Erotikmagazine der 68er Als der Orgasmus noch politisch war

Während 1968 Sex, Drogen und Rock'n'Roll der Jugend den Kopf verdrehten, übernahmen abgebrühte Pornographen die Psychedelik-Muster und Sponti-Sprüche. Ein neuer Bildband taucht ein in die Welt der Hippie-Orgien.

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So manche Orgie sieht hier eher unfreiwillig komisch aus: auf dem Boden Papierstreifen und Sonnenblumen, an der Wand die Buchstaben L, S, D und dazwischen ein paar nackte Körper. Ekstase! So zu sehen im "Adam Film Quarterly", einem Magazin, das sich von 1966 an ganz den Produkten der aufblühenden Pornofilmindustrie widmete.

Gezeigt wird die Aufnahme im Bildband "The Psychedelic Sex Book", der nun im Taschen-Verlag erscheint. Er handelt von der Zeit zwischen 1967 und 1972, einer "kurzen, magischen Phase", wie einer der Autoren schreibt: "Eine Zeit, in der das persönliche Auftreten auch einer politischen Haltung entsprach, das individuelle Sexualverhalten zugleich auch provokatives Sozialverhalten war."

Auf mehr als 400 Seiten werden Nackte präsentiert, auf deren lockige Schamhaarfronten psychedelische Muster projiziert sind. Paare tragen Hippieketten, rauchen Drogenpfeifchen. Bei Pornoszenen hängt irgendwo im Hintergrund wenigstens noch ein Led-Zeppelin-Plakat herum.

99,9 Prozent aller Erotika dienten ziemlich eindeutigen Zwecken, schreibt der Zeitschriftensammler und Musikmanager Eric Godtland in seinem Begleittext, und folgert selbstbewusst: "Von den restlichen 0,1 Prozent handelt dieses Buch." Aber ganz so einfach war die Sache selbst in den Jahren um 1968 nicht. Über ein Magazin heißt es: "Unglücklicherweise war der Humor der Zeitschrift nicht dazu geeignet, sexuell zu erregen, und das war für diese Art von Zeitschrift eigentlich nicht zu vertreten."

Zielgruppe: Kleinbürgerliche, verklemmte Männer

Das ist der Konflikt, der den hier vorgestellten Erotikmagazinen zugrunde liegt: Sie sind entstanden im Geiste der US-Gegenkultur der Sechzigerjahre - und bedienten den Voyeurismus des Mainstreams. Als Kronzeuge schreibt hier Paul Krassner das Vorwort, der mit dem Polit-Satireblatt "The Realist" zum "Vater der Untergrundpresse" erklärt wurde, mit Ken Keseys psychedelischem Bus durch die Lande fuhr, und die Yippies mitbegründete, eine Art spaßrebellische Aktionistenbewegung.

Krassner erzählt hier sehr plastisch von den Orgien, an denen er teilnahm, manchmal nur mühsam in der journalistischen Beobachterhaltung verharrend - und manchmal auch nicht. Es sind Augenzeugenberichte von der sexuellen Revolution. Doch dass Paul Krassner dann in den späten Siebzigern zum Herausgeber von Larry Flynts Pornomagazin "Hustler" wurde, ist auch nicht untypisch für seine Zeit.

Denn klar ist auch: Die jungen Leute selbst waren viel zu beschäftigt, um die hier versammelten psychedelischen Sexmagazine anzugucken. Sie richten sich an "ein kleines und klar umrissenes Publikum: Es waren kleinbürgerliche, verklemmte Männer, die ganz verrückt nach all den Vergnügungen waren, die sie nie hatten genießen dürfen", so Autor Godtland. Von der psychedelischen Bewegung fühlten sich die meist reiferen Männer "sowohl stark angezogen als auch irritiert und abgestoßen".

Die Herausgeberin der Verlagsreihe, in der "The Psychedelic Sex Book" erscheint, Dian Hanson, betrieb zu der Zeit eine "Buchhandlung nur für Erwachsene" mit. Sie betrachtete die Hefte "als unsere Errungenschaft" und fand "jene spießigen Typen mittleren Alters, die diese Veröffentlichungen kauften, ziemlich ätzend".

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berlinchild25 05.02.2015
1. Hipster?
Meinen Sie in der Bildergallerie wirklich Hipster? Meiner Meinng nach eine eher neue Kultur der letzten 5-7 Jahre vielleicht, meinen Sie vielleicht doch Hippies?
Senf-o-Mat 05.02.2015
2.
Wieder ein Versuch alter Männer, die "gute, alten Zeiten" zu verklären; tatsächlich war die Techno-Jugend der 90er mindestens genauso hedonistisch, wie es die Hippies 30 Jahre vorher gewesen sind (keine Ahnung, was heutzutage so läuft, doch vermutlich sind die Zeiten wieder deutlich konservativer geworden). Sex auf LSD ein eindrucksvolles Erlebnis, aber - Orgie hin oder her - auch ein privates und lässt sich nun mal nicht kommerzialisieren. Dass Krassner für den "Hustler" gearbeitet hat, wusste ich nicht und lässt sein Ansehen in meinen Augen drastisch sinken. Jedenfalls entlarvt es ihn als Heuchler und das Buch als Unfug bzw. Angeberei in der Art von "ich war dabei - toll, nicht wahr?!". Was ja auch im Artikel schon durch den Hinweis auf die tatsächliche Zielgruppe klar wird. Natürlich hatte das Ganze in den 60ern auch etwas "Politisches", weil es neu war, eine seriöse Aufarbeitung dieses Aspektes sähe aber mit Sicherheit anders aus.
seid-kritisch 05.02.2015
3. Leider war das nur an ein paar Orten.
Es gab nur ein paar Oasen der Freizügigkeit, im Rest der Republik musste gebaggert werden die eh und je. Durfte man an docken, dann stellte sich besonders im Winter die Frage: wo ? Denn es gab ja noch den Kuppeleiparagraphen. Heute darf schon der Freund der 14-jährigen bei ihr zuhause übernachten - im gleichen Zimmer! Was für Zeiten was für tolle Sitten! Meine Mutter hat mal mit Fußtritten nachts einen Freund aus meinem Zimmer ins Freie befördert, weil sie ihn wegen seinen langen Haaren und der Dunkelheit für ein Mädchen hielt. Er wollte zu später Stunde nur bei mir übernachten.
Petersbächel 05.02.2015
4.
…naja…alte Männer - ich weiß nicht. Natürlich haben wir als Jugendliche diese Magazine gelesen bzw. benutzt. Und die Filme geguckt. Und später mit der Freundin auch. Und ja, wir fanden die 60er Jahre braun-orangen Tapeten, dem weißen Schwingsessel, die Locken und das andere Hippie-Gedöns auch hier - wie überall - ganz normal. Und über ein Beatles, Led Zeppelin oder Jimi Hendrix -Poster im Porno hatte man sich auch gefreut. Passte zu den Mädels.
albert schulz 05.02.2015
5. Verbrämte Vergangenheit ?
Wirklich toller Text. Und die Bilder erst. Und was sollte man sich hernach denken ? Oder sollte man echt was kaufen ? Was denn ? Und wozu ? Und warum ? Amerikanische Legen-den, die vorn und hinten nicht stimmen ? Die Flower-Power- Hippies hatten mit den politischen Rebellen so gut wie nichts zu schaffen. Und auch nicht mit dem sterilen Scheißdreck, den Playboy (ab 1953) oder Hustler (ab 1974) veröffentlichten. Das einzige was halbwegs stimmt, ist die Tatsache, daß die Bildchen für das verklemmte prüde puritanische puristische calvinistische Muttersöhnchen bestimmt waren. Ehrlich gesagt waren Brigitte und Petra weit anregender. Pornographie gab es 68 bestenfalls im Underground. Ich habe mir damals mit sechzehn im Audimax eine Nacht mit dem Kram um die Ohren gehauen. Der war künstlerisch unheimlich wertvoll, weil es da Nackedeis gab, aber alles andere als anregend, ganz im Gegenteil. Um 1920 gab es bereits weit schärfere Sachen, wie mir mal ein Zeitzeuge berichtet hat. Kuppelei- Paragraph – Soll ich jetzt in Tränen ausbrechen ? Ich habe damals nie und nirgends meinen Ausweis vorzeigen müssen. Es wurde überall geschmust und auch das gemacht, was man eigentlich gar nicht macht. Und das hat niemanden gejuckt, bei Hausbesuchen haben uns die jeweiligen Eltern ein Sektfrühstück gemacht. Daß irgendwer auf die Idee gekommen wäre, angesichts der wenigen Mußestunden pornographisches Material zu sichten, wäre mir aufgefallen. Wir hatten uns zuvor mit den pornographischen Schriften unserer Väter und deren Freunde hinreichend beschäftigt. Nicht eben erquicklich und erschreckend fleischlos. Das Alte Testament war ähnlich ergiebig, was den Erkenntniserfolg anging. Unpraktisch alles, nicht zielführend. Das haben die Mädels hingekriegt. Seither habe ich übrigens nur alte und sehr alte Leute öffentlich schmusen gesehen. Die haben diesen komischen Moralkomplex nicht.
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