Porträts toter US-Soldaten Von Würde gezeichnet

5200 gefallene US-Soldaten, 5200 gezeichnete Porträts - die US-Künstlerin Emily Prince hat den Toten der amerikanischen Kriege in Afghanistan und im Irak ein einzigartiges Denkmal gewidmet. Und sie weiß nicht, wann sie mit dem Projekt aufhören kann.


Die Idee kam Emily Prince im Herbst 2004. "Die Zahlen tauchten immer wieder in den Nachrichten auf", schreibt sie auf ihrer Website www.alloftheamericanservicemenandwomen.com. "Fünf hier, 14 da, Tag für Tag. Und dann waren es plötzlich über tausend."

Die Meldungen über die wachsende Zahl von gefallenen US-Soldaten im Irak und in Afghanistan waren der jungen Künstlerin aus San Francisco zu abstrakt. "Ich war neugierig, welche Menschen dahinter steckten", sagt die 28-Jährige. "Ich kannte niemanden beim Militär und wollte eine persönliche Beziehung zu den Kriegen entwickeln".

Prince begann, die Gesichter der Gefallenen zu malen. Damals ahnte sie nicht, dass es ein scheinbar endloses Unterfangen werden würde. Fünf Jahre später prüft sie immer noch fast jeden Tag die Online-Zeitung "Military Times" - auf der Suche nach neuen Namen und Fotos. Mit Bleistift zeichnet sie jeden einzelnen G.I., beschriftet das Bild mit Namen, Alter, Todesdatum und manchmal einigen persönlichen Details.

Über 5200 dieser Mini-Porträts hängen nun in der Londoner Saatchi-Galerie. Es ist so etwas wie ein temporäres Denkmal. Der einflussreiche Kunstsammler Charles Saatchi hatte das unvollendete Werk vor zwei Jahren auf der Biennale in Venedig gekauft. Dort erregte Prince zum ersten Mal internationale Aufmerksamkeit, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" lobte ihre Porträtserie mit den Worten, den Gefallenen werde so "eine letzte individuelle Würde zurückgegeben".

In Wirklichkeit ist alles noch schlimmer

Seither sind etliche hundert Porträts hinzugekommen. In Venedig waren sie noch in Form einer Landkarte der USA angeordnet. In der Londoner Galerie hängen sie in chronologischer Folge an langen weißen Wänden. Jede senkrechte Reihe repräsentiert die Opfer einer Woche. Die schiere Masse der postkartengroßen Porträts erinnert eindrücklich daran, wie lang acht Jahre Krieg sind.

Von weitem erinnert die Anordnung an ein überdimensioniertes Kreuzworträtsel - ein buntes Mosaik in den verschiedenen Hautfarben der Gefallenen. Erst beim näheren Herangehen erkennt der Betrachter, dass ihn Tausende Soldatengesichter anblicken.

Die Galerie der Toten trägt den umständlichen Namen "American Servicemen and Women who have died in Iraq and Afghanistan (but not including the wounded, nor the Iraqis nor the Afghanis)" - "Amerikanische Soldaten und Soldatinnen, die im Irak und in Afghanistan gestorben sind (aber exklusive der Verwundeten sowie der Irakis und Afghanen)". In Wirklichkeit, so die Botschaft der Installation, ist also alles noch schlimmer, die Zahl der Kriegsopfer noch größer. Die fehlenden Toten werden durch leere Flächen symbolisiert.

Eines der letzten Porträts zeigt Gerrick D. Smith aus Illinois, ein Junge noch, mit breitem Lächeln, die dichten schwarzen Haare zur Seite gekämmt. Der 19-Jährige fiel am 29. Juli 2009 in Afghanistan. Es war sein erster Einsatz überhaupt. Einige Schritte weiter hängt das Bild von David Mitchell aus Ohio, 30 Jahre alt, gefallen am 26. Oktober 2009. Er sei "Mr. Personality" genannt worden, hat Prince mit Bleistift unter das Porträt gekritzelt.

Durch das Zeichnen, sagt die Künstlerin, fühle sie sich dem Geschehen in der Ferne verbunden. "Es bedeutet, Zeit mit jedem Einzelnen zu verbringen." Wenn es kein Foto des Soldaten gibt, zeichnet sie ein leeres Rechteck.

"Sehr lieb und rührend"

Eine politische Botschaft wolle sie mit den Bildern nicht senden, sagt Prince. Sie selbst sei von Anfang an gegen die beiden "imperialistischen" Kriege gewesen, doch wolle sie diese Meinung niemandem aufdrängen. "Das Werk soll niemanden entfremden." Die Angehörigen der Toten fassten es in der Regel als Tribut auf, sie habe viele positive Briefe bekommen, "sehr lieb und rührend". Das sei der emotionale Teil des Projekts. Doch sei ihr persönliches Interesse nicht sentimental, sondern intellektuell.

Im Laufe der Jahre hat sich ihr Stil leicht verändert: Die ersten Porträts sind kantig, reduziert auf wenige markante Linien. Die neueren wirken realistischer, erreichen fast fotografische Qualität. "Ich habe im Laufe der Jahre das Zeichnen gelernt", sagt Prince. Anfangs seien die Porträts rauer gewesen, jetzt fange sie mehr Feinheiten ein.

Ein bis drei Abende pro Woche verbringt sie an ihrem "work in progress" - je nachdem, wie der Krieg läuft. Das reine Zeichnen eines Porträts dauert eine halbe Stunde, dazu kommt die Recherche nach der Geschichte des Toten. Vergangene Woche hat sie einige Tage Pause gemacht. Danach fand sie gleich acht weitere Gefallene in der "Military Times".

Das Schwierigste, sagt Prince, sei die Dauer des Projekts, fünf Jahre und kein Ende in Sicht. Doch sie hat sich vorgenommen durchzuhalten. Sie will weiterzeichnen, solange US-Soldaten im Irak und in Afghanistan sterben. Wenigstens werde es nie mechanisch, sagt sie: "Jedes Gesicht ist anders."



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Cobelfred, 28.01.2010
1. Toll...
das sich jemand dieser einsam sterbenden Helden annimmt. Soldaten sterben nicht Hände-haltend Zuhause im Kreis ihrer Lieben und nächsten Angehörigen. Auch haben sie in vielen Fällen keine Zeit dem Tod bewusst in's Auge zusehen. Ihr Tod ist oft mit unaussprechlicher Brutalität und Schmerz verbunden. Das können sich nur die allerwenigsten Zivilisten vorstellen. Ja,...vielleicht ist es auch besser so, den sonst wäre ihr Aufschrei gegenüber ihren Regierungen wohl groß. Ich bewundere die Künstlerin sich damit zu beschäftigen und bringe für ihre Arbeit großen Respekt auf, obwohl ich mir die Bilder nicht angesehen habe. Ein Ex-Soldat
Rainer Helmbrecht 28.01.2010
2. .
Zitat von sysop5200 gefallene US-Soldaten, 5200 gezeichnete Porträts - die US-Künstlerin Emily Prince hat den Toten der amerikanischen Kriege in Afghanistan und im Irak ein einzigartiges Denkmal gewidmet. Und sie weiß nicht, wann sie mit dem Projekt aufhören kann. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,673793,00.html
Ich finde diese Idee der Künstlerin sehr gut und beeindruckend. Sie zeigt, dass hinter den nüchternen Zahlen der Toten, Menschen waren. Aber das wird nichts ändern. Es ist nur der erste Schock. Die Bilder von Soldaten, die in den Krieg ziehen, die ersten Berichte über Tote, die ersten Särge, geschmückt mit der Fahne der USA. Daran gewöhnt sich die Öffentlichkeit. Die Bilder, von Emily Prince sind wieder ein Schock, aber ein weiterer Schritt auf dem Weg des Vergessens, der eigentlichen Opfer eines Krieges. Das Aufheulen, wenn über Rache gesprochen wird, wie weit sich die Menschheit weiter entwickelt habe.... alles nur Lippenbekenntnisse. Krieg als Ersatz für Politik. Die Opfer eines Krieges bleiben nur in den Familien, in der Öffentlichkeit werde sie anlässlich irgendwelcher Gedenktage zu Helden hochstilisiert, geeignet Bestenfalls, neue Rekruten zu motivieren. Auch deutsche Gefallene habe kein Gesicht, aber hätten sie eines, das Ergebnis wäre das Gleiche. Die Faszination des Krieges lässt alle Opfer vergessen. Die Menschen und sogar das Geld welches für Kriege aus gegeben wird, noch nicht mal das Thema Umweltschutz und Verschwendung der zu Ende gehenden Energien beeinflusst Regierungen Kriege zu vermeiden. Der Homo Sapiens ist seit Millionen Jahren auf der Suche nach Weisheit. MfG. Rainer
Fackus, 28.01.2010
3. perfide
Eine der perfideren Arten von Kriegsverherrlichung ! Landestypisch getarnt unter dem Deckmäntelchen des Guten und Edlen. Ein Heldenverehrungskult wie in vergangenen Jahrhunderten inclusive kritikloser Anbiederung durch den Artikelautor. Wie wärs denn mal damit, Portraits von Menschen zu zeichnen, die wegen ihrer Verweigerung des Kriegsdienstes in Gefängnissen sitzen ?
oberguru 28.01.2010
4. mach's doch einfach selbst
Zitat von FackusEine der perfideren Arten von Kriegsverherrlichung ! Landestypisch getarnt unter dem Deckmäntelchen des Guten und Edlen. Ein Heldenverehrungskult wie in vergangenen Jahrhunderten inclusive kritikloser Anbiederung durch den Artikelautor. Wie wärs denn mal damit, Portraits von Menschen zu zeichnen, die wegen ihrer Verweigerung des Kriegsdienstes in Gefängnissen sitzen ?
*kopfschüttel*
Fackus, 28.01.2010
5. Kopf benutzen statt schütteln !
Zitat von oberguru*kopfschüttel*
Ruhig mal lesen .... http://de.wikipedia.org/wiki/Soldaten_sind_M%C3%B6rder
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