal der Karriere förderlich sein. Vom Gamer zum Global Player, das ist die Gewinnerlaufbahn der Zukunft.

3sat-Moderatorin Bauerfeind: Im ungedrosselten assoziativen Rauschen sucht man Haltung vergebens

3sat-Moderatorin Bauerfeind: Im ungedrosselten assoziativen Rauschen sucht man Haltung vergebens

Foto: ZDF

So stellt es jedenfalls das neue Popkulturmagazin von 3sat dar, für das die ehemalige "Ehrensenf"-Moderatorin Katrin Bauerfeind Kurioses aus den alten Subkulturen und den neuen Medien zusammenträgt. Was bislang von der besorgten Elterngeneration als hemmungslose Verschwendung von Zeit- und Intelligenz-Ressourcen betrachtet wurde, präsentiert sich in "Bauerfeind" als komplexer mentaler Optimierungsprozess, der fit machen soll für den Verdrängungswettbewerb der Zukunft.

Was für eine schöne Illusion!

Denn in Wirklichkeit, so legt der erste Beitrag der ersten Ausgabe nahe, trainierten die neuen Computerspiele Fähigkeiten, die später in der freien Wirtschaft unabdingbar seien. "Wer heute eine Gruppe bei 'World of Warcraft' anleitet", sagt hier ein hohes Tier aus der Computerwirtschaft, "probt vielleicht schon ohne es zu wissen Qualitäten, die morgen gefragt sind." Dazu gehöre eben neben dem Schießen und Rennen auch das Planen und Kommunizieren: Zauberwort Multitasking.

In diesem Sinne präsentiert sich Katrin Bauerfeind, 26, in ihrer neuen Sendung ganz als Kind ihrer Generation. Sämtliche Aufgaben im Studio übernimmt sie nämlich augenscheinlich selbst. Das Fernsehbild zu "Bauerfeind" kommt grafisch als PC-Oberfläche daher, unten am Rand sind Vor- und Rückspultasten zu sehen, und mit einem Knopfdruck kann die Moderatorin jederzeit die sogenannte "Katrin-Cam" anschalten, mit der sie sich selbst ins Bild bringt.

Was für eine schöne Illusion! Wenn man Bauerfeind zuschaut, wie sie während ihrer Moderation mit ein paar Mausklicks sämtliche Regieaufgaben zu übernehmen scheint, wie sie launisch die Einspielfilme stoppt und wieder weiter spult, wie sie Nebensächlichkeiten in den Vordergrund rückt oder allzu weihevolle Momente ironisch bricht, dann will man im ersten Moment tatsächlich glauben, dass hier sämtliche Versprechungen des digitalen Zeitalters in Erfüllung gehen.

Fernsehen für das Internet-Zeitalter

So könnte sich ein Fernsehen der kurzen Wege und der flachen Hierarchien anfühlen. Ein Fernsehen der spontanen Eingebung und des ungebremsten Ausdrucks. Ein Fernsehen der ultraschnellen Verlinkungen, bei dem zusammenwächst, was auf den ersten Blick gar nicht zusammengehört.

Mit der satirischen Web-Show "Ehrensenf", mit der Bauerfeind ihre Karriere begann und die zeitweilig auch bei SPIEGEL ONLINE zu sehen war, arbeitete die Moderatorin mit an einer Art von hyperaktivem Fernsehen für das Internet-Zeitalter. Ultra-rasant und ultra-ironisch wurde sich da durch eine Phänomenologie der digitalen Revolution gezappt. Doch was in fünf Minuten "Ehrensenf" zeitweise toll funktionierte, ermattet in einer halben Stunde "Bauerfeind" einfach nur noch. Denn im ungedrosselten assoziativen Rauschen sucht man eines vergebens: Haltung.

Dabei könnte dieses neue Format, das im einigermaßen quotengeschützten Raum des Kultursenders 3sat entwickelt wurde, ja durchaus wichtige Impulse bei den Öffentlich-Rechtlichen einbringen: Endlich werden junge Phänomene aus junger Perspektive betrachtet; endlich beschreibt jemand die Segnungen und Gefahren des digitalen Zeitalters, der auch selbst aktiv mit ihnen umgeht.

Unvergessen ist in dieser Hinsicht, wie Bauerfeind im Frühjahr letzten Jahres vertretungsweise beim 3sat-Magazin "Kulturzeit" mitmischte und statt die Sendung im 40-Minuten-Format zu präsentieren, den Dreifach-Loop eines 13-Minüters zeigte. Mit der Wiederholung sollte auf die angeblich veränderten Sehgewohnheiten der Zuschauer reagiert werden. Das Bildungsbürgertum, wie wunderbar, rannte Sturm gegen die Beschneidung ihrer heiligen Kultursendung. Doch dieser Ansatz von Authentizität und Experimentierfreude wird nun leider in "Bauerfeind" gänzlich verspielt.

Computerspiele machen nicht per se dumm und süchtig!

Und das macht ausgerechnet der Beitrag zu den "World of Warcraft"-Apologeten besonders deutlich. Eigentlich bietet sich hier die Möglichkeit einer differenzierteren oder wirklich provokanten Betrachtung dieses in den älteren Medien oft dämonisierten Gegenstands: Nein, Computerspiele machen nicht per se dumm und süchtig!

Doch leider nehmen sich die Filmautoren nicht genug Zeit, ihre Linie auszuformulieren. Es wird zwar kurz angerissen, dass es eine Harvard-Studie gibt, die den leistungsfördernden Aspekt von "Warcraft" und Co. nachgewiesen hat – eingearbeitet in die Argumentation wird sie jedoch nicht. Stattdessen gibt Bauerfeind zugegeben komische Kommentare zum Thema ab, zum Beispiel diesen: "Das Pickelgesicht, das früher immer so lustig war, lacht bald über uns. Oder feuert uns."

So gesehen krankt die Sendung über Strecken am alten "Polylux"-Syndrom: Die Welt war hier ein einziges Kuriositätenkabinett. Beim unlängst nicht ganz zu Unrecht eingestellten ARD-Zeitgeistmagazin arbeitete Bauerfeind schon mal als Vertretung; mit herüber genommen hat sie nun die Unart, jeden Anflug von gesellschaftspolitischer Bedeutsamkeit einfach wegzuschmunzeln.

Dass ihr Studio als digitales Spielzimmer daherkommt, verstärkt diese Tendenz leider noch. Bei einem eher mäßig ergiebigen Interview mit Udo Lindenberg zerstört Bauerfeind mit ihrem Instrumentarium denn auch den einzigen wahrhaftigen Moment. Gerade hat sie mit dem alten Mann des Deutschrock über den Tod gesprochen, da zappt sie sich lustig mit ihrer "Katrin-Cam" ins Bild, um den Moment gegen potentielles Pathos abzusichern.

So gesehen ist "Bauerfeind", dieses eigentlich doch so verheißungsvoll flirrende Popkulturmagazin für die Generation Power-Point, eine ganz und gar risikounfreudige Angelegenheit: Wie eine Popup-Anzeige den Blick auf einen starken Text versperrt, überstrahlt die Pointe hier jede Art von Standpunkt.


"Bauerfeind": Mittwochs, 21.30 Uhr, 3sat

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