Protest-Philosophie Die Erotik der Masse 2.0

Twitter statt Molotow-Cocktails: Protestler und Machthaber fechten in diesem Sommer in Iran und China einen komplexen Kampf aus. Elias Canettis Standardwerk "Masse und Macht" verdeutlicht, wie sich Menschen führerlos organisieren. Am Web 2.0 hätte der Nobelpreisträger seine helle Freude gehabt.

Von Anjana Shrivastava


Kaum ein Philosoph hat den Massentrieb der Menschheit und die Strukturen der Gewaltherrschaft so leidenschaftlich zu ergründen versucht wie Elias Canetti. Sein Hauptwerk "Masse und Macht" wurde nach 20-jähriger Arbeit 1960 veröffentlicht; 1981 wurde Canetti unter anderem dafür der Nobelpreis verliehen. Es geht um Macht und Ohnmacht, um Leben und Tod - und wenn man die heutigen Konflikte in Iran und China betrachtet, dann scheint es fast, als hätte Canetti vor 50 Jahren einen 500 Seiten langen Brief an die Zukunft geschrieben.

Canetti bringt uns historische Abläufe als Phänomen des Massentriebs bei; er begreift die Geschichte weder als eine Parade von charismatischen Persönlichkeiten noch als Klassenkampf. Stattdessen wird sie von spontanen Menschenmengen vorangetrieben, von Massen, die zur Machtbildung führen. Im Weltbild Canettis bestimmen durchaus durchschnittliche Menschen, die zueinander finden, das Schicksal, weil sie selbst am Rad der Geschichte drehen.

Schreitet die Weltgeschichte nach Karl Marx gesetzmäßig voran, schlängelt sich die canettische Menge unberechenbar und radikal durch die Landschaft, mal als herausschwärmende Love Parade, mal als marodierende Heereskolonne. Am Internet und seinen Kommunikationsmöglichkeiten hätte Canetti wohl seine helle Freude gehabt. Die radikalen Perspektiven der interaktiven Web-Technologien, die Bedingungen für eine "Masse 2.0," wie sie heute auf den Straßen Teherans sowie in China Woche für Woche zu erleben sind, lassen Canetti, den Anarchisten der Zeitläufe, wieder so modern erscheinen.

Protestmassen, so Canetti, sind lernende Organismen.

Hat Sigmund Freud in seinem Werk die libidinösen Beziehung der Masse zu einem charismatischen Führer in den Vordergrund gerückt, betont Canetti die Erotik der Masse an und für sich. Denn seiner Ansicht nach befreit sich der Mensch von seiner Urangst vor Unbekanntem, von seiner so genannten Ich-Grenze, nie allein, sondern immer nur als Teil einer Masse.

Profan ausgedrückt: Allein machen sie dich ein, gemeinsam sind wir stark. Canetti interessiert sich allerdings eher für die psychologischen Prozesse, die sich in Menschenmassen abspielen: So beschreibt er den Höhepunkt des Massenerlebnisses als "Entladung", in dem "Trennungen abgeworfen werden und sich alle gleich fühlen."

Protestmassen, so Canetti, sind lernende Organismen. Wie Recht er hat, lässt sich in Teheran beobachten. Um die ätzende Wirkung von Tränengas einzudämmen, entfachen Demonstranten in Teheran in diesen Wochen kleine Feuerstellen in der Menschenmenge. Die Flammen verzehren das Gas. Manchmal reicht auch schon eine Zigarette, die man sich während eines Gasangriffs der Polizei vor das Gesicht hält, um die Gas-Attacke abzuwehren.

Die Opposition in Iran weiß, dass niemand ihr von außen zu Hilfe kommen wird. Sie ist auf sich gestellt, ihr einziger Schutz ist die Menschenmasse, zu der sie sich aufbaut. Deshalb ließ die Machtclique Ahmadinedschads schon kleinste Menschenansammlungen zusammenknüppeln, vermutlich Tausende Demonstranten verschwanden nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen bereits in den Kerkern der Regimes. Weil die öffentliche Straße als Protestraum zu gefährlich wurde, zogen sich die Protestierenden nachts auf die Dächer zurück - und lobten dort Allah, eine massenhafte Reminiszenz an die Revolution von 1979.

In China sind die gesellschaftlichen Spannungen ganz anderer Natur, die menschliche Neigung aber, Schutz und Halt in der Masse zu suchen, bleibt dieselbe. Im letzten Monat demonstrierten Zehntausende in der Stadt Shishou nach dem ungeklärten Tod eines Kochs, den die Polizei als Selbstmörder verbuchen wollte. Tausende stellten sich um die Leiche, um sie als Beweismaterial zu schützen und nicht zuzulassen, dass sie verschwindet.

In der Provinz Guizhou strömten ein Jahr zuvor 30.000 Menschen in die Straßen, um ihr Misstrauen gegen die lokale Justiz zu demonstrieren. Man bezichtigte die Polizei der Vertuschung eines Mordes; es ging damals um das mysteriöse Ertrinken eines 17-jährigen Mädchens. Diese sogenannte Weng'an-Unruhe dauerte sieben Stunden, Regierungsgebäude wurden in Flammen gesetzt.

Die Bildung von solchen Flashmobs gleicht einer Art gesellschaftlicher Sturzflut, und wird durch das Internet, Blogger sowie chinesische Varianten von Twitter wie Fanfou in den letzten Jahren rasant beschleunigt und vervielfacht. Bevor die Polizei eingreifen kann, haben sich die Massen längst versammelt.

Durch die neuen Technologien ist die neue Masse, anders als zu Zeiten Canettis, kaum anonym und gesichtslos.

Solche Sturzmassen sind für autoritäre Machthaber auch deshalb so unberechenbar, weil sich der Mensch, so Canettis Hauptthese, in der Masse tatsächlich verwandelt. Menschen verlieren ihre alten Ängste, schütteln als erstes die über Jahre eingebläute Furcht vor der Polizei ab. Diktaturen aber sind nicht nur auf Gewalt, sondern vor allem auf Einschüchterung gebaut. Gerät dieser psychologische Hauptbaupfeiler eines jeden autoritären Regimes ins Wanken, greift Angst bei den Herrschenden um sich.

So auch in Teheran und Peking: Geradezu panisch reagierten die Machthaber im chinesischen und iranischen Polizeistaat auf die bloggenden und twitternden Massen, die Masse 2.0. Bei Durchsuchungen suchten Polizisten und Spitzel nicht nach versteckten Molotow-Cocktails - sondern nach Fotohandys und kritischen E-Mails in den Accounts.

Durch die neuen Technologien ist die neue Masse, anders als zu Zeiten Canettis, kaum anonym und gesichtslos - das zeigt der Fall der ermordeten 27-jährigen Neda Agha-Soltan, die inzwischen zu einer Ikone des Protests wurde, und deren Tod den Protest in Iran immer wieder aufs Neue entfacht. Auch im wilden Westen Chinas kennt man die Namen und Geschichten nicht weniger Gefallene, die im ethnischen Konflikt zwischen Uiguren und Han-Chinesen ihr Leben ließen.

Aber wenn die neue Masse aus Tausenden individuellen Gesichtern gebildet wird, so erscheint sie insgesamt auf seltsame Weise kopflos. Denn die neue Masse kann sich dank interaktiver Technologie zusammenfinden, ohne dass charismatische Führer als Zugpferde nötig sind. So erscheint auch der Ahmadinedschad-Gegner Mussawi nicht so sehr als starker Anführer, der die Massen in seinen Bann geschlagen hat - eher umgekehrt. Die Protestwelle trägt ihn vor sich her.

Die Anführer der neuen Masse sind im Zweifel eher Blogger wie Modschtaba Saminedschad, die behaupten, es würde reichen, für eine Figur wie Mussawi einfach Respekt zu hegen, oder der chinesische Blogger Zola, der den Weng'an-Aufstand in Guizhou koordinierte.

Für die großen, paranoischen Führer der Massen interessierte sich der 1905 in Bulgarien geborene Jude Canetti in Wirklichkeit kaum, nicht mal als er 1938 Wien verließ, um ins Exil nach London zu gehen. Sein Interesse galt immer der amoralischen Masse, der Untiefe der Menschenseele, die Massenbewegungen erst möglich machen.

China entwickelt sich auf überlegene Weise zum wendigen Botschafter in eigener Sache.

Mit nahezu wertfreier Präzision beschreibt der promovierte Chemiker Canetti die verschiedenen Arten von Massen und Meuten im Lauf der Geschichte: Hetzmassen und Festmassen, Jagdmeuten und Kriegsmeuten sowie aber auch die bäuerliche Menge, die nur auf friedliche Vermehrung aus ist. Während die Massen in Iran höchst modern agieren, wirken sie in China hingegen eher archaisch. Bei den Machthabern scheint es genau umgekehrt zu sein. In Iran mischten sich in Zivil getarnte Paramilitärs in die Protestzüge, um als gemeine Schläger die Geschlossenheit und Vertrautheit zu unterwandern und niederzuknüppeln.

In China hat der Präsident Hu Jintao nicht nur die perfekt uniformierte Volksarmee in Westchina marschieren lassen, sondern längst selbst neue Medientheorien für die neue Masse entwickelt. Weil heutzutage fast jeder Mensch in entwickelten Gesellschaften mit einem Handy - und damit auch mit Mikrofon und Kamera - ausgestattet ist, hat der Staat einfach keine Option mehr, Protest totzuschweigen, wie man es in Iran beim Wahlbetrug und dem Nuklearprogramm noch vergeblich versuchte.

Es kann nach Hu Jintao in diesem Sinne keine Staatsgeheimnisse über gesellschaftlich relevante Ereignisse mehr geben. Stattdessen muss der Staat danach streben, weltweit der souveränste Spindoktor zu sein. In China ist dies in diesen Wochen gelungen, für den Konflikt wird nicht der Staat hauptsächlich verantwortlich gemacht. Die ganze Welt blickt auf die Straßengewalt eher als ethnischen Konflikt, in die Uiguren oder Tibetaner verstrickt sind. Wo man sich in Iran an Staatsgeheimnisse klammert - von Diktatoren seit eh und je geliebt - entwickelt sich China auf überlegene Weise zum wendigen Botschafter in eigener Sache.

Dennoch brechen für Diktaturen harte Zeiten an, und der Protest bleibt nicht nur virtuell. Wie die letzten Wochen zeigen, bleibt das Katz - und Mausspiel zwischen Massen und Mächtigen ein Spiel auf Leben und Tod - bis entweder die protestierende Masse oder die regierende Macht das Gegenüber zum Aufgeben des Kampfes gezwungen hat.

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insgesamt 8 Beiträge
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Peter Sonntag 27.07.2009
1. Die edle Masse !
Die Masse will ja nur die Gleichheit aller herbeiführen und der Demokratie und der Freiheit zum Durchbruch verhelfen ? Das Verhalten von Menschenmassen kann einem Angst einjagen, wenn sie zusätzlich noch von Einpeitschern aufgehetzt werden: Krieg. Revolution. Sportveranstaltungen. Religiöse oder kultische Extasen. Panikausbrüche.
Beteigueze, 27.07.2009
2. Web 2.0 Nobelpreis?
jedoch gibt es auch für das Web 2.0 einen "Dual-Use". Es ermöglicht viel leichter: die Verabredung zu den Chaostagen, die Steuerung von Hooligan-Horden, die Organisation von Neonazi-Aufmärschen, die Verbreitung von selbst erstellten Gewalt-Videos ("Happy-Slapping") die Verbreitung von Kinderpornographie und, und, und... Ist wie mit allen Erfindungen; mit IC's kann man Kühlschränke steuern, aber eben auch Atomraketen. Es ist nicht die Technik, die entscheidet, sondern das, was man daraus oder damit macht.
frubi 27.07.2009
3. .
WOW. Den einzigen Vorteil, den diese Medien haben ist, dass nun viele Menschen wissen, dass es die Menschen nicht überall auf der Welt so gut haben wie hier. Das Menschenrechte in anderen Regionen der Welt keinen Wert haben. Ändert sich deswegen etwas? Nein. Das ist der nächste Schritt. Dieser muss von den Verantwortlichen gegangen werden. Wird er aber nicht. Das ist auch keine pessimistische Weltanschauung. Das ist nunmal so. Tibet wird keine autonome Region wegen Twitter.
Viva24 27.07.2009
4. Die Angst der Poliker vor dem Internet
Man kann es doch ausprechen, die Grösste politische Revolution steht uns noch bevor, die Entmachtung der Parteiendemokratie (System ist ja auch alt, schätze Anfang 19Jhr.!) Kein Parteiorganisatonen mehr, die mit 20 Leute an der Spitze bestimmen wie 83 Mio. zu leben haben. Das Internet und die Demokratie werden sich verbinden und bald alle Politiker in Rente schicken!
Free:Man 27.07.2009
5. Street 2.0
Nicht das Fernglas benutzen, sondern die Brille! http://www.welt.de/vermischtes/article4127260/Initiator-der-Spontan-Party-soll-20-000-Euro-zahlen.html http://www.focus.de/digital/internet/tid-14999/spontanparty-flashmob-verbot-in-braunschweig_aid_420968.html Wenn man sich die Franzosen ansieht, wie sie mit der Wirtschaftskrise und den Konsequenzen umgehen, kann man immer wierder nur lernen. Kombiniert mit neuer Kommunikationstechnologie - unschlagbar in der Geschwindigkeit. Da hilft auch kein Überwachungsstaat! Orthographisch verschlüsselte Botschaften via SMS sind schneller als alles andere! Kombiniert mit toten Briefkästen, Flyern un Mundpropaganda - ist es ein Horroszenario für die Schlapphüte und Erfüllungsgehilfen. Arm nur das der öffentliche Raum von 'geschulten' ehemaligen Hartz4-Empfangern des Ordnungsamtes zu verteidigen versucht wird. ->http://www.gulli.com/news/ffentliches-picknick-illegal-2009-07-26/ Aber man kann die Sicht ja verstehen: Sicherung des öffentlichen Raumes. Nur vergessen sie das wesentliche einer Demokratie: der öffentliche Raum gehört allen !!! Wird noch spannend werden, wenn's gesellschaftlich mal richtig kracht. Die Verjüngungskur wird gut tun ! Zurück zum Thema: Eine von Canetti vorausgesagte Entwicklung. Die dialektische Spiegelschau gen Osten macht die Medien zu Speichelleckern des hiesigen Systems. In China wird es begrüßt - und hier verteufelt. Ich verachte diese einäugigen Sichtweisen hiesiger Henri-Nannen-Schüler! Carpe Noctem!
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