Wegen Ausschnitten aus Christchurch-Video Presserat rügt Bild.de

Mit der Veröffentlichung von Video-Sequenzen des Attentäters von Christchurch habe Bild.de gegen den Pressekodex verstoßen, urteilt der Deutsche Presserat. "Bild" nennt die Begründung des Gremiums "absurd".


Wegen der Veröffentlichung von Video-Sequenzen des Attentäters von Christchurch hat Bild.de eine Rüge vom Deutschen Presserat erhalten.

Zwar habe die Redaktion nicht Bilder der Taten selbst veröffentlicht, sondern den mutmaßlichen Mörder auf dem Weg zu den Moscheen und beim Laden seiner Waffen gezeigt. Diese Bilder reichten jedoch, um Assoziationen zu erzeugen, die weit über das berechtigte öffentliche Interesse hinausgingen, begründete die Selbstkontrolle der Printmedien am Freitag in Berlin die Rüge. Die Redaktion habe damit dem Täter die öffentliche Bühne geboten, die er haben wollte.

Bild.de nannte die Begründung des Presserates "absurd". Die Werkzeuge des Täters von Christchurch seien seine Waffen gewesen, nicht die freie Presse, die über diese schreckliche Tat berichtet habe, erklärte ein "Bild"-Sprecher. Mit seiner Einschätzung erteile sich der Presserat nach eigenen Maßstäben selbst eine Rüge.

Laut Presserat hat Bild.de gegen die Richtlinie 11.2 des Pressekodex verstoßen, wonach die Presse sich nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen dürfe. Auch die detaillierte, dramatisierende Schilderung und drastische Bebilderung im Begleittext von Bild.de bedienen nach Ansicht des Presserats überwiegend Sensationsinteressen.

In einem Kommentar hatte "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt seinerzeit die Entscheidung, Bilder und Szenen aus dem Video zu zeigen, verteidigt: Durch Journalismus werde "aus einem Ego-Shooter-Video ein Dokument, das Hass demaskiert und aufzeigt, was der Terrorist von Christchurch ist". Auch der sogenannte "Ombudsmann" der Zeitung, Ernst Elitz, hielt es für "gerechtfertigt, die ausgewählten Bilder von dem grässlichen Geschehen zu zeigen".

Dem mutmaßlichen Attentäter - ein 28 Jahre alter Australier - wird vorgeworfen, Mitte März während der Zeit des Freitagsgebets zwei voll besetzte Moscheen im neuseeländischen Christchurch überfallen zu haben. Dabei tötete er mehr als 50 Menschen. Die Tat war live im Internet zu sehen, weil der Schütze mit einer Helmkamera unterwegs war.

feb/dpa



insgesamt 16 Beiträge
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mephistofeles12 07.06.2019
1. Zurück auf´s alte Niveau.
Man hat ja schon befürchtet, "Bild" wird seriös. Nach einem kurzen Intermezzo, während dessen die "Bild" versucht hat, ihr Schmuddel- und Sensationsgier-Image abzumildern, kehrt sie mit Auftauchen des neuen Chefs Reichelt zum alten Sumpf-Niveau zurück. Da werden Verdächtige bedenkenlos mit Vollbild und Klarnamen genannt, Menschen denunziert und eben auch Videos gezeigt, die andere zurecht nicht zeigen. Dass man mal dem alten Diekmann noch mal eine Träne nachweinen würde....
dasfred 07.06.2019
2. Bild, wie sie leibt und lebt
Ethik zählt nicht, wenn Quote und Auflage den Bach runtergehen. Julian Reichelt, der gegen die Veröffentlichung seines Gehaltes geklagt hat, weil dadurch seine Familie gefährdet wird, veröffentlicht ständig die Einkommen von Prominenten, Sportlern und Politikern. Unverpixelt werden Fotos von Opfern aus dem Internet gezogen und veröffentlicht, ohne Genehmigung der Hinterbliebenen. Alles, was sich skandalisieren lässt, bringt Clicks und damit Geld. Der Presserat interessiert die Bildredaktion höchstens aus der Perspektive viel Feind viel Ehr. Vor fünfzig Jahren hieß es schon, die Bildzeitung muss man gerade halten, sonst läuft das Blut raus. Das hat sich online sogar noch verschlimmert.
Stereo_MCs 07.06.2019
3.
Die Rechtfertigung der Bild ist für mich an Substanzlosigkeit kaum zu überbieten. Die Bild unter Julian Reichelt, komplett auf den Hund gekommen. Erschreckend, dass man den journalistischen Niveau Limbo noch so tiefer legen konnte.
arvenfoerster 07.06.2019
4. Richtig, aber doppelzüngig
Das Bild.de vom Presserat gerügt wird, ist ein richtiges Signal. Für den Spiegel, der darüber berichtet, wäre es jedoch wesentlich ehrlicher, wenn er auch berichten würde, wenn ihn eine Rüge trifft.
spon-facebook-10000100023 07.06.2019
5. Der Attenäter
...hat eine Bühne bekommen. Als Mr. Dabbelju seine Kriege vom Zaun brach, hat er auch so etwas bekommen. Das scheint ja heute verboten zu sein. Wollen wir sehen, ob das noch gilt, wenn Donald Duck den Iran überfällt - oder ob die ganze Welt dann vorm Fernseher sitzt und das massenmörderische Treiben verfolgen kann.
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