Promi-Pilgern auf ProSieben Ich zapp dann mal weg

Wer pilgert, sucht Einkehr und Ruhe - warum können die Pseudo-Promis beim ProSieben-Kraftmarsch dann nicht einfach mal den Mund halten? Stattdessen reden Leute, die nichts zu sagen haben, über sich, Gott und die Welt: "Big Brother" auf dem Jakobsweg.
Von Henryk M. Broder

Kennst Du diese plötzlichen Sekunden
wenn Dir einfällt, dass Du sterben musst
Siegessicher gehst Du durch die Stunden
doch auf einmal wird es Dir bewusst
Und Du fragst Dich, wie das wohl gehen wird
welches Wort als letztes Wort Du sagst
Wer zuletzt an Deiner Seite stehen wird
ob Du tapfer, oder ob Du klagst

Ja, das war mal, und es ist lange her. Als Hanns-Dieter Hüsch diese Zeilen schrieb, galt noch eine anständige Form der Arbeitsteilung. Es gab die Poeten und die Proleten, im Fernsehen waren die Öffentlich-Rechtlichen für die Kultur und die Privaten für die Unterhaltung zuständig, sogar Exhibitionisten und Voyeure gingen getrennte Wege. Heute dagegen feiern alle gemeinsam. Im Zuge der Globalisierung fällt eine Grenze nach der anderen. Was man im ZDF bei "leute heute" sehen kann, könnte auch bei "exclusiv" auf RTL laufen, andersrum sowieso.

Davon profitieren alle. Die Zuschauer müssen nicht mehr ständig hin- und herzappen, um einen Promi bei einer intimen Verrichtung zu erwischen, die Produzenten können sich aus demselben überschaubaren Pool von Promis bedienen, die bereit stehen, alles zu tun, was man ihnen abverlangt. Mal müssen sie ihre Wochenendhäuser für den Publikumsverkehr aufmachen, mal füreinander kochen und dabei anspruchsvoll miteinander plaudern; dann wieder suchen sie nach spirituellen Erfahrungen, die sie mit anderen teilen möchten.

Doch wie immer das "neue" Format heißt, es funktioniert stets wie "Big Brother": Leute, die nichts zu sagen haben, reden über sich, Gott und die Welt. Wären sie nicht verkabelt, würden sie entweder schweigend auf der Sonnenbank liegen oder keuchend durchs Grüne joggen. Weil sie aber einen kleinen Sender am Gürtel tragen und die Kamera ständig auf sie gerichtet ist, produzieren sie sowohl sich als auch die "Doku-Soap".

"Blonde Haare, große Titten"

Gestern war es wieder soweit. Fünf Promis wurden auf den "Camino de Santiago", den Jakobsweg, von St. Jean-Pied-de-Port in Frankreich nach Santiago di Compostela in Spanien geschickt, eine 760 Kilometer lange Strecke, die man laut Reglement zu Fuß, mit dem Rad, auf einem Pferd oder einem Esel zurücklegen darf. Ausnahmsweise auch in Begleitung eines TV-Teams, das jeden Schritt und Tritt verfolgt. Womit Hape Kerkeling den größten Bucherfolg der letzten Jahre erzielen konnte ("Ich bin dann mal weg"), das kann auch für ProSieben nicht schlecht sein. Mit von der vierteiligen Partie:

  • die "Kampflesbe" aus "Hinter Gittern", Katy Karrenbauer, "auf der Suche nach Neuorientierung"; es wird, sagt sie, "ein schwerer und steiniger Weg";
  • der Schauspieler Oli Petszokat, der mit einer Nebenrolle bei "GZSZ" anfing, mit der Cover-Version eines Grönemeyer-Songs bekannt wurde und nun mit dem "Heimweh" kämpft, weil er noch nie so lange von seiner Familie weg war;
  • Charlotte Engelhardt, Moderatorin, die ihre Talente realistisch einschätzt ("blonde Haare, große Titten") und Sätze spricht, wie sie in jeder zweiten Kontaktanzeige vorkommen: "Bin offen für alles, erwarte nichts";
  • der Schauspieler Claude Oliver Rudolph ("Ich bin einfach cool"), eine Seele von Mann, den eine dicke Nase und das Schicksal dazu verdammt haben, Bösewichte spielen zu müssen;
  • und schließlich der Schauspieler Ingo Naujoks, der in der Komödie "Bewegte Männer" einen schwulen Polizisten gespielt hat und der es nun wissen möchte, ob er auch härtere Prüfungen bestehen kann: "Entweder er bezwingt den Weg oder der Weg bezwingt ihn."

Bei einer anderen Doku-Soap, in der ebenfalls Promis gegeneinander antreten, lautet die Alternative "Entern oder kentern".

760 Kilometer in 21 Tagen zurückzulegen, das ist keine einfache Aufgabe, auch nicht für Menschen, die sich schon tapfer auf allen Bambi-Galas, Aids-Hilfe-Parties und bei den Telethons der Welthungerhilfe geschlagen haben. Der Zuschauer, Bier und Chips bei Fuß, wäre bereit, mitzulaufen und mitzuleiden, wenn sich nicht schon nach ein paar Minuten ein schrecklicher Verdacht einstellen würde: Wie kommt es, dass Claude Oliver Rudolph nach der ersten Etappe in einer Pension aufwacht, neben sich eine Batterie leerer Weinflaschen, obwohl er ganz ohne Gepäck unterwegs ist, weil seine Koffer nicht mitgeflogen sind? Die einfache Herberge mit Etagenbetten im Gemeinschaftssaal war nichts für ihn. "Da sind zu viele alte Leute und dicke Frauen."

Immer schön sichtbar, das Marken-Logo

Und wie schafft es die blonde Charlotte, mit zwölf Kilo auf dem Rücken durch die Mittagssonne zu laufen, ohne dass ihr Make-up Schaden nimmt? Wo kommt das weiße Schaf mit dem schwarzen Kopf her, das Katy gesehen haben will und das sie "für ein Zeichen" hält? Wer hat das Skelett einer Kuh (es könnte auch das Gerippe eines Pferdes sein) so dekorativ in die Landschaft platziert, das Claude Oliver stehen bleiben und es fotografieren muss: "Ich wusste gar nicht, wie schön das Baskenland ist!"? Und wer hat dafür gesorgt, das Charlotte die ganze Zeit ein Adidas-Shirt trägt und das Logo immer gut sichtbar ist?

Das sind alles Handreichungen, die dem normalen Pilger vorenthalten bleiben. Die Promis von ProSieben werden offenbar gut betreut, von einem Team, das ständig präsent ist, aber unsichtbar bleibt. Wie Erik Zabel bei der Tour de France. So kann Claude Oliver eine steile Steintreppe hochsprinten und dabei sagen: "Das ist keine Show, das ist ein Teil von mir." Und Katy kann ganz allein "offenen Herzens durch den Wald" streifen, auf der Suche nach "Zeichen, die sie nachdenklich werden lassen"... wie das weiße Schaf mit dem schwarzen Kopf. Nachdenklich geworden, räsoniert sie dann über die Vergänglichkeit: "Wenn das Leben zerbröselt, bekommt man Existenzängste. Ich habe keine Kinder, wer wird um mich trauern?" Vermutlich nicht einmal die anderen Bräute aus dem Knast.

Es dauert nicht lange, und der Zuschauer begreift, worum es geht. Eine Castingshow für angekratzte Seelen.

Oli, 29, der sich "gut gelaunt und professionell gibt", wenn die Kamera ihn im Auge hat, macht sich Sorgen um seine Zukunft, er möchte "einen festen und beständigen Job" und dabei "nichts dem Zufall überlassen - meiner Familie zuliebe".

Charlotte läuft derweil rückwärts, und Ingo, der verspätet eingetroffen ist, weil er noch drehen musste, erwartet vor allem "innere Einkehr - es sieht verdammt aus, als wenn es ein weiter Weg werden würde".

Inzwischen hat auch Katy Karrenbauer ein Marken-Top angezogen und erzählt, sie sei in ihrem früheren Leben eine Indianerfrau gewesen. Claude Oliver, mit 50 der Älteste von allen, ist das alles wurscht: "Mir geht das ganze spirituelle Gequatsche auf die Nerven." Sein Gepäck ist inzwischen angekommen, und so kann auch er endlich ein Marken-Teil anziehen.

Das Gedicht von Hanns-Dieter Hüsch geht übrigens so weiter:

Denn bald ist Obduktion im Café Größenwahn
schnell die nächste Leiche auf den Tisch
dann wird aufgemacht und dann wird nachgedacht
dann wieder zugemacht und sich kaputtgelacht.

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