Mexikos Journalisten in Gefahr Gefeuert, gefoltert, getötet

Alle 27 Stunden wird in Mexiko ein Journalist angegriffen - das berichtet die Organisation Article 19. Neben Pakistan und dem Irak gilt das Land als gefährlichster Ort für Medienmacher weltweit.
Journalisten in Mexiko-Stadt protestieren mit Fotos getöteter Kollegen (Februar 2014): Pressefreiheit passt nicht zum herrschenden Demokratieverständnis

Journalisten in Mexiko-Stadt protestieren mit Fotos getöteter Kollegen (Februar 2014): Pressefreiheit passt nicht zum herrschenden Demokratieverständnis

Foto: © Henry Romero / Reuters/ REUTERS

Das neue Jahr war noch keine drei Tage alt, da hatte Mexiko schon den ersten toten Journalisten zu beklagen. Moisés Sánchez, ein Lokalreporter aus dem Bundesstaat Veracruz, wurde entführt, gefoltert und enthauptet, weil er über Misswirtschaft und Korruption des Bürgermeisters seines kleinen Heimatortes berichtete. Sánchez musste sterben, weil er seinen Job machte.

Einen Monat später verstieß Enrique Juárez Torres, Chefredakteur der Tageszeitung "El Mañana", in der Stadt Matamoros an der Grenze zu den USA gegen ein Verbot der Drogenkartelle und berichtete in seiner Tageszeitung auf der Titelseite von einer Serie von Schießereien. Wenige Stunden später zerrten ihn bewaffnete Männer in ein Auto, verprügelten und bedrohten ihn und warfen ihn dann auf die Straße.

Auch der Rausschmiss der Publizistin Carmen Aristegui, die als eine der kritischsten Stimmen des politischen Systems gilt, belegt, wie schwer es Journalisten in Mexiko haben, die unabhängig berichten, hartnäckig recherchieren und sich mit den Mächtigen anlegen. Aristegui und ihr Team wurden vor einer Woche von ihrem Radiosender MVS gefeuert. Vermutlich, weil sie einen Korruptionsskandal um Präsident Enrique Peña Nieto und seine Frau aufgedeckt hatten.

Leidensfähigkeit und Heldenmut

In Mexiko Journalist zu sein, bedeutet, eine gehörige Portion Leidensfähigkeit und Heldenmut mitbringen zu müssen. Reporter werden eingeschüchtert, bedroht und zensiert. Dutzende haben sich in den vergangenen Jahren entschlossen, ihren Job aufzugeben oder ihre Heimat zu verlassen. Denn als Medienschaffender in Mexiko steht man, vor allem in den Konfliktregionen des Landes, ständig mit einem Bein im Grab. "Die Kollegen stehen im Kreuzfeuer wie nie", warnt Darío Ramírez, Vorsitzender der mexikanischen Sektion der Menschenrechtsorganisation Article 19 , die sich weltweit für Meinungsfreiheit einsetzt.

Seit 2000 hat die Journalistenschutzorganisation 82 tote Medienmacher gezählt: Reporter, Fotografen und Landeskorrespondenten - erschossen, erwürgt, gefoltert, zerstückelt und in Müllbeuteln verklappt. "Mexiko ist nach Pakistan und dem Irak der gefährlichste Arbeitsplatz für Journalisten auf der Welt", sagt Ramírez.

Reporter ohne Grenzen führt Mexiko in seiner Rangliste der Pressefreiheit  2015 auf Platz 148 von 180 Staaten. Hinter dem aufstrebenden G20-Staat stehen nur noch Länder wie Iran, Weißrussland, Saudi-Arabien, Somalia und Kuba - Staaten mit großen demokratischen Defiziten.

War es vor Jahren vor allem das Organisierte Verbrechen, das die Pressefreiheit gefährdete, so sind es heute in der Mehrzahl Staatsdiener, schreibt Article 19 in seinem Jahresbericht über die Gewalt gegen die Presse in Mexiko, der am Dienstag vorgestellt wird. 56 Prozent der Angriffe auf Pressevertreter oder Einrichtungen wurden 2014 demnach von Polizisten und Soldaten, von Politikern und Funktionsträgern verübt.

Zehn ermordete Journalisten seit Anfang 2013

Mit der Rückkehr der jahrzehntelangen Regierungspartei PRI (Partei der Institutionalisierten Revolution) an die Macht im Dezember 2012 hat sich die Situation noch weiter verschlechtert: "2013 und 2014 waren die gewalttätigsten Jahre seit Langem für die Presse", hebt Ramírez hervor. Zehn Journalisten wurden seit Anfang 2013 ermordet. Insgesamt hat Article 19 vergangenes Jahr alle 26,7 Stunden einen Angriff auf Medienvertreter dokumentiert. Und 2015, das zeigen die Beispiele von Sánchez, Juárez Torres und Aristegui, ist es kaum besser.

Das sei kein Zufall: "Zu dem Demokratieverständnis der Herrschenden passt keine freie Presse", sagt Ramírez. "Mexikos Mächtige wollen zahme und unterwürfige Medien." Schließlich sei die Presse "am Busen der Politik" genährt und groß geworden, als die PRI von 1929 bis 2001 lange 71 Jahre alles in dem Land bestimmte. Und nach der Rückkehr an die Macht hat sich nichts verändert.

Nach wie vor ist es üblich, dass die Politik Aufmacher und Leitartikel kauft, indem sie mit der Platzierung von Werbung winkt oder mit dem Entzug von Anzeigen droht. In kaum einem anderen Land der Welt gibt es so viel staatliche Werbung in den Medien. Präsident Peña Nieto hat im ersten Jahr seiner Amtszeit für rund 130 Millionen Euro Werbung geschaltet. "Nimmt man die Bundesstaaten noch dazu, kommt man leicht auf das Dreifache", sagt Ramírez.

Gefälschte Titelseiten

Wer diesen Pakt zwischen Politik und Presse bricht, riskiert seinen Job, seine Freiheit oder gar sein Leben. Man muss nur bei dem Journalisten Pedro Canché im Bundestaat Quintana Roo in Yucatán nachfragen. Canché sitzt seit sechs Monaten wegen des Vorwurfs der Sabotage in Haft. Sein Verbrechen: Er hat gegen die geplante Privatisierung des Wassers durch Gouverneur Roberto Borge geschrieben.

Der junge PRI-Gouverneur gehört zu den härtesten Gegnern einer unabhängigen Presse. Borge gibt nachweislich Chefredakteuren lokaler Blätter Anweisungen, was sie wie zu drucken haben und steht im Verdacht, Titelseiten von Onlinemagazinen fälschen zu lassen. "Mexiko" sagt Darío Ramírez, und zögert einen Moment, den Satz zu Ende zu sprechen, "ist manchmal eine Bananenrepublik."

Was man dagegen tun kann? "Vom Staat ist keine Hilfe zu erwarten, er hat kein Interesse daran, Voraussetzungen für eine freie Presse zu schaffen, zudem ist er selbst oft Täter", sagt Article-19-Chef Ramírez. "Und die Gesellschaft ist gleichgültig". Man müsse die mutigen Kollegen schützen, ihre Arbeit unterstützen - und auf die neuen Generationen hoffen: "Wir müssen den Journalismus in Mexiko neu erfinden".

Für die Kollegen Sánchez, Juárez und Aristegui kommt das zu spät. Sánchez ist tot, der Bürgermeister, der seinen Mord in Auftrag gab, ist untergetaucht. Chefredakteur Juárez hat aufgegeben und in den USA Asyl beantragt: "Gerade in Tamaulipas hat der Staat vor den Kartellen kapituliert, da ist nichts mehr zu machen", resümiert Darío Ramírez.

Der Fall um die entlassene Aristegui schlägt zumindest national und international hohe Wellen. Selbst Human Rights Watch (HRW) hat sich eingeschaltet: "Ihre Entlassung macht eine der glaubwürdigsten Journalistinnen Lateinamerikas mundtot, die mit hoher Professionalität Fälle von Machtmissbrauch untersucht hat," sagt Amerika-Direktor José Miguel Vivanco.

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