Protest gegen Einmischung der Politik ZDF-Prominenz will Chefredakteur vor Absetzung durch Union retten

Aufstand beim ZDF: Maybrit Illner, Marietta Slomka, Guido Knopp, Claus Kleber und andere Spitzenjournalisten des Senders wehren sich in einem offenen Protestbrief gegen den Plan der Union, Chefredakteur Nikolaus Brender 2010 abzulösen. Dies sei ein "schwerer Eingriff in die Rundfunkfreiheit".

Hamburg - Die Journalisten im ZDF begehren auf. Erst kritisierte "heute journal"-Moderator Claus Kleber im SPIEGEL, dass die unionsnahe Mehrheit im Verwaltungsrat des Senders Chefredakteur Nikolaus Brender aus parteipolitischen Gründen ablösen will. Nun formiert sich breiter Widerstand im ganzen Haus.

Polit-Moderatorin Maybrit Illner, Klebers "heute journal"-Kollegin Marietta Slomka, "Frontal21"-Chef Claus Richter, Hauptstadtstudioleiter Peter Frey und Zeitgeschichtsleiter Guido Knopp sind die bekanntesten Unterzeichner eines offenen Briefes zum Thema. Sie fürchten um die Unabhängigkeit und wollen "ein Zeichen gegen politischen Druck auf den Intendanten" setzen. In dem Schreiben an Intendant Markus Schächter stellen sich die prominenten Journalisten und alle Hauptredaktionsleiter des ZDF demonstrativ hinter ihren Chef: "Wir unterstützen Sie in Ihrem Entschluss, Nikolaus Brender als ZDF-Chefredakteur für eine weitere Amtszeit zu verlängern."

Der Widerstand im Verwaltungsrat gegen Schächters Entscheidung zeuge "von einer gefährlichen Einmischung der politischen Parteien in die Souveränität unseres Hauses". Gerade im Jahr der Bundestagswahl sei Distanz zu den Parteien unverzichtbar, um die Glaubwürdigkeit der journalistischen Leistungen im ZDF nicht in Verruf zu bringen und um die Unabhängigkeit zu bewahren. "Es wäre ein schwerwiegender Eingriff in die Rundfunkfreiheit, wenn Ihr Vorschlag abgelehnt würde", steht in dem offenen Brief an Schächter.

Die Unionsvertreter im Verwaltungsrat des öffentlich-rechtlichen Senders unterstellen Brender Nähe zur SPD und wollen seinen Fünfjahresvertrag nicht verlängern. Angeführt wird die Bewegung von dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU). Tatsächlich sehen die Journalisten im ZDF Brender aber als Garanten für die Unabhängigkeit. Unter ihm, berichten ZDF-Journalisten, seien Einmischungsversuche der Politik seltener geworden - was auch daran liege, dass er Politiker immer gebeten habe, ihr Anliegen doch schriftlich vorzutragen. Das sei nur selten geschehen. Vor einiger Zeit hatte der Chefredakteur im Fernsehrat noch damit gedroht, alle Programmbeschwerden von Politikern und Lobbyisten im Internet zu veröffentlichen. Dem breiten Publikum ist er im Gedächtnis, weil er nach der SPD-Niederlage 2005 vor laufender Kamera mit dem abgewählten Bundeskanzler Gerhard Schröder aneinandergeriet.

Brender habe die journalistische Unabhängigkeit des Senders stets "mit breitem Rücken verteidigt", sagte "heute journal"-Moderator Kleber dem SPIEGEL. Der Chefredakteur habe die Unsitte beendet, Pöstchen nach Parteinähe zu verteilen. "Das hatten wir hier hinter uns. Und so muss es bleiben." Es dürfe nicht sein, "dass parteipolitische Seilschaften wieder versuchen, nach parteipolitischen Kriterien Journalistenposten im ZDF zu bestimmen". Kleber: "Käme man damit durch, wäre das ein verheerendes Signal nach innen und nach außen."

Brenders Vertrag läuft noch bis Ende März 2010 - allerdings hat er das Recht, ein Jahr vor Ablauf zu erfahren, ob er verlängert wird. Brender selbst hatte in einer Schaltkonferenz der Redaktionsleiter von einem "Aufstand der Schranzen" gegen ihn gesprochen. Unabhängig vom Votum des Verwaltungsrates werde er seinen Vertrag zu Ende erfüllen und damit auch während des Bundestagswahlkampfs Chefredakteur bleiben: "Alle, die glauben, sie könnten hier unter dem Schutzschirm der Parteien wachsen, werden nicht reüssieren."

An der Spitze des ZDF wird versucht, die Anti-Brender-Front der Union aufzuweichen - bisher ohne Erfolg. SPD-Kreise haben die Hoffnung auf eine weitere Amtszeit für Brender allerdings nicht aufgegeben. "Brender ist ein herausragender Chefredakteur", sagt Martin Stadelmaier, Chef der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei und Vertrauter von Ministerpräsident Kurt Beck, der im ZDF-Verwaltungsrat den Vorsitz hat. "Die CDU kann für ein Nein keine auch nur halbwegs nachvollziehbaren Gründe nennen", sagt Stadelmaier. Das Ansinnen der Union berge "die Gefahr, das Ansehen des Senders dauerhaft zu beschädigen".

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