Preisschock-Talk bei Illner Benzinblues und Proletariergesänge

Explodierende Preise, lautstarker Frust: Maybrit Illners Talkrunde diskutierte das Thema "Maxi-Preise, Mini-Jobs – Kleiner Mann, was nun?" Außer der Selbstgefälligkeit der Gäste fiel vor allem die Rückkehr diffuser politischer Erlösungsphantasien auf.

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Glaubt man den Trends der Meinungsforscher, könnte "Die Internationale" hierzulande bald wieder ein echter Hit werden. Die Demoskopen vom Allensbach-Institut etwa wissen, dass im Jahr 1991 nur 30 Prozent der Westdeutschen den Sozialismus für eine gute Idee hielten, während es im vergangenen Jahr schon 45 Prozent waren.

Schauspieler Sodann und Moderatorin Illner: "Wie erklären wir es dem Volk?"
ZDF

Schauspieler Sodann und Moderatorin Illner: "Wie erklären wir es dem Volk?"

Einer, der diese Tendenz für erfreulich hält, ist der Schauspieler Peter Sodann. Als kauziger Leipziger Kommissar Ehrlicher wurde er vor kurzem aus dem Fernsehamt gefegt und von jüngeren und beweglicheren Ermittlern ersetzt.

Jetzt zieht Sodann mit seiner alten Malocher-Ledertasche durch die Talkshows und kämpft für einen gerechten Sozialismus. So auch am gestrigen Donnerstag im ZDF bei Maybrit Illner, wo er gleich am Anfang die Anekdote erzählte, wie er bei Sabine Christiansen einmal eine ganze Sendung lang zum Schweigen verdammt worden war, nachdem er ein sozialistisches Gedicht rezitiert hatte.

Bei Illner durfte Sodann rezitieren und reden. So richtig schlau wurde man trotzdem nicht aus dem, was er vortrug. Nur eines ließ sich aus seinem Auftritt lernen: wie konkrete Preiserhöhungen zu diffusen politischen Erlösungsphantasien führen. Eine wichtige Frage stellte Sodann – an die anwesenden Politiker gerichtet – dennoch: "Wie erklären wir es dem Volk?"

Vor der diesmal erst um 23 Uhr gesendeten ZDF-Diskussion konnte man sich in den "Tagesthemen" ja dezidiert darüber informieren, in welchem Maße die Inflation die Stimmung der Menschen beeinflusst: Auch der Deutschlandtrend der ARD-Konkurrenz zeigte nämlich, dass der Benzinpreisblues die Bevölkerung offensichtlich für die alten proletarischen Gassenhauer neu entflammen lässt. Bei Maybrit Illner also hätten die geladenen Mandatsträger und Lobbyvertreter dem Volk erklären können, wie es sich denn mit der Krise genau verhält und wie man sie überwinden könnte.

Allein, es wurden nur die üblichen Selbstheilungsmantras angestimmt. Polit-Yoga gegen explodierende Energiekosten – auch eine Möglichkeit.

Selbstgefällige Gesänge der Gäste

Und das klang dann so: Hans-Olaf Henkel, der ehemalige Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie, forderte immer wieder und ungefragt die Lockerung des Kündigungsschutzes. CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer, die in Bayern Wahlkampf führt, rief unentwegt nach der Wiedereinführung der Pendlerpauschale, die ihre Partei zuvor mit abgeschafft hatte. Und Klaas Hübner, der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, rappte im gekonnten Stakkato seine Forderung nach Senkung der Sozialabgaben.

So richtig zusammen kam man also nicht. Umso interessanter die Frage, ob das Volk nicht auch ohne seine Repräsentanten, selbst die Dinge in die Hand nehmen könnte. Zumindest gelang es in vergangener Zeit einzelnen Arbeitnehmerverbänden, beachtliche Lohnerhöhungen zu erkämpfen, wie bei Illner in einem Einspieler deutlich gemacht wurde: Der Verband Cockpit holte für die Fluglotsen 30 Prozent heraus, der Marburger Bund für seine Ärzte 15 Prozent, und für die Lokführer gab es immerhin 11 Prozent.

Der ebenfalls angereiste und immer unter Volldampf stehende Manfred Schell, ehemaliger Gewerkschaftsführer der Lokführer und heute ihr Ehrenpräsident, erklärte deshalb in Anbetracht der derzeitigen Inflation stolz: "Von den 4,5 Prozent Lohnerhöhung der anderen Bahnangestellten ist nichts mehr übrig geblieben."

Man könnte sich also der Idee hingeben, dass die steigende Preise zum Erstarken der Gewerkschaften beitragen. Doch ganz zu Recht stellte Maybrit Illner, die am Donnerstagabend zwar keine rechte Ordnung in ihre Sendung bringen konnte, aber doch immerhin mit bissigen Einwürfen die selbstgefälligen Gesänge der Gäste unterbrach, dem Gewerkschaftspensionär die Frage: "Herr Schell, fühlen Sie sich als Spalter der Gesellschaft?" Schließlich hole er für seine Leute das Geld raus, das die Kunden dann draufzulegen hätten. Da konnte der ehemalige Herr über die Lokführer nur schnauben, dass die Wachstumsstory der Bahn ganz ohne Preiserhöhungen weitergeschrieben worden sei.

Nicht von der Hand zu weisen war allerdings Illners Einwand, dass er für das Reinigungspersonal der Bahn, für Arbeitnehmer also, die nicht an Schalthebeln sitzen, wohl keineswegs eine solch satte Erhöhung des Salärs reingeholt hätte.

Und überhaupt: Es sind ja immer weniger Menschen in festen Anstellungsverhältnissen tätig. Um das zu veranschaulichen, hatte man eine Vertreterin der sogenannten "Generation Praktikum" ins Talkshowpublikum gesetzt.

Es handelte sich um eine Diplomarchitektin, die über einen langen Zeitraum für 375 Euro für ihren Arbeitgeber einträgliche Arbeit verrichtete – die ganz alltägliche Ausbeutung des Prekariats sozusagen. Immerhin hat ein Gericht gerade anerkannt, dass die Architektin ein ordentliches Arbeitsverhältnis hatte, nur als Praktikum getarnt. Nachträglich erstritt sich die Klägerin also ihren gerechten Lohn.

Ein schöner Anlass für Moderatorin Illner, sich noch mal kiebig an den Arbeitgebervertreter zu wenden: "Herr Henkel, ist die Generation Praktikum nicht demütig genug?" Tatsächlich war der Ex-BDI-Chef so ungeschickt, auf private Erfahrungen im Ausbildungsbereich zu verweisen: "Also, mein Jüngster hat auch vier Praktika gemacht, dies hier ist kein typischer Fall." Dann summte er wieder lautstark sein Mantra von der wohltuenden Wirkung des abgeschafften Kündigungsschutzes in Dänemark.

Dass in Deutschland die von Peter Sodann herbeigebarmte Revolution losbricht, muss Hans-Olaf Henkel aber so oder so nicht befürchten. Auch wenn der Benzinpreisblues bei Maybrit Illner mit Proletarierhymnen gekontert wurde: Wer heute wegen der Pendlerpauschale klagt, enteignet morgen noch lange nicht seinen Arbeitgeber.



insgesamt 234 Beiträge
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Seite 1
Knighter 04.07.2008
1. schachmatt
...ist das einzige wort, das den sachverhalt trifft...schachmatt, es gibt keinen ausweg mehr...
Peter Sonntag 04.07.2008
2. Kleiner Mann - wohin ?
Zitat von sysopExplodierende Preise, lautstarker Frust: Maybrit Illners Talkrunde diskutierte gestern das Thema "Maxi-Preise, Mini-Jobs – Kleiner Mann, was nun?" Neben der Selbstgefälligkeit der Gäste fiel vor allem die Rückkehr diffuser politischer Erlösungsphantasien auf. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,563807,00.html
"Kleiner Mann, was nun?": gutes Thema ! Ich empfehle alles das bewusste Buch von Fallada, in dem die Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit des "kleinen Mannes" in der Weimarer Republik geschildert wird - ohne dass damals Fallada schon den Nationalsozialismus prophezeien konnte.
elstevo 04.07.2008
3. Ich habe es gesehen
Da wird in der Sendung eine diplomierte Architektin vorgeführt die für einen Hungerlohn hochqualifizierte Arbeit leisten musst. Und Prof. Hans-Olaf Henkel (Ex BDI Mann) wiegelt das Beispiel als besondere Ausnahme ab. Gleichzeitig beschreibt er, dass seine Kinder selbst mehrere Praktika ableisten mussten. Und dann wundert er sich, dass unsere hochqualifizierten Arbeitskräfte auswandern. Da sind doch erheblich Zweifel am Verstand des BDI angebracht. Praktikum als Probezeitersatz, dann sinken die Arbeitslosenzahlen. So ein Schwachsinn!
antonida 04.07.2008
4. Preisschock
Peter Sodann hat auf die gleiche Gefahr hingewiesen, wie ein Siemensmanager auf einer Münchener Sicherheitskonferenz Anfang der 90er Jahre: blinder Turbokapitalismus lässt unweigerlich den Sozialismusgedanken auferstehen und wachsen. Dieser "Gedanke" ist also schon wieder auferstanden! Nun wächst er, unbeeinflusst von scheinkluger Wegdiskutiererei. Politiker und Eliten! Geniesst die vergehende Zeit der Scheinwohlstandsgesellschaft! Oder wollt Ihr wirklich etwas gegen die wuchernde Kapitalmacht tun? Eines beruhigt: Es wird alle treffen!
G. Donner-Wetter, 04.07.2008
5. Herr Henkel weiß als Einziger Bescheid
Den allwissenden und alles überschauenden Wirtschaftsgott Henkel mit so einem Unsinn wie "Generation Praktikum" zu konfrontieren ist ja auch eine Unverschämtheit. Das sind doch bedauerliche Einzelfälle. Hunderttausende wenn nicht Millionen bedauerliche Einzelfälle. Herr Henkel hat ja IBM gegründet, den Computer erfunden, die Marktwirtschaft erfunden und den Wiederaufbau nach dem Krieg praktisch alleine bewerkstelligt während das faule restliche Pack die ganze Zeit den Kündigungsschutz sabotiert hat. Die Arroganz dieses Mannes gegenüber den Sorgen und den alltäglichen Erfahrungen Zigtausender ist unerträglich und gleichzeitig die beste Wahlveranstaltung für extreme Parteien. Wenn er den BDI repräsentiert dann wirft das kein gutes Licht auf die Organisation.
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