Potsdamer Mitte "Das wird keine Preußen-Kulisse"

In Potsdams Innenstadt sollen die Reste der DDR-Moderne einer rekonstruierten Barock-Architektur weichen. Dagegen formiert sich Widerstand. Die Kunsthistorikerin Saskia Hüneke verteidigt die Pläne.

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Saskia Hüneke, 63, sorgte sich schon in der DDR um das alte, vorsozialistische Potsdam. Nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes gehörte die bürgerbewegte Kunsthistorikerin zu denen, die Potsdam von städtebaulichen Altlasten aus der Zeit des realexistierenden Sozialismus befreien wollte. Um Raum zu schaffen für ein Zentrum, wie es schon im 18. Jahrhundert unter Preußenkönig Friedrich II. Bürger und Besucher beglückte. Anfangs konnte sich Hüneke, inzwischen Stadtverordnete für die Grünen, das auch noch ganz modern und gegenwärtig vorstellen. Schließlich ging es ihr beim Rückbau nicht um architektonische Preußenrestauration. Inzwischen aber schätzt sie neue Gebäude, die auf den ersten Blick so aussehen, als wären sie über 200 Jahre alt.

SPIEGEL ONLINE: Warum erträgt die neue Stadtmitte Potsdams mit seinen historisierenden Leitbauten Stadtschloss und Museum Barberini keine DDR-Architektur wie die Fachhochschule am Alten Markt?

Saskia Hüneke: Ähnlich wie im Westen wurden nach 1945 auch in der DDR im Glauben an eine neue Moderne die gewachsenen Stadtstrukturen zugunsten von großen Straßenflächen und monolithischen Einzelbauten zerstört. Im Sanierungsgebiet der Potsdamer Mitte - und nur hier - sollen die historischen Straßen und Stadträume wieder die Entwicklungsgrundlage bilden, vor allem um den Alten Markt, der hochgeschätzt war und es teilweise schon wieder ist. Hier ist ein Gebäude wie die Fachhochschule städtebaulich nicht zu verkraften. Das richtet sich aber nicht gegen die DDR-Architektur an sich.

SPIEGEL ONLINE: Warum muss die Potsdamer Innenstadt wieder so erscheinen wie im 18. Jahrhundert unter dem Preußenkönig Friedrich II?

Hüneke: Das wird sie gar nicht, auch wenn der Landtagsneubau und das Museum Barberini in ihrer historisierenden Außengestalt und natürlich die "Originalbauten" der Zeit sehr stark wirken. Auf dem annähernd historischen Grundriss der neuen Straßenkarrees entstehen nur noch einzelne barocke Leitfassaden, alle anderen Gebäude dagegen in einer im Maßstab angepassten mehr oder weniger freien zeitgenössischen Architektur.

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Potsdamer Mitte: DDR-Klötze gegen Preußen-Nachbauten

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen sie verhindern, dass das Zentrum musealisiert wird - nur eine hübsche Preußen-Kulisse für Touristen aus aller Welt?

Hüneke: Es wird eben keine "Preußen-Kulisse". Außerdem ermöglichen die kleinteiligeren Baustrukturen einen lebendigen Nutzungsmix aus Hunderten Wohnungen, aus Geschäften, Restaurants und Cafés als Ergänzung zu den zahlreichen bereits bestehenden öffentlichen, überwiegend kulturell geprägten Orten. Die Vorgaben in der laufenden Ausschreibung der Grundstücke zielen neben der Bauqualität auf interessante Nutzungen und einen sozialverträglichen Mietenmix für unterschiedliche Nutzergruppen. Auch Baugruppen oder Genossenschaften haben hier Ihre Chance. Ich bin sicher, dass das ein lebendiger Stadtteil für alle wird, gleich ob für Gäste oder hier Lebende.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker dieser neuen Mitte werfen Ihnen dennoch vor, damit Potsdam im Barock ersaufen zu lassen und die letzten Reste von DDR-Moderne zu tilgen.

Hüneke: Das ist beides Unfug. Die Gesamtstadt ist in hoher Qualität vom 18. und 19. Jahrhundert, der Moderne des frühen 20. Jahrhunderts und von der DDR-Zeit geprägt. Der Wert dieses breiten Erbes ändert sich überhaupt nicht, aus allen Epochen wurden seit 1990 Stadtteile und wertvolle Einzelbauten saniert. Nur im Sanierungsgebiet Potsdamer Mitte stellte man fest, dass die DDR-Bauten in ihren Großformen einer lebendigen Entwicklung entgegenstehen. Wo es möglich ist, wie bei der Sanierung der Stadt-und Landesbibliothek, die Teil des FH-Baukomplexes ist, hätten wir gerne die DDR-Fassade belassen. Da hätte ich mir eine leidenschaftlichere Unterstützung der heutigen Kritikerseite gewünscht.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Kampf ums DDR-Architektur-Erbe in Potsdam ein Ost-West-Konflikt?

Hüneke: Es geht nicht allgemein um das DDR-Architekturerbe, sondern ausschließlich um die Wiedergewinnung der Potsdamer Mitte. Hier stehen auf beiden Seiten jeweils DDR-Potsdamer wie ich und Neupotsdamer aus dem Westen, Alte und Junge, ehemals staatsnahe und eher staatskritisch eingestellte Leute. Man sollte sich aber erinnern: Die Pläne sind aus der Mitte der Bevölkerung erwachsen, dafür wurde demonstriert und argumentiert, mehrere Kommunalwahlen haben diesem Kurs immer wieder Mehrheiten zugemessen. Eine ganze Folge von rechtskräftigen Beschlüssen sind bereits umgesetzt, der Umbau der Potsdamer Mitte ist Realität und zieht Menschen aus nah und fern in ihren Bann. Die Kritiker dieser Entwicklung haben in Bezug auf eine sozialverträgliche Gestaltung der Grundstücksvergabe viel erreicht, auch in den Gestaltungsfragen zwischen Historie und Moderne wurden breite Kompromisse zwischen den verschiedenen Positionen zur Architektur erzielt. Mir persönlich erscheint etwa das Potsdam-Center am Hauptbahnhof überdimensioniert. Wir müssen aber die demokratisch getroffenen Entscheidungen letztlich akzeptieren, wenn eine Stadtentwicklung überhaupt möglich sein soll.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen in diesem Kulturkampf die prominenten Mäzene der Stadt, der TV-Moderator Günther Jauch oder der Ex-Software-Unternehmer Hasso Plattner?

Hüneke: Immer wieder wird behauptet, beide Herren würden hier sagen, wo es lang geht. Dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil. Sie ermöglichten mit ihren großen Spenden die Verwirklichung von Projekten in der Potsdamer Mitte, für die die Impulse aus der Bevölkerung kamen und für die nach einem qualifizierten und breiten öffentlichen Diskurs politische Mehrheitsentscheidungen getroffen wurden. Das ist bestes bürgerschaftliches Engagement. Dafür bin ich genauso wie für die zahlreichen anderen Spenden und die Lebensenergie der vielen Aktiven zutiefst dankbar.



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Mittelalter 30.06.2017
1. Na so was.
Hatte nicht die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD) nicht erst vor kurzem festgestellt, das eine spezifisch deutsche Kultur „jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar“ sei. Und jetzt streiten wir um deren bauliche Ausprägung. Und das in zwei Richtungen - die baulichen Hinterlassenschaften der DDR werden imngrossen Stil rasiert aber eine Erinnerungskultur an preußische Geschichte am historischen Ort darf nicht entstehen. Die Diskussion um bauliche Zeitzeugen verdeutlicht nur, wie verklemmt wir nach wie vor mit unserer spezifischen Geschichte und Kultur umgehen. Beides muss Raum erhalten - die Bauten aus der Zeit der Hohenzollern haben in Potsdam ein genau so großes Existenzrecht, wie die bauliche Erinnerung an den Modernisieruungswahn der DDR, ihrer "Sprengwut" und dem damit verbundenen Ansinnen, deutsche Kultur auszulöschen und durch irgendetwas "Zeitgemäßes" zu ersetzen. Weit weg davon, sind wir heute nicht.
Worldwatch 30.06.2017
2. Hauptsache ...
... keine politisch oktruierte ?Baukunst?. Geht in Deutschland regelmäßig in die Hose, verschandelt über Jahrzehnte so manche Stadt und lässt Bürger ekelnd zurück.
kalim.karemi 30.06.2017
3. Was für ein Quatsch
Ebenso kann die Frage gestellt werden, warum Berlin das stadtschloss und Dresden die Frauenkirche und Taschenberg Palais wieder aufbauen. Ganz einfach, weil diese Bauwerke vor einigen Jahrzehnten das Stadtbild geprägt haben, schöner als die neuzeitlich zweckmäßige Architektur sind und überdauern werden. Dank großzügiger Spenden müssen die Kosten nicht mit maroden Stadtkassen in Einklang gebracht werden und gegen Flüchtlingskosten, H4 und sonstiges aufgerechnet werden. Der widerstand in Potsdam ist übrigens marginal, entweder von linksextrem die sozialismus nur aus romantischen Erzählungen kennen oder älteren Semestern die sich aus unerfindlichen Gründen am Anblick von Plattenbauten erfreuen. Bei der Art der Befragung bekommt man den Eindruck sich heutzutage rechtfertigen zu müssen, warum, wenn nicht sozialer Wohnungsbau, überhaupt öffentlich gebaut wird.
Llisa 30.06.2017
4.
Das ist ja fast ein bißchen Disneyland...
fatherted98 30.06.2017
5. Mit...
...Architekten und "Experten" über Bauen zu diskutieren ist weitgehend sinnfrei. Das blabla über "jede Epoche hat ihre Baukunst und muss im Straßenbild berücksichtigt werden" führt dazu, dass Ekelbauten aus Waschbeton noch heute nicht abgerissen werden. Aber wen wundert es schon, wen sogar tausende Bürger für die Oberhäßliche Fassade des Stuttgarter Bahnhofs auf die Straße gehen...und der Kasten ist/war ja nun wirklich abgrundtief häßlich....dann doch lieber einen barocken Neubau der dem Auge der meisten Betrachter schmeichelt....die anderen können ja in die nächste "Platte" fahren und sich dort an der DDR Baukunst sattsehen.
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