Europas Protestbewegungen Lust auf links

Sex, Job, Geld: In Kernbereichen des Lebens fühlen sich immer mehr Menschen überfordert. Während im Politikbetrieb neoliberale Konzepte dominieren, wächst die Anhängerschaft linker Ideen - in der Hoffnung auf ein würdiges Leben.

AFP

Ein Essay von


Es gibt gute Gründe dafür, dass Michel Houellebecq zum prägenden Romancier dieses Jahrhunderts geworden ist. Heerscharen von Leserinnen und Lesern in ganz Europa können sich mit seinen trotz Studium ratlosen, trotz Berufstätigkeit in Geldsorgen lebenden und insgesamt überforderten Protagonisten identifizieren. Fitness, Gesundheit, Sexualität - immer größere Bereiche der Lebenswelt sind zu einer sich stetig ausweitenden Kampfzone geworden, in der der Einzelne sich beweisen muss, sich optimieren muss, immer weiter und immer allein.

Damit wurde Houellebecq zum Chronisten einer vom Neoliberalismus geprägten und erschöpften Epoche, deren Ende er in seinem neusten Roman "Unterwerfung" sarkastisch als Machtübernahme durch einen kollektivierenden und allmählich entmündigenden Islam imaginiert. Auch wenn er es mit dieser und seinen anderen, transhumanistisch inspirierten Prophezeiungen selbst nicht so ernst nimmt - seine durch Verkaufserfolge gestützte Diagnose sollte man ernst nehmen.

In den Städten Europas gehen gerade viele Leute mit solch einem Lebensgefühl durch den Herbstregen nach Hause. Fragen treiben sie um, die sie zunächst nur privat beschäftigen, die zunehmend aber auch eine politische Dimension erreichen. Zum Beispiel in der nach Unabhängigkeit strebenden spanischen Provinz Katalonien: Umfragen zufolge kann das Separatistenbündnis mit einem klaren Wahlsieg rechnen, gemeinsam mit der linken Partei CUP verfügt es dann wohl über die absolute Mehrheit in der Region.

Haben dort und anderswo all die Mühen, den Verhältnissen des Elternhauses und der Enge der Provinz zu entfliehen, sich in Schule und Beruf zu bewähren, zu einem stabilen und glücklichen Leben geführt? Gibt es die Möglichkeit, durch Meinungsäußerung und Wahlrecht Einfluss auf die Zustände und Entscheidungen in der res publica zu nehmen? Nutzt es überhaupt etwas, sich an die Regeln des Berufs- und Wirtschaftslebens zu halten, wenn die soziale Ungleichheit zunimmt oder auf hohem Niveau stagniert, wenn jeder Lebensbereich einer ökonomischen Rationalität gehorcht, Geld alles entscheidet und die gewählten Politiker in Brüssel herumstehen und nicht wissen, was sie sagen oder machen sollen?

Politiker agieren wie hektische Eichhörnchen

Insbesondere die Jahre seit der Finanzkrise von 2008 sind den Menschen in vielen Ländern südlich von Deutschland in schlechter Erinnerung. Die Krisen scheinen sich immer nur zu addieren: Immer heißere Sommer, immer verzweifeltere öffentliche Sparprogramme, Kürzungen bei Sport, Bildung und Kultur, zunehmend aggressive Auseinandersetzungen zwischen Linken, Rechten und Islamisten, ein Mittelmeer, das von einem neidvoll bewunderten Kulturraum zu einem Massengrab inmitten von Krisenregionen wurde - und das alles vor dem Hintergrund einer wachsenden oder bleibend hohen Arbeitslosigkeit.

Deren schlimmste Form ist die Jugendarbeitslosigkeit: Wenn Eltern, Großeltern, Großfamilie und Nachbarn mitbekommen, dass die jungen Leute es nicht nur nicht besser haben, sondern trotz guter Ausbildung nichts finden, dann demoralisiert das auch die Aktiven, die Optimisten, die Unternehmungslustigen und Findigen im Lande. Diese Jugendarbeitslosigkeit zersetzt seit Jahren höchst effektiv und gnadenlos die Gesellschaften Südeuropas.

Hinzu kommt der Eindruck, dass jene Politiker, die man wie berühmte Schauspieler so oft im Fernsehen und in den Zeitungen sieht, gegen diese Krisen gar nichts zustande bekommen. Sie agieren wie hektische Eichhörnchen, wenn die Finanzinstitute neue Überweisungen aus den Parlamenten brauchen, wenn es aber um Hilfe für arme Teufel, für Migranten und Bürgerkriegsflüchtlinge geht, vergeht der Sommer mit bloßer Simulation von politischem Handeln.

Europas Süden hatte da zur Regulierung des Verhältnisses zwischen Finanzbranche und Staaten womöglich auf François Hollande gesetzt, der ja als erklärter Gegner der Finanzmärkte gewählt wurde und mit einer parlamentarischen Mehrheit in Nationalversammlung und Senat auch über beeindruckende politische Mittel verfügte - aber er vermochte damit wenig anzufangen.

Die Leute sind müde - und wählen Linke

Für Italien, Spanien, Portugal und Griechenland hat der linke Präsident im Élysée kaum etwas bewirken können, nicht einmal die Stimmung unter den südlichen Ländern hat sich verbessert. Ganz zu Schweigen von den strategisch bedeutenden Beziehungen zum Maghreb, auch hier gab es höchstens das übliche Kungeln mit den autoritären Machthabern gegen Islamisten und Zivilgesellschaft, wenig Erfreuliches. Neue Ideen wurden seit Jahrzehnten nicht vernommen.

Die Leute sind dieser Verhältnisse müde, wählen Syriza, Podemos und wer weiß, was noch kommen könnte. Aber nicht nur im Süden ist das so, auch die britische Labour Party geht einen anderen Weg als den von New Labour empfohlenen und bei den US-Demokraten sorgen Elisabeth Warren und Bernie Sanders für Furore mit ihrem deutlichen linken Kurs.

Das ist zunächst einmal eine Absetzungsbewegung von gestylten Politikern, deren Wahlkämpfe immer so viel Geld verschlingen und die sich wie Stars feiern und inszenieren lassen. Wenn die nationalen Staaten schon so wenig bewirken können, im Alleingang, dann sollen die entsandten Politiker auch wirklich als Volksvertreter auftreten. Im jetzigen Klima hätte in einem großen Teil Europas Brigitte Nyborg, die sympathische und normale Premierministerin aus der dänischen Erfolgsserie "Borgen", die allerbesten Chancen auf Regierungsübernahme und im anderen regiert ja schon Angela Merkel.

Die wachsende Anhängerschaft linker Ideen bewegt aber auch der Überdruss an dem schlichten, aber sehr mächtigen intellektuellen Modell, das die westliche Welt seit mehreren Jahrzehnten fest im Griff hält, eine Mischung aus den Ideen von Margaret Thatcher, amerikanischen Selbsthilfebüchern und den Gedanken der neoliberalen Mont Pelerin Society: Danach geht es allen am besten, wenn der Staat schwach ist, und dem Einzelnen geht es umso besser, je mehr Geld er hat.

Naht etwas völlig Neues?

Dieses Modell wurde dann durch die digitale Revolution noch optimiert und verbreitet. Der Akteur der digitalen Ökonomie, der Start-up-Unternehmer oder der User ist pausenlos am Optimieren: höhere Erträge, schnellere Abläufe, exaktere Vorhersagen. Jeder Lebensbereich wird von diesen Modellen kolonisiert, auch gesellschaftlich zeigt das längst seine Wirkung: Krankenhäuser, Lehrstühle, Museen, Gefängnisse - jede öffentliche Institution operiert heute wie ein digitalisiertes Profitcenter.

Ob es aber im Sinne des Gemeinwohls ist, wenn Professoren zu Drittmitteleinwerbeagenten werden oder die Stationen einer Klinik plötzlich Gewinne ausweisen müssen, bezweifeln immer mehr Menschen.

Im Übrigen widersprechen Disziplinen wie die neurologische Glücksforschung dem derzeit allein herrschenden Modell einer effizienten Gesellschaft. Viele Dinge machen Menschen glücklicher, als über mehr Geld zu verfügen als der Nachbar. Vor allem aber sind die erhofften und wie von Süchtigen benötigten Wachstumsraten gar nicht mehr zu erzielen. Planet und Bürger sind gleichermaßen erschöpft.

Dabei ist völlig offen, ob die alte westeuropäische extreme Linke, die der vor zehn Jahren verstorbene SPD-Intellektuelle Peter Glotz nicht zu Unrecht ein "Psychodrom" nannte - Gruppen also, die der Hamas etwas Gutes abgewinnen, Milosevic als Opfer sehen und Hugo Chavez verehren - dazu taugt, die überforderten Gesellschaften Europas in eine bessere Zukunft zu überführen. Zu erwarten wäre ebenso, dass in diesen Zeiten, in denen oft schon im Wochenrhythmus, ganz neue politische Strukturen entstehen, die Einsicht reift, dass es an den Wahltagen nichts bringt, sich wie ein Schlafloser von der rechten auf die linke Seite des Bettes zu wälzen.

Es könnte jetzt etwas Neues kommen: völlig neue Formen der politischen Willensbildung, ohne Stars, mit einer Kontrolle der Ergebnisse, mit normaler Sprache, zeitgemäßen Veranstaltungen und dem Fokus auf politischen Maßnahmen, die das Leben leichter machen und die Kampfzonen den Sportlern überlassen.

insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
carlo02 26.09.2015
1. Es
gibt nix mehr zum verteilen liebe Linke. Alles geht nur noch auf die Rechnung für die nächste Generation.
irobot 26.09.2015
2.
Das Problem der europäischen Linke ist, dass sie auf neue Fragen nur alte Antworten hat. Konzepte, die vor 40 Jahren funktioniert haben mögen, reichen heute nicht mehr aus. Dafür hat sich die Welt zu stark verändert.
Hinrich7 26.09.2015
3. eine gerechte Welt?
die gibt es möglicherweise im Film, in der Natur und in den schönen Künsten. Die ach so verachteten Geisteswissenschaftler müssen sich abmühen um überhaupt einige Brocken zu erhalten, Krümmel vom Tische der Neoliberalen. Man schaue sich an was die Neoliberalen mit diesem Planeten machen, man sehe sich diese Politiker aus diesem Gedankengebäude an - nichts als Unrat hinterlassen sie. Weltweite Zerstörung, Plünderung der Vorräte, Raub der Allgemeingüter. Es wird der allgemeinen Gier unterworfen. Viele alte Männer, wenige alte Frauen hängen an Macht, kleben an Sesseln, wissend um vergängliche Werte. Ist das bei den Linken anders? Was könnte überhaupt Menschen zu wirklichen Veränderungen treiben? Diese Frage wird weder gestellt noch beantwortet.
vox veritas 26.09.2015
4.
Hmmm, Erfolgsmodell Sozialismus? Der Staat entscheidet, was und wie es zu machen ist? Hört sich gut an! Auf geht's!
säkularist 26.09.2015
5.
In der Politik dominieren genauso wie in den Medien Gendering und Political Correctness bis zur totalen Selbstverleugnung. Wo der Autor neoliberales Gedankengut sieht ist mir ein Rätsel. Naja, wenn man linksextrem ist, dann ist von diesem Standpunkt aus betrachtet "links" schon "rechts" oder "neoliberal".
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