"Popstars" Hurra, ein Skandal!

Alles Lüge! Na und? Dank kleiner Skandälchen ist die Doku-Soap "Popstars" mal wieder in aller Munde und eine neue Retortenband namens Bro'Sis bald sehr erfolgreich.

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Perfekter Zuschnitt auf den Bedarf der Zielgruppe: "Popstars"-Gewinner Bro'Sis
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Perfekter Zuschnitt auf den Bedarf der Zielgruppe: "Popstars"-Gewinner Bro'Sis

Sie haben es noch nicht mitbekommen? Erstaunlich, denn die einschlägige Boulevard-Presse samt "Blitz!", "Bild" und "Explosiv" berichtet schon die ganze Woche lang mit wechselnden Aufhängern über die zweite Staffel der RTL-2-Doku-Soap "Popstars", beziehungsweise deren Ergebnis. Am Sonntag vergangener Woche fiel nämlich die "Entscheidung" der dreiköpfigen Jury, den sechs jungen Leuten, die nun als Popgruppe unter dem einfallsreichen Namen "Bro'Sis" firmieren, zum Charterfolg und Medienruhm verhelfen sollte. Ist das wichtig?

Nein, aber inzwischen sind sogar die Feuilletons der anspruchsvolleren Blätter auf den Zug aufgesprungen, denn zur Unterfütterung des ganzen Medien-Hypes behauptete nun auch noch ein in Ungnade gefallenes Jury-Mitglied, dass die ganze Show ein abgekartetes Spiel gewesen sei und die Gewinner von Anfang an fest gestanden hätten. Hurra, ein Skandal!

Die von der Münchner Produktionsfirma Tresor TV produzierte Doku-Soap zeigt Auswahl ("Casting") und Training einer durch das bewährte Zehn-kleine-Negerlein-Prinzip immer kleiner werdenden Gruppe talentierter und geltungssüchtiger Teenager und Mittzwanziger. Am Ende der Serie, die attraktiverweise auf Ibiza spielt, winkt den Gewinnern eine Karriere als Popstars im Musikbusiness. Der Clou: Für den Fernsehzuschauer, der während der Serie um seine Favoriten bangt, sind die potenziellen neuen Popstars schon gute Bekannte, bevor sie überhaupt per CD oder Video in Erscheinung getreten sind - er hat sie vermutlich schon in allen Lebenslagen, jubelnd und unter Tränen am TV-Schirm beobachten können. Bewiesen wurde der garantierte Erfolg in den vergangenen Monaten von der Pop-Gruppe No Angels, den "Überlebenden" der ersten "Popstars"-Staffel.

Wie man an anderen "Reality"-Formaten wie "Big Brother" sehen konnte, sind die Emporkömmlinge aus dem "zweiten Aufguss" zumeist weniger erfolgreich als deren Vorgänger, weshalb die gefällige, wundersamerweise bereits wenige Stunden nach dem "Ergebnis" der Jury-Entscheidung produzierte Debüt-Single "I Believe" möglicherweise nicht ausreicht, den sechs neuen Popstars den gewünschten No-Angels-Erfolg zu bescheren.

Wegbereiter No Angels: Akzeptanz der alltäglichen Paranoia
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Wegbereiter No Angels: Akzeptanz der alltäglichen Paranoia

Da passt es gut, dass sich der deutsch-amerikanische Bro'Sis-Sänger Shaham kurz nach dem ersten Live-Auftritt der Band empörenderweise als ehemaliger Schlägertyp outete, erste Schlagzeilen waren gesichert. Doch dann meldete sich gegen Ende der Woche auch noch die während der Serie aus der "Popstars"-Jury ausgestiegene Noah Sow zu Wort und behauptete nestbeschmutzend, dass alles nur ein großer Betrug auf Kosten der Zuschauer und der talentierten Bewerber gewesen sei. Motiv der Moderatorin und Sängerin: Sie wolle nicht mitsamt der ganzen schmutzigen "Popstars"-Chose in den Boulevard-Sumpf gerissen werden. Ups, zu spät.

Derlei Beschuldigungen der dreisten Publikums-Verlade dürften dem Reality-TV-erprobten Zuschauer nicht fremd sein. Schon zu "Big Brother"-Zeiten erregten sich regelmäßig die Gemüter, wenn mal wieder ein Medienmensch Gerüchte in Umlauf gebracht hatte, die Show sei von vorne bis hinten getürkt. Die Wahrheit, so man sich denn überhaupt für sie und nicht für den Skandal interessierte, blieb dank der kurzen Halbwertszeit solcher Fernsehformate auf der Strecke. Berufsparanoiker fragen sich, ob nicht sogar die erhobenen Vorwürfe geschickt lanciert werden, um noch mehr Medienaufmerksamkeit zu garantieren. Derweil wird fleißig dementiert: bei Tresor, bei RTL2 und bei den nicht desertierten Jury-Mitgliedern Alex Christensen und Detlef "Dee!" Soost, die außer ihrem guten Ruf nichts mehr zu verlieren haben.

Wie unnötig. Warum nicht zum beeindruckend effektiven Konzept des eigenen Produkts stehen und stolz darauf sein? Mit der Missgunst des vermeintlich betrogenen Publikums ist doch gar nicht zu rechnen. Es hat längst gelernt, mit dem alltäglichen Verdacht zu leben, beschummelt und betrogen zu werden - anders ist auch der Erfolg der No Angels nicht zu erklären: Alles Lüge! Na und?

Vor der massiven Manipulation durch Entertainmentindustrie, Wirtschaftsunternehmen und Politiker kann man als moderner Mensch nur kapitulieren. Mitmachen im großen Gewinnspiel der Macher ist angesagt, Rückzug auf den bequemsten Weg: den Konsum der angebotenen Produkte, die - siehe "Popstars" - immer perfekter auf Zielgruppen und Bedarf zugeschnitten werden. Dabei dürfen echtes Talent, echtes Leben oder sonstige Zufallsprinzipien nun wirklich keine Rolle spielen. Und wann kaufen Sie die neue Bro'Sis-Single?



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