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01. Oktober 2014, 16:26 Uhr

Private Sicherheitsdienste

Verlierer in Uniform

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Mit Mütze, Taschenlampe und geborgter Autorität: Wenn staatliche Aufgaben an Privatfirmen weitergereicht werden, bewachen Menschen den Rand der Gesellschaft, die selbst am Abgrund stehen.

Vor einigen Jahren arbeitete ich für einen Sommer bei einem privaten Sicherheitsdienst. Eine Ausbildung in München ist teuer, das Unternehmen zahlte gut. Alle Schichten waren Nachtschichten. Das kam mir entgegen, weil ich tagsüber studierte und nachts mein eigener Herr sein konnte. Ich bekam eine eigene Uniform mit Mütze, einen gewaltigen Schlüsselbund und eine noch gewaltigere Taschenlampe. Meine Aufgabe bestand darin, zwischen Mitternacht und Morgengrauen zahlreiche "Objekte" in der Stadt abzufahren und auf ihre Unversehrtheit zu prüfen. Keine Menschen, nirgends. Nur Baustellen, Tiefgaragen, Wohnkomplexe, Versicherungstürme, Ämter, Autohäuser, Ruinen.

Meine Kollegen waren traurige Gestalten der Nacht. Ein bleicher Russe, der nicht ohne die speckige Ledertasche auf Tour gehen wollte, in der er zu Zeiten der UdSSR sein Equipment als "Prawda"-Fotograf transportiert hatte. Ein bleicher Schwabe, der den Kummer darüber, wegen der Schichten seine Familie nie zu Gesicht zu bekommen, allnächtlich in Mariacron ertränkte. Ein ehemaliger Polizist, eine Träne ins bleiche Gesicht tätowiert, der heimlich mit Gaspistole auf Patrouille ging. Weil das nämlich gefährlich sei mit "all den Irren da draußen". Wer bei dieser Firma anheuerte, um die toten Winkel der Gesellschaft zu überwachen, gehörte selbst zum Rand der Gesellschaft. Längst nicht alle, aber doch die meisten meiner Kollegen hatten die entscheidenden Niederlagen ihres Lebens längst erlitten.

Verantwortung in den Händen polizeibekannter Schlägertypen

Hier liegt das grundsätzliche Problem, wenn hoheitliche Aufgaben wie der Schutz von Asylbewerbern - vor sich selbst oder dem Mob vor der Tür - an private Unternehmen ausgelagert wird. Outsourcing wird zum Durchreichen der Verantwortung nach unten, bis sie endlich in den Händen polizeibekannter Schlägertypen liegt. In Burbach wurde vom Regierungspräsidium die, wie man hört, recht günstige Firma European Homecare bestellt. European Homecare wiederum beauftragte die Nürnberger Sicherheitsfirma SKI, die ihrerseits wiederum auf noch billigere Subunternehmer zurückgriff. Dass hier keine ausgebildeten Traumatherapeuten mit Zusatzqualifikation in ambulanter Deeskalation zum Einsatz kommen, liegt auf der Hand.

Es ist, als würde man eine gemietete Wohnung an einen Untermieter weitervermieten, der sie seinerseits an einen Unteruntermieter weiterreicht. Und ein solches System wird derzeit als wichtiger Pfeiler der inneren Sicherheit einer Gesellschaft bezeichnet, die die fortschreitende Privatisierung inzwischen als Naturgesetz hinzunehmen gelernt hat. In 20 Jahren hat sich die Zahl der Firmen auf 4000 verdoppelt, jüngste Erhebungen (2013) gehen von rund 185.000 Mitarbeitern aus. Trotz geringer Gewinnmargen macht die Branche einen Umsatz von mehr als fünf Milliarden Euro.

Ein wachsendes Segment ist die "Betreuung" von Objekten, in denen wie zufällig auch Menschen wohnen - allein zwischen Januar und August 2014 haben 99.592 solcher Menschen in Deutschland Asyl beantragt. Kommunen sind überfordert, Geld ist dafür keines da, die Polizei wird nur dann hinzugezogen, wenn sie gerufen wird. In Burbach zumindest sorgten Leute für Ordnung, die weder einen Bildungsabschluss noch entsprechende Erfahrungen hatten. Dabei können die Übergriffe auch als logische Folge einer Stimmungsmache gelesen werden, wie sie neulich erst wieder die "Bild"-Zeitung betrieben hat. Demnach trügen Sanitäter in Bautzen "aus Angst vor Attacken im Asyl-Hotel" angeblich "schon Schutzwesten". Warum sollte, wer das für bare Münze nähme, sich nicht mit präventiven Folterspielchen den nötigen Respekt verschaffen?

Offenbar allzumenschlicher Sadismus

Die Szenen in Burbach erinnern an das berüchtigte Stanford-Prison-Experiment: 1971 teilten US-Psychologen eine Gruppe aus 24 Studenten per Losverfahren in "Gefangene" und "Wärter", die mit Befugnissen, Uniformen, Knüppeln und Sonnenbrillen ausgerüstet wurden. Nach nur drei Tagen musste das Experiment abgebrochen werden, weil sich bei den "Wärtern" ein offenbar allzumenschlicher Sadismus vor allem dann Bahn brach, wenn sie sich unbeobachtet fühlten. Eine vernünftige Betreuung von Flüchtlingen, nein, das können wir uns als eine der reichsten Nationen der Erde nicht leisten. Was wir uns leisten können, ist ein Stanford-Prison-Experiment in bundesweitem Maßstab. Indem wir Verlierer in Uniformen stecken, damit sie auf Menschen aufpassen, die alles verloren haben.

Nun werden Zustände wie die in Burbach in Leitartikeln reflexhaft als "unhaltbar" bezeichnet, als handele sich um Fehler im System. Ist nicht das System der Fehler? Ein System, das Bedürftige erst abweist, dann einpfercht und in diesem Pferch einem armseligen Wiedergänger eben jener sadistischen Obrigkeit ausliefert, vor der sie einst geflohen sind? Die Zustände sind eben nicht "unhaltbar", sie sind durchaus tragfähig und gewollt. Sie herrschen, die Zustände. Und daran wird auch ein Korrigieren irgendwelcher "Standards" kaum etwas ändern.

Dabei haben private Wachleute nicht mehr Rechte als andere Bürger auch. Vor einem Einbrecher auf frischer Tat wären wir damals alle geflüchtet. Deshalb zogen manche Kollegen gerade im Zwielicht gern ihre Mütze auf, damit man sie wenigstens in Umrissen für einen Polizisten halten könnte. Es herrschte eine allgemeine Ohnmacht gegenüber realen Gefahren der Nacht. Unsere Autorität war geborgt, unsere Anwesenheit in den Gebäuden eine symbolische. Es herrschte Verunsicherung immer dann, wenn wir "auf Streife" echten Menschen begegneten. Klassisches Feindbild war der aufgeschreckte Obdachlose, der es sich in einem Rohbau auf einem Stapel trockener Rigips-Platten unter ein paar Schichten Steinwolle gemütlich gemacht haben könnte.

Gleich in meiner ersten Nacht wurde mir beigebracht, die Taschenlampe im Dunkeln wie einen Speer neben dem Kopf zu halten. Um eventuell in flüssiger Bewegung mit dem schwereren Teil - dort, wo die Batterien sitzen - effektiv zuschlagen zu können. "Nach unten schlagen", hieß es: "Immer nach unten!"

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