Prozessposse um "Focus"-Titel Und ewig lockt der Stinkefinger

Hat der "Focus" das griechische Volk mit der Abbildung einer unflätigen Aphrodite und dem Begriff "Betrüger" verunglimpft? In Athen läuft der Prozess gegen das Magazin - eine Posse, die zeigt: Nicht Wahrheitsfindung steht hier im Mittelpunkt, sondern das Aufeinandertreffen zweier Mentalitäten.

Umstrittener "Focus"-Titel: "Als Grieche auf übelste Art beleidigt"
dpa

Umstrittener "Focus"-Titel: "Als Grieche auf übelste Art beleidigt"

Aus Athen berichten Ferry Batzoglou und


Freitagmorgen, Landgericht Athen. Großzügig bläst die Klimaanlage heiße Luft in den sonnigen Saal, ein breiter Gang teilt die Holzbestuhlung. Ekaterina Frangakis muss ziemlich hart im Nehmen sein. Im achten Monat ist sie schwanger, sie erwartet ihr erstes Kind. Dennoch ist die griechische Rechtsanwältin zum sogenannten Stinkefinger-Prozess am Landgericht Athen erschienen. Plötzlich faucht die Griechin wild gestikulierend ihren Kollegen Vassilis Gerolt Karkazis an.

"Das ist Effekthascherei, was du hier betreibst!", schimpft sie. "Niemals hat mein Vater in deutschen Medien behauptet, dass jetzt alle Griechen den 'Focus' auf drei Millionen Euro verklagen können. Dafür wirst du dich vor der Rechtsanwaltsvereinigung zu verantworten haben." Kaum hat sich die hochschwangere Advokatin weggedreht, da droht Papa Theodoros Frangakis, ebenfalls Rechtsanwalt, dem verdutzten Kollegen mit einer Strafanzeige - mit hochgestrecktem Zeigefinger.

Es ist kein Zeigefinger, sondern unter anderem ein ausgestreckter Mittelfinger, der Frangakis & Co. auf die Palme gebracht hat. Mit ausgestrecktem Mittelfinger und dem Satz "Betrüger in der Euro-Familie" hatte der "Focus" am 22. Februar 2010 die griechische Liebesgöttin auf dem Titel gezeigt und damit auf die desolate Finanzlage Griechenlands angespielt. Sechs griechische Rechtsanwälte, darunter Theodoros Frangakis und seine Tochter, erstatteten daraufhin Strafanzeige. "Ich fühle mich als Grieche auf übelste Art beleidigt", begründete Frangakis seinen Schritt.

Wegen übler Nachrede, Verleumdung und Verunglimpfung griechischer Staatssymbole müssen sich nun sieben Mitarbeiter des Münchner Magazins, darunter Ex-Chefredakteur Helmut Markwort und der Reisejournalist Klaus Bötig, der für "Focus Online" einen satirischen Beitrag verfasst hatte, vor Gericht in Athen verantworten. Die Rechtsvertreter von sechs weiteren Angeklagten hatten Verfahrensfehler bei der Zustellung der Vorladung moniert. Ihr Verfahren wurde unterdessen abgetrennt.

Unterbrechung nach 13 Minuten

Nicht nur das Titelbild der umstrittenen "Focus"-Ausgabe wird von den Klägern als ehrabschneidend empfunden, auch der dazugehörige Text im Heft erregt ihren Widerspruch. In dem Artikel wurde die griechische Finanzmisere ausführlich beschrieben: Von säumigen Steuerzahlern war da die Rede, missglückten Bauvorhaben und verirrten Fährschiffen - alles in allem konstatierten die Autoren "2000 Jahre Niedergang" in Griechenland. Alles nicht wahr, finden die sechs klagenden Griechen: Die Geschichte enthalte falsche Behauptungen und sei zudem beleidigend.

Zwei Mal ist der Prozess zunächst vertagt worden, am 29. November folgte dann der Prozessauftakt. Da ging es noch um formelle Dinge. Und da liegt sie nun wieder, die Aphrodite von Milos, auf einer schnöden Gerichtsbank, den Mittelfinger gegen die Decke reckend. Alle, jeder Verteidiger, jeder Anzeigensteller hat den berüchtigten "Focus"-Titel, das corpus delicti, vor sich. Nur die Angeklagten fehlen erneut.

Wer gedacht hatte, dass nun im vierten Akt des Prozesses endlich die Sache verhandelt werden würde, wird schnell eines Besseren belehrt. Die Verteidigung stellt einen Befangenheitsantrag gegen das Gericht. Demnach seien die drei Richter allesamt Griechen, die Anzeigensteller würden den "Focus"-Mitarbeitern aber unter anderem Kollektivbeleidigung aller Griechen vorwerfen. Das Gericht dürfe aber den Prozess nicht fortsetzen, denn schon damit würde es akzeptieren, als potentiell Beleidigte zu gelten. Diese dürften aber wiederum nicht über sich selbst urteilen. Nach dreizehn Minuten muss der Prozess unterbrochen werden. Ein Schnellgericht auf dem gleichen Gelände muss sich nun mit dem Befangenheitsantrag befassen. Der ganze Tross bewegt sich zu einem anderen Gerichtssaal.

"Es ist absurd"

Schnell wird einem klar: Es geht auch um das Aufeinandertreffen zweier Mentalitäten. Der griechischen und der deutschen, die sich ja gerade eh nicht sonderlich geheuer zu sein scheinen. Zwischen ihnen stehen die Deutsch-Griechen, wie zum Beispiel Karkazis. Er vertritt "Focus"-Herausgeber Helmut Markwort und die zuständigen Redakteure.

"Die Büchse der Pandora ist geöffnet", sagt Karkazis, kopfschüttelnd und durchaus ein bisschen aufgeregt. Indem das Gericht den Antrag der Verteidigung vor etwas mehr als einer Woche abwies, hat es, so sieht es Karkazis, nationalen Klagewellen Tür und Tor geöffnet.

Den bisherigen Prozessverlauf sieht er als regelrechte Aufforderung an die Griechen, deutsche Medien und deren Vertreter zu verklagen. "Es ist absurd", sagt Karkazis: "Es gibt in Griechenland nicht den Strafbestand der kollektiven Beleidigung." Die Klage basiere auf "nichts". Auch deshalb wird viel gemunkelt in den bestuhlten Reihen des Gerichtssaales. Die Richter seien instruiert vom Justizministerium, heißt es zum Beispiel. Das ganze sei eine Einschüchterungstaktik gegenüber den Deutschen, das sei doch klar, sagt einer.

Den Vorwurf, dass die Strafanzeige nur den Weg für millionenschwere Zivilklagen gegen den "Focus" ebnen solle, weist Ekaterina Frangakis hingegen entschieden zurück. Ex-Chefredakteur Markwort droht theoretisch zwar eine Freiheitsstrafe von insgesamt sechseinhalb Jahren. Doch Markwort feierte bereits seinen 75. Geburtstag, allein deshalb wird er nicht hinter griechischen Gittern schmoren. Er ist einfach zu alt dafür.

Weshalb dann der Prozess? "Wir wollen, dass der "Focus" als Wiedergutmachung ein Sonderheft herausbringt, und darin das wirkliche Griechenland beschreibt. Dann hören wir auf zu prozessieren", sagt Alexandros Kostaras, einer der Kläger und selbst Rechtsanwalt. "Wir Griechen sind nicht alle Betrüger, wie das der "Focus" darstellt."

15 Uhr, Feierabend

"Unschön ist das ganze, so viel steht fest", sagt Hans Niedermeyer, der im marineblauen Anzug mit lederner Aktentasche ins Gericht gekommen ist, um Klaus Bötig zu verteidigen. Ein Dutzend Reiseführer, über Kreta, aber auch über Samoa, zieht er aus der Ledertasche. "Klaus Bötig wird hier Unrecht getan, er kennt das Land gut, er mag die Griechen und wollte niemanden beleidigen", sagt Niedermeyer. Er, der seit 1972 in Athen lebt, sagt auch, dass es derzeit so schlecht um die deutsch-griechischen Beziehung bestellt sei wie schon sehr lange nicht mehr.

Für Monika Freude, eine der Verteidigerinnen Bötigs, ist das Ganze "ein Kasperltheater", ein regelrechter Schauprozess. Und zwar mit unbekanntem Ausgang. Auch Christos Sonis, 51, ein Tavernenbesitzer aus Taxiarches auf der nordgriechischen Ferienhalbinsel Chalkidiki, findet den Prozess "absurd". Sonis ist die 600 Kilometer nach Athen extra angereist, um dem in Bremen weilenden Bötig Beistand zu leisten. "Er hat mit seinen Reisebüchern so viel für unseren Ort getan. Man müsste einen Platz nach ihm benennen statt ihn anzuzeigen."

Nach fünf Stunden ist es soweit. Das Schnellgericht schmettert den Befangenheitsantrag ab, der Prozess kann weitergehen. Alle marschieren wieder zurück in den ersten Gerichtssaal. Eine weitere Stunde verstreicht, bis die sichtlich gelöste Vorsitzende Richterin wieder erscheint und lapidar verkündet, dass die Urkundenbeamten um 15 Uhr Feierabend hätten. Nächster Gerichtstermin: Am 15. Dezember. Das Festival der Juristen geht dann in seine nächste Runde, der Prozess könnte noch Monate dauern. Sicher ist: Am nächsten Donnerstag ist Tavernenbesitzer Sonis aus dem fernen Taxiarches wieder da.



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