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Protestlesung: Grass dampft gegen Atomkraft

Foto: Christian Charisius/ dpa

Protestlesung in Krümmel Günter Grass poltert gegen Lobbyisten

Die Lesung direkt am Atomkraftwerk Krümmel war seine Idee: Günter Grass sorgt mit einem Protest-Auftritt gegen den Vattenfall-Konzern für Wirbel. Seine Fans sind begeistert, ihr Meister ist in Hochform.

Auf der einen Straßenseite strahlt das Atomkraftwerk Krümmel im Sonnenlicht, auf der anderen strahlen mehr als 400 Kernkraft-Gegner und Fans von Günter Grass. Sie drängen sich in einem Partyzelt zwischen Elbe und Siedewasserreaktor, 30 Kilometer von der Hamburger Innenstadt entfernt. Längst nicht alle konnten einen Holzklappstuhl ergattern. Viele weiße Haare künden von einem Altersdurchschnitt mit nicht all zu langer Restlaufzeit.

Für das Atomkraftwerk der Konzerne Vattenfall und Eon, einen grau-bläulichen Klotz, könnte es schon jetzt vorbei sein: Der Reaktor der zuletzt arg in Verruf geratenen Baureihe 69 liefert derzeit keinen Strom. Eigentlich wegen Wartungsarbeiten, aber das Atom-Moratorium der Bundesregierung nach der Katastrophe in Japan könnte ein Wiederanfahren des 1983 errichteten Kraftwerks für alle Zeiten verhindern.

"Liebe Freunde", sagt Günter Grass. Die Pfeife hat er aus dem Mund genommen. Den Beginn des Atomzeitalters mit dem Abwurf der Atombomben in Japan hat der 1927 Geborene miterlebt, in Kriegsgefangenschaft. "Ich habe da einen gewissen Altersvorsprung." Vorher hat er den Weltenbrand als Mitglied von Wehrmacht und Waffen-SS mitbefeuert, der Nationalsozialismus habe ihn "verformt" und "missbildet", sagt er später.

Vattenfall scheute sich, Günter Grass einen Wunsch abzuschlagen

Grass liest stehend aus seinem Buch "Mein Jahrhundert"; eine Kurzgeschichte, in der ein Mann mit Atomfurcht einen Bunker in seinem Garten baut und dabei umkommt. Der Sohn wird daraufhin Atomkraft-Gegner und geht fortan demonstrieren. "Aber viel hat das nicht geholfen, wie man ja weiß", endet die wirklich sehr kurze Geschichte.

Die Protestaktion "Lesen ohne Atomstrom" ist eine Antwort auf die jährlichen Vattenfall-Lesetage, die der Energiekonzern vom 7. bis 14. April in Hamburg veranstaltet. Nina Hagen und Feridun Zaimoglu haben in den vergangenen Tagen schon gelesen.

Der Energiekonzern toleriert den Protest des Literaturnobelpreisträgers gegen die eigene Lesereihe: "Wir stehen hier auf Vattenfall-Gelände", sagt Ralf Gauger. Der Zimmermann aus St. Pauli ist einer der Organisatoren von "Lesen ohne Atomstrom". "Dass wir direkt ans Atomkraftwerk gehen mit der Lesung, war eine Idee von Günter Grass." Der Konzern sperrte sich nicht gegen die Nutzung des kleinen Parkplatzes - zu groß wäre der Image-Schaden gewesen, Günter Grass einen Wunsch abzuschlagen. Zwei Männer im Hemd und schwarzen Sonnenbrillen stehen auf dem Kraftwerksgelände und beobachten den Protest. Das Firmenlogo am Eingangstor ist mit einer Plastikhülle zugedeckt.

Grass poltert gegen den NDR

Hier die Guten, da die Bösen? Unter dem Logo des Energiekonzerns lesen derzeit mehrere Dutzend Schriftsteller-Kollegen in Hamburg, etwa auf Kampnagel oder im Thalia-Theater. Auch Zaimoglu war in den vergangenen Jahren dabei. Nun trifft sie Kritik, mehrere Vereine und Initiativen fordern "Lesetage selber machen - Vattenfall Tschüs sagen". Sie lehnen Kulturförderung aus den Gewinnen eines Atomkonzerns ab. In Hamburg, dem Bundesland mit dem höchsten Anteil an Ökostrom-Beziehern, droht die Atomspaltung der Kulturszene.

Eine Hamburger Kirche lud die Vattenfall-Leser kurzerhand wieder aus, eine Veranstaltung musste verlegt werden. Trotzig rechtfertigt das Kulturzentrum Kampnagel die Annahme von Atom-Geld aus der Konzernkasse: Man könne so eine "groß angelegte Kapitalismusanalyse" querfinanzieren und verstehe sich als "Klärwerk, das den ökonomischen Fluss etwas beeinflusst".

Bei genauerer Betrachtung sorgen die Fördergelder von Großkonzernen allerdings dafür, dass die immer neuen Sparorgien des Staats bei der Kulturförderung ein wenig ausgeglichen werden. Zudem würde niemand den Vattenfall-gesponserten Halbmarathon, der Anfang April in Berlin mehr als 26.000 Läufer anzog, zu einer Demonstration für die Atomkraft verklären. Grass prangert das Konzern-Sponsoring trotzdem an, spricht von Abhängigkeit. Dass ausgerechnet der öffentliche-rechtliche Rundfunk NDR als Medienpartner der Vattenfall-Lesetage auftrete, sei eine "Ungeheuerlichkeit", sagt er später.

Schimpftiraden gegen Lobbyisten, ein Interview für ein Axel-Springer-Blatt

Grass liest noch ein wenig mehr. Im Zelt ist es warm, die drei Heizpilze können aus bleiben, und das liegt nicht nur an der sozialdemokratischen Restwärme. Er zieht sein braunes Sakko aus, nun noch ein wenig Diskussion. Ein roter Sessel wird für den Moralautor hineingetragen. Der schimpft auf die "immer mächtiger werdende Lobby" der Energiekonzerne in Berlin und fordert eine Bannmeile für Konzernvertreter um den Bundestag. Das Publikum applaudiert dankbar.

Es geht dann noch eine Weile weiter gegen die Pharmalobby und den ADAC, Nord gegen Süd, da die Bösen, hier die Guten. Der ehemalige Chefredakteur des Deutschlandfunks, Rainer Burchardt, liefert die Stichwörter dazu. Der Protest gegen die Atomkraft ist Grass wichtig, er hat dafür sogar eine Ausnahme gemacht. Seit Jahrzehnten spricht er nicht mit Medien des Axel-Springer-Konzerns. Die Schriftsteller der Gruppe 47 hatten es so vereinbart, nachdem der Konzern zur publizistischen Hatz auf ihren Kollegen Heinrich Böll geblasen hatte.

Nun hat er dem "Hamburger Abendblatt" ein Interview gegeben, anlässlich seiner Lesung. "Günter Grass warnt Deutsche vor Öko-Diktatur" steht missverständlich darüber, darin wettert er gegen die Atompolitik von Union und FDP. Er selbst bezieht Strom von einem Öko-Anbieter. "Wir haben gewechselt", sagt Grass vor dem Kernkraftwerk Krümmel zufrieden und zündet seine Pfeife an.

Grass dampft, das Atomkraftwerk steht still.

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