Psycho-Drama in der ARD Der Horror der Geselligkeit

Wenn Nähe zur Bedrohung wird: Das ARD-Drama "Die Frau am Ende der Straße" erzählt von einer jungen Mutter, die unter einer Sozialphobie leidet und Verschwörungsphantasien entwickelt. Ein kluger und anrührender Film über das Grauen in Deutschlands Eigenheimkolonien.

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Die Frau folgt einem präzisen Rhythmus. Leider ist sie die einzige, die ihn hören kann. Wenn Martina (Maren Eggert) alleine in ihrer Küche steht, dann verschmelzen auf einmal das Ticken der Wanduhr und das Schmauchen des Ofens zum flotten Beat. So tänzelt die Mittdreißigerin, eine abgebrochene Musikstudentin, beschwingt durch ihr Hausfrauenareal und glaubt, endlich ihre eheliche Erfüllung gefunden zu haben. Es gibt Momente, in denen Martina im Einklang mit der Welt ist.

Problematisch wird es allerdings, wenn in diese Welt auf einmal mehr als ein oder zwei andere Personen einfallen. Dann bricht für Martina der Horror aus. Der Horror der Geselligkeit.

Doch wer in eine frisch errichtete Doppelhaushälfte zieht, darf sich über aufgeschlossene Nachbarn nicht beschweren. Gerade hat sich Martina mit ihrem Mann, dem Gabelstapelfahrer Stefan (Matthias Brandt), in einer schnuckeligen Neubausiedlung irgendwo zwischen Hamburg und Kiel niedergelassen. Das Ganze ist eine Art Neuanfang. Zuvor, das erfährt der Zuschauer nur am Rande, war die junge Mutter für lange Zeit in der Psychiatrie. Unten im Keller in den untersten der unausgepackten Umzugskartons lagern noch Unmengen von Pillenschachteln. Für den Notfall.

Bald fallen die ersten Nachbarn in Martinas Eigenheim ein. Zum Beispiel die quirlige Evelin (Inga Busch), die es einerseits praktisch findet, dass die Kinder der beiden in dieselbe Klasse gehen, und die andererseits in der Frau von nebenan eine potenzielle Freundin sieht. Evelin ist richtig nett. Und tolerant. Gelegentliche Ausfälle der anderen überspielt sie, auf diese Weise übersteht Martina sogar schwere Prüfungen wie das Shoppen im vollen Einkaufszentrum.

Andere Sozialkontakte enden nicht so gut. Die Dessous-Party bei einer anderen Nachbarin zum Beispiel empfindet Martina als monströse Demütigung, die Grillparty wird zum Desaster, und beim Job in der öffentlichen Bücherhalle nennen sie die Kolleginnen wegen ihres Aufenthalts in der Psychiatrie nur "die Bekloppte". Es dauert nicht lange, bis Martina an Verfolgungswahn leidet und beginnt, das nette Paar in der Doppelhaushälfte nebenan mit dem Babyphone abzuhören. Schließlich scheint sich die ganze Welt gegen sie verschworen zu haben.

Symptome, sinnlich in Szene gesetzt

"Die Frau am Ende der Straße" ist die Geschichte einer Sozialphobie. Aber Drehbuchautor Thomas Schwank und Regisseurin Claudia Garde sind schlau genug, ihren Film nicht als bloße Krankenakte anzulegen. Die Gründe für die psychische Störung belassen sie im Vagen, die Symptome werden umso konkreter und sinnlicher in Szene gesetzt. Die Anomalie erscheint auf diese Weise, zumindest bis zu einem Punkt, nachvollziehbar.

Jedenfalls erwächst das Grauen in diesem Psychodrama, das mehr als einmal an John Cassavetes "Eine Frau unter Einfluss" erinnert, aus gesellschaftlichen Situationen, in die sich jeder Zuschauer sich einfühlen kann: Wer findet es als Frau schon toll einem Haufen mit Sekt angeheizter Vorstadtmäuschen seinen Körper in unvorteilhaften Negligés zu präsentieren? Wer diskutiert gerne mit den Leuten von nebenan über die Farbe des Gartenzauns? Und wer mag es schon, bis spät in die Nacht bei verbrannten Würstchen den versauten Witzen der Nachbarn zu lauschen?

Es ist die ganz normale soziale Ödnis der Eigenheimkolonie, der Martina ausgesetzt ist. Allein ihre übersteigerte Wahrnehmung verdichtet das nette und weniger nette Geplapper zum blanken Terror. Was hält man einfach mal aus und was genießt man? Einige Leute sind nett, andere nerven. Der Mensch sortiert sich sein soziales Umfeld zurecht. Martina aber kann das nicht, bei ihr mündet jede sozial Schieflage in der Katastrophe.

Dafür werden die raren Momente des Glücks von ihr ebenfalls umso intensiver empfunden. Regisseurin Garde, eine der subtilsten Fernsehvieldreherinnen, hat mit ihren beiden Hauptdarstellern Maren Eggert und Matthias Brandt schon einen klugen Kieler "Tatort" über einen kleinbürgerlichen Triebtäter gedreht. Hier nun inszeniert sie die beiden in einer aufreibenden, nichtsdestotrotz anrührenden Liebesgeschichte.

Sex und Nähe sind für Martina komplizierte Dinge. Gelegentlich setzt sie sie als Werkzeug ein, mit denen sie eigentlich gar nicht so recht umzugehen weiß. Als die Lage eskaliert, gibt sie sich zum Beispiel ihrem Mann in der Küche hin. Beischlaf auf die verzweifelte Art – als Alleskleber für ein aus den Fugen brechendes Modellhausleben. In einer anderen Szene, eine der schönsten des ganzen Films, biegen Stefan und Martina mit dem Wagen für einen zärtlichen Quickie in einen Feldweg ab.

Da lieben die beiden sich wie nie zuvor: eingeschlossen in einem kleinen Wagen, alleine auf einer weiten Wiese. Die Welt mit all ihrem Geplapper ist weit weg, so fühlt sich für Martina Glück an. Wer will sie da bekloppt nennen?


"Die Frau am Ende der Straße": Heute Abend, 20.15 Uhr, ARD



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