Provinz-Posse in Bregenz Pornofreie Innenstadt

Die öffentliche Ausstellung eines Jeff-Koons-Bildes im österreichischen Bregenz droht zum Politikum zu werden. Gegen den Künstler, der die Fotografie ausgestellt hatte, läuft ein Verfahren wegen Verbreitung pornografischer Schriften.

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Die Beschlagnahmung des Koons-Buchs ist auch Thema auf der Interneteite des österreichischen Fernsehens ORF

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Gottfried Bechtold, 54, ist sauer. Der Künstler und Bildhauer, der 1971 mit einem aus Beton gemeißelten Porsche berühmt geworden war, hatte in seiner Vitrine in der Bregenzer Innenstadt ein Buch ausgestellt, dass die Arbeit eines berühmten Künstlerkollegen zeigte: Jeff Koons beim Oralsex mit seiner Ex-Frau Ilona Staller. Nun ist das Buch weg - beschlagnahmt, das Schloss des Ausstellungskastens ist zerstört und Bechtold hat eine Klage am Hals: Wegen Verbreitung pornografischer Schriften und der Gefährdung Jugendlicher ermittelt die Staatsanwaltschaft in Feldkirch gegen den Österreicher.

Bei der Staatsanwaltschaft versucht man inzwischen, den Vorfall herunterzuspielen. "Es ist ja nicht wirklich ein Kunstwerk beschlagnahmt worden, sondern lediglich ein Buch, in dem Koons-Fotos abgedruckt worden sind," erklärte Pressesprecher Reinhard Flatz gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Alles bunt, alles "Fun": Koons-Werk "Kangaroo", das bis Mitte September im Bregenzer Kunsthaus ausgestellt wird

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Bechtold, dem im schlimmsten Falle eine Haftstrafe von bis zu sechs Monaten droht, ist sich keiner Schuld - oder gar einer Gefahr für die Jugend - bewusst: "Um überhaupt das Bild anschauen zu können, muss man mindestens eine Größe von 1,75 Meter haben." Mit der Ausstellung des Kunstbandes habe er lediglich seine Mitbürger über Koons aufklären - ihn sozusagen "ins rechte Licht rücken" wollen, sagte er gegenüber SPIEGEL ONLINE. Denn derzeit findet im Bregenzer Kunsthaus eine Koons-Ausstellung statt, die zu Bechtolds Ärger keines der Skandalwerke des amerikanischen Popkünstlers zeigt. Mit keinem Wort würden die Bürger auf die "für die Kunst wichtigen Werke aufmerksam gemacht", dabei "haben die Leute hier in Vorarlberg doch keine Ahnung, wie Koons einzuordnen ist." Die Ausstellung sei eine "ziemlich fleischlose, fade Suppe," schimpft Bechtold. "Ich wollte zeigen, dass Koons nicht nur diese 'Easy-Fun-Bilder', die vor allem groß und bunt sind, gemacht hat."

Der amerikanische Popkünstler Koons hatte in den neunziger Jahren mit seiner "Made in Heaven"-Ausstellung vielerorts für Furore gesorgte. Die Werke, egal ob überdimensionalgroße Fotografien, Glaskunst oder Malerei, hatten (fast) alle das gleiche Thema: Koons mit seiner Gattin Ilona Staller, auch "Cicciolina" genannt, in diversen Stellungen bei der Zeugung ihres gemeinsamen Sohnes.

"Fleischlose, fade Suppe": Bregenz präsentiert Koons Kunstwerke, darunter auch "Celebration 2"

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Fast drei Wochen lang hatte das Buch in dem Schaukasten gelegen - bis empörte Bürger Anzeige erstatteten. Bechtold wurde aufgefordert, den Stein des Anstoßes zu entfernen. Er weigerte sich jedoch, das Bild als Pornografie anzuerkennen. Als dann aber tatsächlich die Staatsmacht in Form eines Schlossers in Begleitung dreier Gendarmeriebeamter einschritt, in Windeseile das Schloss knackte und das Buch konfiszierte, wurde Bechtold vorher nicht informiert. "Das ging ganz schnell, vermutlich wollten sie Öffentlichkeit vermeiden."

Bernhard Amann, Bregenzer Stadtrat und Vorstandsmitglied der IG Kultur, ließ per E-Mail erklären, die Staatsanwaltschaft habe "Vorarlberg und Österreich international blamiert", die Maßnahmen, die sie ergriffen habe, reduziere "die Freiheit der Kunst darauf, ob eine gelbe Sonnenblume auch rot gemalt werden darf".

Amann erwarte von Landesrat, dass er umgehend den Bundesminister für Justiz veranlasse, der Staatsanwaltschaft Feldkirch eine Weisung zu erteilen. Der ganze Sachverhalt sei "ein erschreckender Beleg über das Verständnis von Sexualität in dieser Behörde". Inzwischen hat die Landesregierung erklären lassen, sie sei nicht zuständig. Damit ist für Bechtold der Fall klar: "Österreich steht wieder mal wie ein Trottel da."



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