Premiere am Thalia Theater La Paloma, oje!

Leinen los! Das Hamburger Thalia Theater bringt Helmut Käutners Kinoklassiker "Große Freiheit Nr. 7" auf die Bühne. Hans-Albers-Fans mussten tapfer sein: In Luk Percevals Inszenierung gab es wenig Nostalgie und viel Bitternis. Dank eines sturmfesten Ensembles aber auch keinen Schiffbruch.

Krafft Angerer

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins... ist nichts los. Keiner amüsiert sich, denn da findet sich - erstmals gar nichts: Hamburg, wo's am kühlsten ist. Hannes Kröger, der ewige Seemann, schweigt einsam auf einem Barhocker ins Mikro seiner Kiezkneipe und sinniert übers verlorene Leben.

Das ist nicht Hans Albers! So schreit es Regisseur Luk Perceval dem Publikum förmlich entgegen. Der Hausregisseur des Thalia Theaters hat sich tapfer dazu entschlossen, Helmut Käutners klassisches Seemannsdrama "Große Freiheit Nr. 7" auf die Hamburger Bühne zu zwingen. Die Albers-Erwartung liegt nach ein paar Minuten schon ad acta, denn dieser depressive Stimmungssänger - wunderbar lässig von Matthias Leja gespielt - hat ganz eigene Qualitäten. Schubumkehr für das käutnersche St. Pauli-Märchen: Die Story vom gestrandeten, alt gewordenen Sailor Hannes Kröger und seiner späten Liebe zur blutjungen Beinahe-Schwägerin hat zwar zeitlose Qualitäten, doch das Seemannsbusiness ist anno 2010 so wenig romantisch wie eine Aufsichtsratssitzung.

Das Leben in dieser "Großen Freiheit" spielt sich folglich zwischen stählernen Treppen, Pfeilern und Gitterstäben ab, mit Ausblick nach draußen zwar, aber wenig Ausbruchsmöglichkeiten. Die Bühne, für die ebenfalls Regisseur Perceval verantwortlich zeichnet, ist als eine Art luftiges Gefängnis mit vermeintlichem Freigang angelegt, aber sie bewegt sich im Kreis, und keiner kommt hier irgendwie raus. Ob du'n Mädel hast oder auch keins.

Smart im "Tatort"-Stil

Auch Hannes Krögers ehemalige Schiffskumpane Jens und Fiete (im Film Gustav Knuth und Günther Lüders) finden sich nicht mehr zurecht: der eine dealt erfolglos mit geklauten Designer-Schuhen und wird darüber zum Brutalo, der andere hat längst resigniert und versucht, sich das Leben und die Damen schön zu saufen. Beide sind eher traurige Gestalten - jedenfalls keine Role Models für ein neues Leben auf See. Im Griff hat sich anscheinend nur der flotte wie schmierige Georg Willem Scholz (Rafael Stachowiak in der Hans-Söhnker-Rolle), der hier kein selbstbewusster Werftarbeiter und stolzer Jung-Proletarier ist, sonder gewiefter Zollfahnder und attraktiv im "Tatort"-Stil. Sowas wollen die Mädels heute, und zurück darf ein Seemann ohnehin nie schau'n.

Übrigens: Auf eine fetzige "La Paloma"-Version wartet man vergebens. Zu dieser zeitgenössischen "Freiheit" passt eben nur eine hingenuschelte Kurzfassung, die dem Sänger Kröger eher peinlich zu sein scheint. Dafür schmettert seine Chefin Anita Schröder (kraftvoll: Gabriela Maria Schmeide) mit tapferem, schmerzumwehten Sopran ihre Songs umso herziger: Krasse Gegensätze zum harten Leben, Zitate aus einer vergangenen, nostalgieverbrämten Zeit. Ihr "Beim ersten Mal, da tut's noch weh", kann man hier vielfach interpretieren, denn alle Akteure sind zwar vom alten Leben enttäuscht, kämpfen aber entschieden um ein bessere Zukunft.

Effiziente Ironietechnik

Zum Glück vermeidet Luk Percevals bei seinem Zugriff auf den Klassiker jede besänftigende Nostalgie und versucht, die Figuren als Zeitgenossen zu beleben ohne dabei ihre Geschichte zu verfälschen. Viele Dialoge sind aus dem Film übernommen, und gerade dadurch wirkt manches, was früher tragikomisch war, heute umso bitterer. Wenn Günther Lüders im 1943 gedrehten Original über die treulosen Weiber "Totschlagen! Alle totschlagen!" zürnt, dann ist das clownesk. Aus dem Munde des modernen Fiete (brillant böse gespielt von Julian Greis) klingt es finster und brutal. Eine einfache, aber effiziente Ironietechnik, die verblüffend gut funktioniert.

Mit routinierter Personenregie jagt Perceval das Ensemble gnadenlos durch das Gestänge seiner industriellen Aufbauten, doch das ewige Rattenrennen der Unterprivilegierten hat man in dieser oder anderer plakativen Form schon allzu oft gesehen. So wirken die Bewegungen auf der Bühne leider arg konventionell. Auch die atmosphärischen Videoprojektionen, meist Hafen-Impressionen, sind wenig anregend. Doch dies - wie auch das handwerklich korrekte, aber schlichte Bühnenbild - ist wohl der Tatsache geschuldet, dass Regisseur und Hauptdarsteller buchstäblich in letzter Minute für das ursprüngliche Team einspringen mussten, das wegen künstlerischer Differenzen das Handtuch geworfen hatte. Daran gemessen lief die Inszenierung erstaunlich dicht und darstellerisch überzeugend ab.

Am Ende teilte sich der Beifall in Jubel fürs Ensemble und heftige Buhs für das Regie-Team: Gerade in Hamburg Hans Albers demonstrativ links liegen zu lassen, ist natürlich immer gewagt. Hier aber gelang der Klassiker-Transport ins Heute. Und für konservierte Helden gibt's ja das Panoptikum.



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