Pritzker-Preis für Souto Moura Ich bau klein, mein Herz ist rein

Stararchitekt? Nicht ich. Der wichtigste Architektur-Preis der Welt geht an Eduardo Souto de Moura. Der Portugiese hat zwar einige Spektakel-Bauten vorzuweisen, steht aber ansonsten eher für Bescheidenheit - eine Haltung, die in Zukunft auf der ganzen Welt stilbildend sein könnte.

REUTERS/ Luis Ferreira Alves

Von Tilo Wagner, Lissabon


Der mit 100.000 Dollar dotierte Pritzker-Preis ist die weltweit höchste Auszeichnung für Architektur. Mit Bauwerken von bisherigen Preisträgern schmücken sich viele Metropolen der Welt, und viele der ausgezeichneten Architekten umgibt eine Aura von Glamour, Weltbekanntheit und Starstatus. In die Reihe von Norman Foster, Rem Koolhaas oder Zaha Hadid lässt sich der diesjährige Pritzker-Preisträger jedoch schlecht einordnen.

Eduardo Elísio Machado Souto de Moura, oder kurz einfach Souto Moura genannt, sieht sich nicht als Stararchitekt. Ein Großteil seiner über 60 Bauwerke steht in Portugal. Anstatt auf Millionengagen zu bestehen, kämpft Souto Moura immer wieder mit unterfinanzierten Projekten. Der 58-jährige Portugiese war deshalb von der Auszeichnung auch vollkommen überrascht. Er glaubt aber, dass seine Wahl auch ein Zeichen der Zeit ist: "Die Jury hat mir den Preis nicht gegeben, weil ich so einzigartig bin. Als Folge der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise ist die Zeit der einzigartigen Stararchitekten vielleicht vorbei," sagte Souto Moura in Lissabon, nachdem er von der Auszeichnung erfahren hatte.

Die Zurückhaltung des portugiesischen Architekten zeigt sich auch in seinen Bauwerken. Die Jury des Pritzker-Preises betonte, dass sie vor allem Souto Mouras Sensibilität auszeichnet, seine Architektur passend in die Umgebung zu integrieren. Für die Pritzker-Jury, aber auch für den Architekten, ist das Stadion, das Souto Moura für die Fußball-Europameisterschaft 2004 in der nordportugiesischen Stadt Braga konzipierte, hierfür der beste Beweis: "Das Stadion konnte ich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort bauen. Alles stammt aus meiner Feder. Vom gesamten Eingriff in die Landschaft bis hin zu den Griffen an den Türen habe ich alles entworfen."

Der Stadionbau wurde so in einen Felsberg abgelassen, dass die umliegende Naturlandschaft zu einem Teil der Sportstätte wurde. Das Spielfeld umsäumen nur an den Längsseiten zwei steile Haupttribünen. Hinter den Toren ist der Naturfels freigelegt. Die erstaunliche Menge von über 200 Millionen Tonnen Stein ließ Souto Moura nach eigenen Angaben aus dem Berg holen, um die 30.000 Zuschauer fassende Arena zu bauen.

Mit Álvaro Siza Vieira, der bereits 1992 als erster Portugiese den Pritzker-Preis gewann, zählt Souto Moura zu den herausragenden Vertretern einer einflussreichen Generation von Architekten aus Porto. Der Einfluss des Modernismus und des deutschen Bauhaus-Architekten Mies van der Rohe auf Souto Moura macht sich in seinem ganzen Werk bemerkbar.

Nach seinem Studium an der Hochschule für freie Künste arbeitete Souto Moura im Büro von Siza Vieira. In den achtziger Jahren machte er sein eigenes Architekturbüro auf. Aus dieser Zeit stammt auch sein erster emblematischer Bau - das "Casa das Artes" (Haus der Künste) in Porto. Zusammen mit Siza Vieira entwarf Souto Moura den Pavillon Portugals für die Expo 2000 in Hannover. Für seine Werke hat er eine Reihe von Auszeichnungen erhalten, darunter auch im Jahr 2001 die Heinrich-Tessenow-Medaille in Gold.

Die Pritzker-Jury hob in ihrer Begründung auch ein zwanzigstöckiges Hochhaus, den Burgo Tower in seiner Geburtsstadt Porto hervor, ein Gebäude, das aus einem vertikalen und einem horizontalen Block besteht. Für Souto Moura war dies eine neue Herausforderung, denn der Architekt hat sich in seiner Laufbahn mehr mit dem Bau von Einfamilienhäusern als mit Großprojekten einen Namen gemacht.

Viel Lob erhielt Souto Moura für einen Museumsbau in Cascais, der 2009 fertiggestellt wurde. Das Gebäude beherbergt die Werke der bekanntesten portugiesischen Malerin Paula Rego. Souto Moura entwarf ein flaches, fensterloses, in Terrakotta gestrichenes Haus, aus dem zwei pyramidenförmige Türme herausragen. Farbe und Form stehen in einem harmonischen Kontrast zu grünen Pinienbäumen, die das Museum umringen.

Das Arbeiten wird Architekten in Portugal zur Zeit nicht leicht gemacht. Wegen der dramatischen Lage der öffentlichen Finanzen stehen auch eine Reihe von Souto Mouras Projekten still, etwa der Ausbau der U-Bahn in Porto oder ein Kulturzentrum in Viana do Castelo. Der neue Pritzker-Preisträger glaubt, dass ihm der jetzt gewonnene Ruhm vor allem Aufträge aus dem Ausland einbringen werde: "Ich arbeite jetzt schon fast nur für ausländische Auftraggeber. Das macht für mich nicht immer Sinn."

Von dem Preis erhofft sich Souto Moura eine dynamisierende Wirkung für die Architektur in Portugal. Das kleine Portugal mit seinen zehn Millionen Einwohnern hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten zwei Pritzker-Preisträger gestellt. Wenn die Wirtschafts- und Finanzkrise weiter anhält, droht das Land jedoch eine Generation talentierter Architekten zu verlieren. Insbesondere die Situation von Berufseinsteigern bereitet Souto Moura große Sorge: "Wir haben in Portugal sehr gute Architekten. Aber es gibt keine Jobs. Deshalb suchen sich viele Arbeit im Ausland, vor allem in der Schweiz oder in Brasilien."

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
terber 29.03.2011
1. 200 Millionen Tonnen Stein ?
Zitat von sysopStararchitekt? Nicht ich. Der*wichtigste Architektur-Preis der*Welt*geht an Eduardo Souto de Moura. Der Portugiese hat zwar einige Spektakel-Bauten vorzuweisen, steht*aber ansonsten eher für Bescheidenheit - eine Haltung, die in Zukunft*auf der ganzen Welt*stilbildend sein könnte. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,753865,00.html
Das glaube ich nicht - das wäre ein Würfel von über 400 Meter Kantenlänge! Oder anders gesagt: Wenn jeder Laster 30 Tonnen wegbringt, dann sind das über sechs Millionen Lkw-Fuhren. Das halte ich für außerordentlich unwahrscheinlich. Interessanterweise sprechen andere Quellen im netzt auch nur von "Tausenden Tonnen von Gestein".
frigor 29.03.2011
2. Wo bleibt das Wohlsein?
Die Gebäude sehen ja für sich interessant und gelegentlich sogar schön aus. Aber ein Wohlsein entsteht da bei mir nicht. Am besten gefallen mir bei den Werken der meisten grossen Architekten in der Regel die Pflanzen rund um die Gebäude.
qlcasa 30.03.2011
3. 200 Millionen Tonnen?
Hat der Autor des Artikels überhaupt eine Ahnung was 200 Millionen Tonnen bedeuten? Nein, es waren ganz sicher keine 200 Millionen. Insgesamt wurden 1.300.000 m³ Tonerde und Gestein bewegt, wobei etwa 750.000 m² davon Gestein war (das meiste davon wohl Granit). Das ist immer noch eine erstaunliche Menge (entspricht einem Körper mit 200m Länge x 200m Breite x 18.75m Höhe). Ich war schon in diesem Stadion und diese Menge entspricht eher den dortigen Größenverhältnisse. Bitte, beim nächsten mal genauer recherchieren
qlcasa 30.03.2011
4. Er baut für Menschen
Zitat von frigorDie Gebäude sehen ja für sich interessant und gelegentlich sogar schön aus. Aber ein Wohlsein entsteht da bei mir nicht. Am besten gefallen mir bei den Werken der meisten grossen Architekten in der Regel die Pflanzen rund um die Gebäude.
Nein, Sie irren sich, die Gebäude sind geradlinig und klar, das schöne ist aber die Einbettung der Gebäude in die Umgebung. Seine Bauten, vor allem seine Wohnhäuser und Wohnanlagen sind gemütlich und warm. Er baut für Menschen und hat überhaupt keine Starallüren.
observer41 30.03.2011
5. unwohlsein
Zitat von qlcasaNein, Sie irren sich, die Gebäude sind geradlinig und klar, das schöne ist aber die Einbettung der Gebäude in die Umgebung. Seine Bauten, vor allem seine Wohnhäuser und Wohnanlagen sind gemütlich und warm. Er baut für Menschen und hat überhaupt keine Starallüren.
Wenn man sich in der Bilderfolge das erste Wohnhaus ansieht, Betonwände, Schießschartenfenster,sieht man zwar auf gerade Linien, hat aber eher den Eindruck eines sich duckenden Bunkers als den eines mediterranen Hauses, das sich zur Landschaft öffnet. Mehr Fadotristesse als Bauhaus, eher nach aussen abweisend angepasst an die Kamingemütlichkeit der langen feuchtkalten Winter- und Frühlingszeit in dieser Landschaft.
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