Popstars und Macht Der große Rock'n'Roll-Schwindel

R. Kelly, Michael Jackson und Ryan Adams sind akute Beispiele dafür, wie unantastbar der Popstar-Status Menschen machen kann - teils über Jahrzehnte. Ändert sich das jetzt?

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Zehn Jahre lang herrschte posthume Harmonie im Umgang mit dem "King of Pop" Michael Jackson. 2005, wenige Jahre vor seinem Tod, wurde der Star vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs eines minderjährigen Jungen freigesprochen.

Die ersten Anschuldigungen kamen jedoch viel früher, als der 13-jährige Jordan Chandler 1993 zusammen mit seinem Vater Jackson anklagte, ihn sexuell missbraucht zu haben. 1994 einigte man sich außergerichtlich mit einer kolportierten Zahlung von 23 Millionen Dollar.

Beim Prozess 2004/2005 war es ein Film des britischen Journalisten Martin Bashir, der zur Anklage führte. Und auch jetzt ist es ein Dokumentarfilm, der erneut ein grelles Licht auf die Schattenseiten der fast schon messianisch verklärten Popgestalt Jackson wirft. Im HBO-Film "Leaving Neverland" beschreiben zwei seiner heute erwachsenen mutmaßlichen Opfer, wie sie auf Jacksons Märchenranch von dem Superstar missbraucht worden sein sollen.

Ob die beiden Männer, die früher auch schon einmal zugunsten Jacksons ausgesagt haben, die Wahrheit sagen, wird vor Gericht geklärt werden müssen. Im Zeitalter von #MeToo-Hashtags und moralisch-ethischer Urteile, die von einer globalen Social-Media-Justiz gefällt werden, dürfte es selbst dem glühendsten Fan Jacksons schwerfallen, sein Idol dauerhaft gegen den Pädophilie- und Vergewaltigungsvorwurf zu verteidigen.

Grenzüberschreitung als Teil des Popspektakels

Immer schwieriger zu beantworten wird dabei die Frage sein, wie man noch Jackson-Songs, darunter Klassiker wie "Billie Jean", "Thriller" oder "Beat It" feiern kann - ob nun als Popmeilensteine des 20. Jahrhunderts oder als ewige, für jeden gültige Radio- und Partyhits. Gleiches gilt für die Songs des R&B-Sängers R. Kelly und die Songwriter-Balladen des Indie-Musikers Ryan Adams, denen ihre jahrelangen Machtmissbräuche aktuell vorgehalten werden. Und es gilt nach wie vor für die TV-Serien und Filme von Kevin Spacey, für die Regie-Arbeiten von Bryan Singer ("X-Men") und Woody Allen - oder alles, was jemals durch die Hände und über den Schreibtisch des Produzenten Harvey Weinstein ging.

Eine griffige Antwort für den Umgang mit dieser Problematik gibt es nicht. Noch nicht. Es ist ein vom aktuellen Zeitgeist und neuen Vernetzungs- und Kommunikationswegen geprägter Beschäftigungsprozess, der jetzt gerade beginnt - und möglicherweise zu einem aufgeklärteren Umgang mit Stars und Idolen führen kann.

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Entgrenzte Popstars: Die Heldensockel wackeln

Denn jahrzehntelang hat der große Rock'n'Roll-Schwindel auf perfide Weise gut funktioniert, wie nicht zuletzt das hyperprominente Beispiel Michael Jackson zeigt: Der weltweit verehrte Popstar trug seine Verschrobenheit, seine oft abseitig wirkenden Eigenarten spätestens ab Beginn der Neunziger ja öffentlich zur Schau, von Nasen-OPs, Affenliebe und Peter-Pan-Komplex bis hin zu jener nun wirklich alarmierenden Szene, als er einen seiner Söhne im Babyalter über die Brüstung eines Balkons im vierten Stock des Berliner Adlon Hotels hielt.

Kein Pädophilie-Verdacht, keine Klage minderjähriger Opfer, keine Horrormeldung in den Schlagzeilen der Yellow Press konnte den Mythos Michael Jackson zerplatzen lassen: Zum musikalischen Genie gehört, so das Narrativ, eben auch eine gewisse Exzentrik. Die prominente Grenzüberschreitung wird zum Teil eines komplexen, mit Sehnsüchten und Projektionen durchdrungenen Popspektakels.

Dieser Verblendungszusammenhang sorgte schon immer für ein Vakuum, in dem vor allem Rock- und Popstars weitgehend ungestraft jeglicher Perversion frönen dürfen. Ihr Auskosten und Erleiden von Amoral und Gewalt sollten sie wiederum, stellvertretend für uns Rezipienten, in möglichst intensive Songs gießen, mit denen die eigene, unerfüllte Lust am Libertären und Hedonistischen indirekt ausgelebt werden kann.

Für diesen Akt werden die Schmerzensmänner - zumeist, aber nicht immer sind es Männer - als Heroen gefeiert und auf ihrem Sockel, auf den großen Bühnen im Stadion, wird ihnen gehuldigt. Das macht es so mühsam, Werk und Künstler voneinander getrennt zu betrachten.

Baby-Groupies und Sweet Sixteens

Manche dieser auch von der Popkritik nachhaltig glorifizierten Bad-Boy-Mythen des 20. Jahrhunderts sind bis heute intakt. Die Rolling Stones zum Beispiel kokettierten gern mit ihrem Status, eine der wüstesten Banden des Rockbetriebs zu sein: Auf einigen T-Shirts und Merchandise-Produkten zur "Voodoo Lounge"-Tournee von 1994 stand: "Stones withstand Divorce, Slander, Rip-Offs, Slagging, Under-Age Sex, Alcohol, Drugs" - die Band durchsteht einfach alles: Scheidungen, üble Nachrede, Nachahmer, Lästereien, Drogen, Alkohol - und Sex mit Minderjährigen.

In den Siebzigern, der moralisch wohl flexibelsten Dekade des letzten Jahrhunderts, tingelten sogenannte Baby-Groupies den großen Rockstars hinterher, die bekannteste von ihnen ist Lori Mattix (oft Maddox genannt), die 2015 schilderte, wie sie mit 14 von David Bowie in einem Hotelzimmer entjungfert wurde - und im Teenageralter auch Affären mit Led Zeppelins Jimmy Page und Stones-Frontmann Mick Jagger gehabt haben will.

Aber schon vorher, in der vermeintlich goldenen frühen Rock'n'Roll-Ära, war nicht alles knuffig: Jerry Lee Lewis heiratete seine 13-jährige Cousine, Chuck Berry - einer seiner größten Hits war "Sweet Little Sixteen" - wurde bei einer Autofahrt mit einer 14 Jahre alten Prostituierten erwischt, wobei er bestritt, über ihr Alter und ihre Profession Bescheid gewusst zu haben. Und auch Elvis Presley, der "King of Pop" vor Michael Jackson, hatte ein ausgeprägtes Faible für minderjährige Mädchen - "Cherries" nannte er sie, Kirschen.

Grenzen setzen

Ein paar Jahre bevor er 1959 seine spätere Ehefrau Priscilla kennenlernte, die damals erst 14 war, zehn Jahre jünger als Presley, kam es offenbar zu einem Zwischenfall, als der Sänger in einem Garderobenraum der erst 14-jährigen Jackie Rowland zeigen wollte, "wie Erwachsene sich küssen". Die Mutter des Mädchens ging dazwischen und verhinderte den Übergriff. So zumindest schilderte es die US-Journalistin Alanna Nash in ihrem 2010 veröffentlichten Buch "Baby, Let's Play House", das die Frauen in Presleys Leben zu Wort kommen ließ.

Aber naturgemäß sind Eltern eher selten dabei, wenn es um Rock'n'Roll und die damit verbundenen Autonomieprozesse der Adoleszenz geht. Daher wünscht man sich vor allem dass, wenn schon nicht in der Vergangenheit, zumindest künftig all jene bisher stummen Gehilfen, jene Freundinnen und Freunde, Publizistinnen und Publizisten, Anwältinnen und Anwälte, Assistentinnen und Assistenten, Managerinnen und Manager, Bandkolleginnen und -kollegen, Schauspielerkolleginnen und -kollegen, Produzentinnen und Produzenten einschreiten und den Bann des Verführens, Manipulierens und Schweigens brechen.

Es reicht, wenn die Lieder und die Kunst großer Stars Macht ausübt, gern und notwendigerweise auch radikal, revolutionär und tabubrechend. Ihnen selbst aber, den Menschen hinter diesen Leistungen, können wir Grenzen setzen.

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