Porno-Produzentin Erika Lust "Was zur Hölle ist dieser sexistische Mist?"

Lust, die anders aussieht, als in Mainstreampornos - die Regisseurin Erika Lust produziert Erotikfilme für Frauen. Wir zeigen eine Auswahl an Filmstills.

Von "Refinery29"-Autorin Sara Coughlin


Erika Lust kann sich noch genau daran erinnern, wie sie sich fühlte, als sie das erste Mal einen Porno sah: hin- und hergerissen. "Einerseits dachte ich, das sieht echt nach Spaß aus. Aber im nächsten Moment dachte ich, Moment mal, was zur Hölle ist dieser sexistische Mist?" Oder, wie sie es in ihrem TED Talk 2014 ausdrückte: "Erregung schmeckt süß, Objektivierung bitter".

Lust dreht Pornos, die Frauen nicht als Objekte zeigen. Und sie hat Erfolg damit. Die Regisseurin hat bisher mehr als zehn Filme produziert und hat am 28. Juli eine neue Episode ihrer Filmserie XConfessions veröffentlicht, die nächste kommt am 11. August 2016. Refinery29 hat eine Auswahl an Filmstills zur Verfügung gestellt bekommen und spricht mit Erika Lust über Ihre Arbeit.

Erika Lust

"Eine verantwortungsbewusste Produzentin zu sein, bedeutet eben auch, dass ich auf die individuellen Bedürfnisse meiner Darsteller und Darstellerinnen eingehe. Ich arbeite mit so vielen Menschen zusammen. Manche haben schon langjährige Erfahrung in der Pornoindustrie hinter sich, manche weniger bis gar keine. Einige haben kein Problem damit, wenn während einer Sexszene das ganze Team anwesend ist, andere wiederum haben es gerne ruhiger, mit wenigen Crewmitgliedern. Das Einzige, was ich wirklich jedem sage, der ans Set kommt, ist: 'Vergiss jeden Porno, den du bisher gesehen oder in dem du mitgewirkt hast - hier geht es um Sex und Intimität."

Erika Lust

"Ich habe ganz einfach den Anspruch, echten Sex zu sehen. Er kann nach wie vor voller Fantasie stecken, aber ich möchte ihn eben so echt und vielfältig und nah am Leben wie möglich darstellen. Mein Ziel ist es, alle Sinne zu stimulieren, die Zuschauer, wie auch den Zuschauer mehrfach und unterschiedlich zu erregen. Sex ist es wert, wie Kunst behandelt zu werden, genauso wie jedes andere menschliche Empfinden. Das versuche ich. Ich versuche, Sex als die Kunst einzufangen, die er für mich nun mal ist."

Erika Lust

Auf die Frage, ob in der Industrie aktive Frauen noch immer anders betrachtet und beurteilt werden als Männer: "Auf jeden Fall! Frauen müssen immer noch sehr viel mehr Kritik in Kauf nehmen. Es wird noch so viel beschämt und beschuldigt und mit Fingern aufeinander gezeigt. Frauen, die in unserem Business aktiv sind, werden auch oft noch als gefährliche Bürger betrachtet. Ich nenne es den Basic-Instinct-Verhängnisvolle-Affäre-Effekt: Wenn du eine sexuelle Frau bist, bist du wahrscheinlich auch eine Mörderin, oder zumindest eine Psychopathin."

Erika Lust

"Ich stelle Frauen als Menschen dar. Menschen, die eigene Ideen und Bedürfnisse und Verlangen haben. Die Darsteller und Darstellerinnen sind Individuen, die ich menschlich und professionell respektiere, also sollen sie das auch als Charaktere nicht plötzlich ändern. Es ist gar nichts Verrücktes daran. Ich sehe Frauen als sexuelle, komplexe Wesen, die unter Umständen ihre ganz eigenen Vorstellungen von Sex und Sexiness haben. Sie sind intellektuell, fähig, Freude und Genuss zu empfinden, sie können das alles, warum soll das dann nicht dargestellt werden? Ich möchte sie als Thema des ganzheitlichen Genusserlebnisses darstellen, nicht als Objekt der Begierde - das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied."

Erika Lust

"Ich bin viel mehr als nur zuversichtlich, was Frauen im Business der Erotik- und Sexfilme angeht. Es ist immer leichter, sich im Internet die Mainstream-Seiten anzuschauen und desillusioniert zu werden, weil es so scheint, als würde alles nur schlimmer, gewalttätiger und extremer werden. Aber da draußen gibt es viele junge Stimmen, die sich gerade zu Wort melden, die Filme schaffen, die sie selbst sehen wollen, Filme, die ihre Sexualität am besten begreifen und umsetzen. Was den Porno angeht, bin ich der Meinung, dass es keine Korrektur gibt, im Sinne von Abwendung vom Falschen. Auch das Publikum der Pornoindustrie muss erst emanzipiert und gebildet werden, damit sie überhaupt erst merken, was sie alles verpassen. Ihre Ansprüche müssen geschult werden. Das ist ein bisschen wie mit Fast Food: Du kannst die Industrie nicht einfach beenden, aber du kannst den Verbrauchern beibringen, mehr darauf zu achten, was sie essen."



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