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"Russland Heute": Putins Propaganda-Blatt

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Propaganda-Zeitung "Russland Heute" Gute Nachrichten aus dem gelobten Land

Zwischen Propaganda und Putin-Kritik: Mit einer PR-Offensive will Russland sein ramponiertes Image aufpolieren. Der Kreml lässt in Moskau ein Monatsmagazin herstellen und legt es weltweit renommierten Zeitungen bei - auch deutsche Leser sollen sich von dem Werbe-Heft verführen lassen.

Wenn Russland einmal im Jahr den "Tag des Sieges" über Hitlerdeutschland feiert, donnern Kampfjets im Tiefflug quasi am Schreibtisch von Alexej Knelz vorbei. Der Chefredakteur von "Russland Heute" residiert hoch über den Dächern von Moskau, im 12. Stock eines Hochhauses an der Uliza Prawdy, der "Straße der Wahrheit". Die Piloten der MIG-Jagdflugzeuge und Suchoi-Bomber sendet der Kreml aus, um dem Westen militärische Stärke und Verteidigungsbereitschaft zu demonstrieren. Knelz' Mission ist kniffliger: Der 30-Jährige soll das Ausland nicht mit militärischer Macht beeindrucken - sondern mit Journalismus "made in Russia".

Knelz ist Chefredakteur von "Russland Heute", einem deutschsprachigen Monatsmagazin, das der Kreml finanziert und seit Dezember der "Süddeutschen Zeitung" beilegen lässt. Weil Russlands Führung es satt hat, die Schlagzeilen internationaler Medien nur dann zu bestimmen, wenn die Rede von Korruption, Gewalt und Justizwillkür ist, nimmt sie die Auslandsberichterstattung nun selbst in die Hand. Neben Knelz arbeiten rund 50 Mitarbeiter für die Gruppe "Russia Beyond the Headlines". Sie produzieren in neun Sprachen Nachrichten aus Russland für elf Länder. Weltweit erreicht die Gesamtauflage fast vier Millionen Exemplare - und angeblich 16 Millionen Leser.

Jewgenij Abow, Herausgeber der "Russia Beyond the Headlines"-Gruppe, will das "einseitige Bild in den ausländischen Medien" korrigieren: "In unserem Land ist eben vieles komplizierter, als es manche Auslandskorrespondenten schreiben." In Frankreich liegt die Zeitung "Le Figaro" bei, in den USA der "Washington Post". Zudem gab es Kontakte zum Axel Springer Verlag. "Wir sehen uns als Partner dieser Qualitätsmedien", sagt Abow. "Wir glauben, diese Zeitungen profitieren auch von unseren Inhalten."

Die deutschen Leser sollen "aus Russland schlauer werden"

Die Redaktion der "Süddeutschen Zeitung" sieht das freilich anders. Auslandschef Stefan Kornelius will nicht von einer inhaltlichen Partnerschaft sprechen: "Es gibt keine Zusammenarbeit, das ist eine Anzeigenbeilage", erklärt er. Die Redaktion stehe der Beilage inhaltlich kritisch gegenüber, de facto sei aber die Anzeigenabteilung für das Geschäft mit "Russland heute" zuständig.

Chefredakteur Knelz zog als Kind mit seiner Familie aus dem russischen Wolgograd nach Friedrichshafen. Nach dem Abitur kehrte er zurück. Nun will er den Deutschen Russland erklären. Die Leser zwischen Hamburg und München sollen "aus Russland schlauer werden", verspricht das Blatt.

Klingt nach einem weiteren PR-Schachzug des Kreml im Kampf um die öffentliche Meinung. Schon seit 2005 verbreitet der als Gegenpart zum US-Kanal CNN gegründete Auslandskanal "Russia Today" nicht nur einen "Blick auf die Welt aus Russland", sondern kultiviert vor allem anti-amerikanische Ressentiments. Vor einem Jahr stellte der Staatssender bei einer Werbekampagne US-Präsident Barack Obama auf eine Stufe mit dem iranischen Staatschef Mahmud Ahmadinedschad und fragte: "Wer stellt die größere atomare Bedrohung dar?"

2008 dann hob der Kreml ein "Institut für Demokratie und Zusammenarbeit" aus der Taufe, das über die Einhaltung von Menschenrechten wachen soll, freilich nur in den USA und Europa. Und schon während des Kalten Kriegs versuchten die Kommunisten in Deutschland Werbung für den "soviet way of life" zu machen, mit dem Monatsheft "Sowjetunion Heute". Der Freiheit der Redakteure waren damals enge Grenzen gesetzt: Im Obersten Stockwerk entschieden Mitarbeiter des Glavlit, die Zensoren von der "Hauptverwaltung für den Schutz von Staatsgeheimnissen in den Massenmedien", welche Texte das Publikum beim Klassenfeind lesen durfte.

Wie unabhängig kann eine Zeitung sein, die vom Kreml bezahlt wird?

Große Geheimnisse muss "Russland Heute" allerdings nicht mehr schützen. Alexej Knelz hat früher bei der "Schwäbischen Zeitung" und bei der Deutschen Welle hospitiert. Auf seinem Schreibtisch stehen aufgereiht die Stilbibeln des deutschen Journalismus, darunter "Deutsch für Profis" von Sprachpapst Wolf Schneider und ein Band namens "Sag es treffender, sag es auf deutsch". Knelz nimmt die Texte für die kommende Ausgabe ab: ein Porträt über einen Blogger, der Putin schon mal einen korrupten Gauner nennt, und eine Reportage über die Witwen getöteter Terrorführer in Russlands Unruheregion Nordkaukasus, geschrieben von der Moskau-Korrespondentin des US-Magazins "Newsweek".

Früher hat "Russia Beyond the Headlines" versucht, einfach die Texte aus der regierungsfreundlichen Presse zu übersetzen, aber die wollte im Ausland niemand lesen. Jetzt setzen Knelz und Co. verstärkt auf Berichte von ausländischen Journalisten in Russland. Doch wie unabhängig kann eine Zeitung berichten, die in Räumen der Regierungszeitung "Rossiskaja Gaseta" untergebracht ist und von einer Regierung bezahlt wird, die im Inland kritische Berichterstatter gängelt?

Michail Chodorkowski

"Russland Heute" versucht, durch Offenheit in Deutschland Sympathien zu wecken - und nebenbei Verständnis für manche Positionen der russischen Führung. Neulich durfte ein Kolumnist den Ex-Magnaten mit einem Dieb vergleichen, "der einen Fernseher gestohlen hat". Chodorkowski, einst Russlands reichster Mann und ein Gegner von Premierminister Wladimir Putin, war Ende Dezember von einem Gericht zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Beobachter kritisierten das Verfahren als politisch motiviert. Das kann man auch anders sehen: In Russland, so belehrt der "Russland Heute"-Autor seine deutschen Leser, werde eben "nicht nach dem Gesetz, sondern nach dem Gerechtigkeitssinn" entschieden.

"Natürlich werden wir keine vernichtende Kritik an Russland üben, das überlassen wir den ausländischen Medien", sagt denn auch Herausgeber Abow. "Wir wollen doch um Interesse für das Land werben. Das heißt nicht, dass wir unkritisch sind."

Ob "Russland Heute" auch über das Gerücht berichten würde, wonach sich Putin einen Palast am Schwarzen Meer bauen lasse, für die wahnwitzige Summe von einer Milliarde Dollar? "Der Text", sagt Knelz, "ist soeben online gegangen."

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