Premiere "Die Ratten" Vor dem Mietskasernengott sind alle gleich

Den Abend verbringen die Schauspieler gebückt - das kostet eine Runde Wirbelsäulengymnastik. Regisseur Michael Thalheimer hindert sie in "Die Ratten" am aufrechten Gang, dem Hauptmann-Klassiker gewinnt die Inszenierung des Deutschen Theaters Berlin berührende Momente ab.

Von Christine Wahl


Falls dieser Abend ein Publikumserfolg wird - und die Zeichen dafür stehen nicht schlecht - muss das Deutsche Theater Berlin seinen Schauspielern wahrscheinlich bald Wirbelsäulengymnastikkurse spendieren. Denn der Dachboden der Berliner Mietskaserne, auf dem sich Gerhart Hauptmanns "Ratten" tummeln, ist in Michael Thalheimers Inszenierung gerade mal um die hundertfünfzig Zentimeter hoch: Sämtliche Akteure schleichen abendfüllend in gebückter Haltung durch Olaf Altmanns imposante Bühnenkonstruktion. Von der oberen und der unteren Kante läuft je ein massives Holzbrett schräg zur Bühnenmitte zu, so dass man aus dem Parkett den Eindruck hat, vom berühmten Guckkasten bliebe nicht mehr als ein Briefkastenschlitz.

Schauspielerinnen Barbara Schnitzler (inks) und Lotte Ohm: Ein Abend in Beugehaft
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Schauspielerinnen Barbara Schnitzler (inks) und Lotte Ohm: Ein Abend in Beugehaft

Wer in diesem asozialen Wohnungsbau zu Hause ist, sagt jenes Bild, dem ist das Training des aufrechten Ganges von vornherein unmöglich. Und das einzig Faire besteht darin, dass bei Thalheimer vor dem architektonischen Mietskasernengott alle gleich sind: Der gutbürgerliche Ex-Theaterdirektor Harro Hassenreuter, der auf dem Dachboden seinen Fundus untergebracht hat, muss genauso demütigend aus der schier unendlichen Bühnentiefe an die Rampe kriechen wie seine Putzfrau Jette John oder das polnische Dienstmädchen Pauline Piperkarcka (überzeugend verzweifelt: Regine Zimmermann). Aus diesem Blickwinkel hätte sich die Sache mit der Ständeklausel - in den theatertheoretischen Debatten zwischen Hassenreuter und seinem aufmüpfigen Schauspielschüler Erich Spitta ein grundlegendes Thema der 1911 uraufgeführten "Ratten" - aufs Gegenständlichste erledigt. Auch, wenn die Motive zur Buckelei auf durchaus unterschiedlichen Niveaus beheimatet sind.

Dass eine Putzfrau das gleiche Zeug zur Tragödin habe wie eine Shakespearesche Lady Macbeth - für diese Diagnose fliegt Spitta, der im Drama wacker Hauptmanns soziale und künstlerische Ansichten gegenüber dem deutschnational-konservativen Theaterdirektor hochhält, hochkantig aus dem Mimenunterricht. Derweil arbeiten die Mietparteien direkt unter ihm eifrig an der Bestätigung seiner These: Die Piperkarcka erwartet ein uneheliches Kind und möchte sich deshalb im Landwehrkanal ertränken. Frau John, der gerade ein Sohn im Säuglingsalter gestorben ist, überredet sie, den Jungen zur Welt zu bringen und ihr zu verkaufen. Als das Dienstmädchen den Handel später bereut und aufzudecken droht, schickt die John ihren Bruder Bruno zwecks Einschüchterung aus, wobei der die Piperkarcka leider tötet und Jette John sich schließlich schuldbewusst das Leben nimmt.

Unterschichtsnot in Vollendung

Der als Dramen-Skeletteur bekannte Michael Thalheimer hat sich mit gewohnt routinierter Chirurgenhand über Hauptmanns "Berliner Tragikomödie" gebeugt und die reichlich hundertseitige Vorlage zu überschaubaren hundert Minuten gestrafft. Weil die besagten theaterhistorischen Scharmützel, die Spitta und Hassenreuter ausfechten, anno 2007 längst so verstaubt sind wie die Wallensteinschen Pappenheimer auf dem Dachbodenfundus, gibt Horst Lebinsky den Ex-Theaterdirektor als lustige Karikatur des Regiepatriarchen, dessen Starrsinn sich eher aus Allmachtsphantasien denn aus leidenschaftlichen ästhetischen Überzeugungen speist.

Und wenn sein Schüler Spitta, der eben an der Rampe von einem Weinkrampf gebeutelt wurde, weil der Papa ihm ob seines brotlosen Berufswunsches den Geldhahn zudrehen will, mit eingezogenem Kopf "Wir sind die Zukunft" verkündet, dann weiß man, dass man diese Pisa-Generationsära definitiv nicht mehr erleben will. Wahrscheinlich gäben der klemmige junge Mann (Mathias Reinhardt) und seine Freundin Walburga (Lotte Ohm) ein Königreich für irgendeinen widerständigen Gedanken. Was diesen wohlfeilen Mittelschichtskindern und ihren betuchten Eltern bei Thalheimer auf den Kopf drückt, ist - quasi in Umkehrung zu Hauptmann - gerade die vollständige Idealismusfreiheit.

Die existenzielle Form der Unterschichtsnot indes zeigt sich hier weitgehend unverändert. Und wie sie da alle krabbeln und krauchen, wie der Mangel an materieller und/oder ideeller Nahrung sich in die Physis eingeschrieben hat, zeitigt durchaus eindrückliche Bilder. Denn auf der einen Seite bringen diese geduckten Bewegungsabläufe das Dilemma zwar fast auf den naturalistischen Punkt, entziehen sich aber auf der anderen gleichzeitig jeder einseitigen Festschreibung, weil ihre Unnatürlichkeit auch eine Distanz schafft, die wohltuend abstrahierende Assoziationen zulässt.

Allerdings ist diese unbestreitbare Qualität des Bühnenbildes gleichzeitig ein Problem des Abends: Nach einer halben Stunde hat man von der tragödischen Beugehaft bis zur lustig-bücklingshaften Beischlafnummer sämtliche choreografischen Facetten, die im Rahmen einer derart dominanten Setzung möglich sind, gesehen. Tatsächlich gäbe es ab diesem Punkt nur noch Wiederholung - wenn da nicht die sensationelle Constanze Becker alias Jette John mit ihrem kongenialen Kollegen Sven Lehmann wäre. Becker spielt diese bedrängte kunstberlinernde Unterschichtstragödin denkbar unsentimental; mit einem Pragmatismus, unter dem es zunehmend brodelt, während er sich gleichzeitig nach außen unter allen Umständen aufrechterhalten will. Nicht nur wegen der anderen, sondern vor allem als Verzweiflungsmaßnahme gegen die eigene Selbstauflösung.

Was die junge Becker - eine der Protagonistinnen aus Andres Veiels Dokumentarfilm "Die Spielwütigen" - da auf die Bühne wuchtet, ist schlichtweg ein Hammer! Und wenn Sven Lehmann als Ehemann, der seine Liebe erst begreift, als beide sich selbst - und erst recht einander - längst abhanden gekommen sind, sich am Schluss wie blind über die Bühne tastet, hat man einen der berührendsten liebestragödischen Momente gesehen, die deutsche Bühnen derzeit zu bieten haben.



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