Freie Kunsträume in Berlin Aktzeichnen to go

Projektraum gleich öde Diskurs-Kunst? Von wegen: Mit Aktmodellen im Schaufenster und iranischer Unterwäsche lädt jeden Tag im August ein anderer freier Kunstraum zum "Project Space Festival" in Berlin ein.

Stefanie Seidl/ berlin-weekly

Ein Schaufenster in Berlin Mitte. Darin ist nichts zu sehen von teuren Klamotten. Von gar keinen Klamotten, um genau zu sein. Zwei Aktmodelle hocken darin, hell beleuchtet und gut sichtbar. Und vor dem Schaufenster, draußen auf der Straße, sitzen so viele Leute vor Staffeleien oder mit einem Zeichenblock auf den Knien, dass die Linienstrasse dicht ist.

Es ist das Schaufenster des Projektraums "Berlin Weekly". Es ist der dritte Tag des Project Space Festivals in Berlin. Es ist eine Aktion mit dem Namen "AKT to go".

Stefanie Seidl, Kuratorin von "Berlin Weekly", hatte die Staffeleien gestellt und Zeichenblöcke, Kohle- und Graphitstifte ausgelegt. Jeder sei willkommen gewesen, sagt Seidl, auch zufällig vorbeikommende Passanten. Viele waren spontan stehen geblieben und hatten, genau wie die gezielt gekommenen Kunst-Insider, ganz konzentriert die beiden Modelle gezeichnet, und damit die Straße zum Atelier und sich selbst zum Künstler gemacht.

"Ich habe die Kunst nach außen tragen wollen und dafür die übliche Schaufenstersituation, in der sonst die Arbeiten von Künstlern gezeigt werden, einfach umgedreht", sagt Seidl. Das hat wunderbar geklappt, jetzt ist die Aktion von außen einsehbar bei "Berlin Weekly" mit einem großes Foto und mit zurückgelassenen Zeichnungen auf dem Boden dokumentiert.

No-Budget und trotzdem gute Programme

Seidels "AKT to go" hat die Erwartungen der drei Festival-Gründerinnen Marie Graftieaux, Nora Mayr und Lauren Reid schon einmal erfüllt: dass nämlich Szenegänger und Kunst-Insider neue Orte und Veranstaltungsformate kennenlernen, dass Menschen, die mit der Kunstszene nichts zu tun haben, ohne Schwellenangst zu den Aktionen kommen, und dass die Projekträume auf sich aufmerksam machen können.

Als die drei Initiatorinnen im August 2014 zum erstem Mal das Festival organisierten - mit einem Etat aus jeweils 50-Euro-Beiträgen der 30 Teilnehmer und 400 Euro Sponsorengeld - hatten sie außer viel Einsatz auch die Erfahrung aus ihren eigenen Projektraum "insitu" mitgebracht: Sie wussten damals bereits, wie man mit einem No-Budget-Programm gute Ausstellungen, Diskussionen, Aktionen oder Installationen macht, bei denen es nicht um Gewinn und nicht um das Verkaufen gehen soll.

Um Ähnliches geht es allen rund 150 "Project Spaces", die es in Berlin gibt. Viele werden von Künstlern und freien Kuratoren in leerstehenden Ladenlokalen oder Wohnungen betrieben, einige gibt es über lange Zeiträume, andere nur temporär und wieder andere befinden sich nicht in festen Räumen, sondern sind an unterschiedlichen Orten zu Gast.

Von der Tusche-Wandarbeit bis zur Sternenhimmel-Dichtung

70 dieser Projekträume hatten sich für die Teilnahme am Project Space Festival beworben, 30 hat eine Jury ausgewählt. So ist das Programm an jedem Abend so unterschiedlich wie die Räume selbst. "Agora" stellt beispielsweise in Neukölln den neuen Verlag Metaflux vor, am Wochenende präsentiert "zwanzigquadratmeter" eine Tusche-Wandarbeit des Künstlers Jan Hostettler, und "Kinderhook & Caracas" bieten ein "Off-site Storytelling-Projekt" auf einem Floß entlang des Landwehrkanals an.

Es gibt öffentliche Lesungen und Diskussionen (bei General Public, District, Decad), eine Mischung aus Ausstellungsraum und Imbiss wie bei "Vesselroom Project", Filme und Projektionen bei "Sox" und "NuN" und Performances zum Klimawandel bei "Climax". Manches ist kryptisch - was zum Beispiel das "Institut für Alles Mögliche" unter "Wortfeldsalat oder Wie man einen Sternenhimmel dichtet" anbietet, wird man vor Ort sehen.

Manches ist schon gelaufen und manches davon so erfolgreich, dass es verlängert werden soll - wie das Projekt "uqbar", ein Pop-up-Store mit iranischer Unterwäsche, den die Künstlerin Anahita Razmi eingerichtet hat. Vor einem wandfüllenden Foto eines alten Teheraner Basarladens hat Razmi drei Wochen lang iranische Unterhemden und -hosen zum Verkauf angeboten, die sie selbst in sechs Koffern importiert hat. Unterwäsche sei ein interessantes Produkt, sagt sie, "nicht orientalisch, trotzdem völlig lokal". Das alte Label habe die wechselvolle Geschichte des Landes mitgemacht, was man noch am eingenähtem Label sieht, auf dem die alte, nicht mehr erlaubte Bezeichnung einfach ausgekreuzt wurde.

So unterschiedliche Programme können nur unabhängige Kunstprojekträume bieten. Und wie die das hinkriegen, das sollte man am letzten Tag des Festivals unbedingt auf der "Final Gathering"-Party gemeinsam mit den Teilnehmern feiern.


Alle Informationen: www.projectspacefestival-berlin.com



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spon-facebook-1261351808 11.08.2015
1. Tolle Aktion!
Eine tolle Aktion, die zeigt, dass es doch noch eigentliche Kunst jenseits von Kommerz gibt...
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