Porno-Debatte Oral, anal, banal

Guter Porno, schlechter Porno: Frank Plasberg diskutierte bei "Hart aber fair" über die Allgegenwärtigkeit sexueller Darstellungen und versuchte dabei die Frage zu klären, was korrekt und was unkorrekt sei. Mit bescheidenem Erfolg.

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Ist das Thema schwammig, müssen die Worte umso klarer sein. "Das klingt jetzt wie gutes Ficken, schlechtes Ficken", meinte Moderator Frank Plasberg irgendwann im Laufe der Diskussion. Zuvor hatte der Fernsehkomiker Ingo Appelt zu erklären versucht, weshalb es sich um einen befreienden Akt handelte, als er bei seinen TV-Auftritten vor zehn Jahren unentwegt das Wort "Ficken" vor der Kamera skandierte – aktuelle populäre Produkte wie der "Arschficksong" des Rap-Komikers Sido indes menschenverachtender Schmutz seien.

Ziemlich schnell wurde gestern klar, dass der Grenzverlauf zwischen statthaft und bedenklich bei der Darstellung von sexuellen Handlungen ziemlich kompliziert ist. Eingeleitet hatte Plasberg seine Sendung mit den drastischen Worten "Flaschendrehen war gestern, Gangbang ist heute", anschließend sollten die Gäste klären, wie schädlich sich die zurzeit viel diskutierte Pornografisierung der Gesellschaft aufs Sexualverhalten vor allem junger Menschen auswirke.

Das Podium war denkbar pluralistisch besetzt: Ganz links hockte etwas unbeholfen der Sexindustrie-Lobbyist Axel Schaffrath, bekannt auch als Mann der Erotik-Aktrice a. D. Gina Wild und als Sprecher der Erwachsenenspielwaren-Messe "Venus", der sich bemühte Pornografie als Lifestyle zu verkaufen. Ganz rechts empörte sich Regine Schwarzhoff, Vorsitzende des Elternvereins NRW und dreifache Mutter, über die Auflösung sämtlicher Schamgrenzen und den fortschreitenden Verlust "westlich-christlicher Werte".

Freizeit wie Porno-Dreh

Dazwischen saßen drei Gäste mit einem eher pragmatischen Verhältnis zum Thema: Neben Appelt ("Schlimmer als ich darf es nicht werden") und der Viva-Moderatorin Nova Meierhenrich, in deren Sendung "Are U Hot?" junge Dinger im Bikini für ihre freizügig präsentierten Maße taxiert werden, kam auch "Stern"-Autor Walter Wüllenweber zu Wort, der unlängst für einen Artikel das Sexualverhalten von Halbwüchsigen untersuchte, die ihre Freizeit wie einen Porno-Dreh organisieren. Abgesehen von der nordrhein-westfälischen Elternsprecherin, die jede Art von sexueller Darstellung gerade bei Jungs als Aufheizung sowieso schon komplizierter "biologischer Vorgänge" rigoros ablehnte, wollten die restlichen Diskutanten die Pornografie nicht per se verdammen.

Aber da wurde es eben vertrackt. Was ist denn nun ein guter und was ist ein schlechter Porno? Wüllenweber mokierte sich über "Regalmeter von Schmierereien mit Fäkalien", die in den Erotikshops zu finden seien und riet allen besorgten Eltern, sich das einmal genau anzuschauen, um zu erfahren, womit ihre Kinder konfrontiert werden. Gleichzeitig trat er für erotische Darstellungen als "Genussmittel und Kulturgut" ein. Der Journalist stellte Analogien zur Weinkultur her und forderte ein, dass "Qualitätsmaßstäbe" entwickelt werden sollten.

Angezogen auf der Akropolis - ungewaschen in Neukölln

Genau solches Geschmäcklertum bringt die Diskussion allerdings grundsätzlich in eine unangenehme Schieflage: Porno ist, wenn einer oder mehrer Menschen sexuell aktiv sind, um einen oder mehrere Menschen sexuell zu stimulieren. Ob sie das nun in historischen Kostümen auf der Akropolis tun oder ungewaschen in irgendwelchen Kellerlöchern in Neukölln, ist erstmal ziemlich unerheblich. Die Kernfrage bleibt, ob das abgefilmte sexuelle Treiben auf wirklich freiwilliger Basis stattfindet. Und hier gibt es tatsächlich eine gefährliche Zweideutigkeit. Denn ob eine junge Frau, die unentwegt mit dem "Gangbang"-Rap des Asi-Rappers Bushido zugedröhnt wird und sich dazu noch auf den Handys ihrer Clique Gruppensexszenen angucken muss, tatsächlich gänzlich unmanipuliert in ihren Entscheidungen ist, darf man bezweifeln.

Gleichzeitig beginnt die mediale Verfügbarmachung des weiblichen Körpers nicht erst bei den Gangbang-Simulationen in Bushido-Videos. Es darf da ruhig auf sehr unverfänglicher erscheinende Medienprodukte gezeigt werden – zum Beispiel eben auf Nova Meierhenrichs Fleischbeschau "Are U Hot?". Zwar sieht man in der Sendung nach Meinung der Moderatorin nicht mehr als an irgendeinem Strand, die Reduzierung weiblicher Qualitäten auf Hüftumfang, Oberweite und Augenaufschlag ist dennoch zweifelhaft; zumal die Bewertung dort auch noch vom blondierten Ludentechnolieferanten und Scooter-Chef H.P. Baxter kommt. Da nützten bei "Hart aber fair" dann auch Meierhenrichs Ausflüchte wenig, dass in ihrer Sendung auch Jungs ihren Body ausstellen.

Immerhin mussten sich die Teilnehmer der nicht immer ganz runden Porno-Debatte also der Frage stellen, in welchem Maße sie selbst unzulässig an der sexuellen Reizausschüttung beteiligt sind. Und so wurde schließlich auch ganz konkret "Stern"-Aufklärer Wüllenweber von Plasberg auf einige in Bezug auf die weibliche Anatomie besonders freizügige Titelbilder seines Magazins hingewiesen. Das ist ja das Dilemma: Bei fast jeder kommerziellen Auseinandersetzung mit der echten oder vermeintlichen Pornografisierung der Gesellschaft wird sie eben auch ein Stückchen vorangetrieben.



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