Praktikanten-Casting bei Vox Beruf? Kleiderständer-Schubse!

Prekariat de Luxe: Der Privatsender Vox reanimiert passend zur Wirtschaftskrise die fast tot geglaubte Generation Praktikum. Mit "Der Starpraktikant" beweisen die Fernsehmacher: Kaffeeholen für Stars kann auch ein Lebenstraum sein.

Was wollt Ihr vom Leben? "Revolution!" hätten junge Menschen früher mal auf diese Frage aller Fragen geantwortet, "Eine gerechtere Welt!" vielleicht oder doch zumindest "Guten Sex!" oder "Mehr Hasch!".

Doch die Zeiten sind sehr viel härter geworden - und die Träume sehr viel bescheidener. Auch die von Bettina und Linda. Also beantworten die beiden Kandidatinnen der neuen Vox-Show "Der Starpraktikant" die eingangs zitierte Sinnfrage weitaus pragmatischer: "Im Bereich Marketing und PR arbeiten." Ein eiskalter Karriereberater hätte den jungen Frauen keine unpersönlichere Antwort auf die Frage nach ihren Lebensträumen soufflieren können.

Ach, die Generation Praktikum. Die vergangenen zwei Jahre war es ja stiller um sie geworden, denn die Konjunktur lief und der Arbeitsmarkt entspannte sich. Doch das ist vorbei, eine gigantische Weltwirtschaftskrise dräut, die, glaubt man Experten, sogar die große Depression in den Schatten stellen könnte.

Wer nun Arbeit sucht, vor allem kurz nach Abschluss von Ausbildung oder Studium, auf den warten ganz düstere Zeiten. Oder, frei nach Rilke: Wer jetzt keinen Job hat, findet keinen mehr. Wie schön, dass Vox da schon mal zur geistigen Mobilmachung für den Überlebenskampf an der Arbeitsmarktfront rüstet.

Der Kölner Privatsender plant acht Folgen von "Der Starpraktikant", zu gewinnen sind prekäre Arbeitsverhältnisse bei Adressen, die einen irgendwie glamourösen Anstrich haben, wie der People-Postille "Instyle", einem Teppichdesigner in Monaco, einem Fotografen in New York, dem Musik-Magazin "Rolling Stone" sowie, in der ersten Folge, dem Celebrity-Modelabel Ed Hardy in Los Angeles.

Dorthin verfrachten die Vox-Leute denn auch die 18-jährige Schülerin Linda, die 22-jährige Steuerfachangestellte Bettina sowie Aksana, Studentin aus Berlin und mit 25 Jahren so etwas wie die Grand Old Lady unter den Starpraktikantinnen in spe. Die drei sind, wie Krisen-Frauen von heute halt so sind: auf der Suche nach dem ganz großen Marketing- und PR-Glück. Für rund eine Woche werden sie in den Hills bei Hollywood in einer WG einquartiert, um tagsüber um die Gunst eines jungen Mannes zu buhlen, der sich, sehr ökonomisch, nur "Q" nennt.

Womöglich konnte in L.A. keiner den richtigen Namen des 25-Jährigen aussprechen, denn "Q" heißt eigentlich Qualid Ladraa und stammt aus Deutschland, genauer: Bonn. Er hat es zu was gebracht im Leben, zumindest nach den Maßstäben der Starpraktikantinnen-Aspirantinnen. Das merkt man schon daran, wie er spricht. Von "Celebriddies" redet er, die sein Arbeitgeber Ed Hardy mit seinen großartigen "Prodakkts" ausstattet. Zudem hat er seinen ollen Fiesta abgewrackt und fährt jetzt Porsche ("Boxster, ein Zweisitzer").

Zu verdanken hat er diese neue Mobilität dem Ed-Hardy-Chef, namentlich dem französischen Designer Christian Audigier, als dessen rechte Hand er fungiert. Und die jungen Damen haben nun die Chance, die rechte Hand der rechten Hand zu werden, wenn auch nur für zwei Monate, praktikumshalber.

Zuchtmeister "Q" spielt ein bisschen die Heidi-Klum-Rolle, die drei Mädchen müssen allerhand von ihm gestellte Challenges meistern, wie das im Casting-Denglish so heißt. Die Aufgaben: Kaffee für den Chef besorgen ("Triple Shot Low Fat Caffe Latte"), den Backstage-Bereich seiner Geburtstagsparty mit Vitaminwasser, Erdbeeren und Räucherkerzen ausstaffieren, ein paar Kleiderständer hin- und herschubsen, T-Shirts in Lagerboxen einsortieren.

Am Ende entscheiden dann "Q" und sein Chef Audigier, wer am besten besorgt, staffiert, geschubst, sortiert hat - und damit zwei Monate mehr Besorgen, Staffieren, Kleiderständerschubsen und Sortieren bei Ed Hardy gewinnt.

Das ist furchtbar öde.

Unfassbare eineinhalb Stunden zieht sich das hin, nicht einmal die handelsüblichen Tricks der TV-Casting-Industrie funktionieren, etwa wenn Aksana - vergeblich! - als Giftspritze aufgebaut werden soll, um einen Zickenkrieg zu inszenieren.

Erwähnenswert ist die Sendung allein aus einem Grund: Weil sie dokumentiert, wie sehr die Lebensträume junger Menschen im Zeitalter des Krisen-Kapitalismus verkümmern. Die konjunkturell bedingte Atempause für die Generation Praktikum war offenbar zu kurz, um mehr Eigensinn, gar Mut zum Träumen zu entwickeln. Jetzt muss das alte mentale Rüstzeug wieder ausgepackt werden.

"Ich bin immer pünktlich, ich bin immer da, ich mache, was man von mir verlangt!"

Sagt eine 22-Jährige.


"Der Starpraktikant", Vox, sonntags, 17.15 Uhr

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