Berühmte Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich in Frankfurt am Main gestorben

Bis zuletzt hatte sie in einer Privatpraxis Patienten empfangen - nun ist die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich im Alter von 94 Jahren gestorben. Sie galt als Kämpferin für Frauenrechte und eine der Vordenkerinnen der Studentenbewegung.
Autorin, Medizinerin, Vordenkerin: Margarete Mitscherlich in ihrer Wohnung in Frankfurt am Main

Autorin, Medizinerin, Vordenkerin: Margarete Mitscherlich in ihrer Wohnung in Frankfurt am Main

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Berlin/Frankfurt am Main - Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich ist tot. Sie sei am Dienstagvormittag "ganz friedlich im Kreis der Familie eingeschlafen", sagte ihr Sohn Matthias Mitscherlich am Abend in Frankfurt am Main und bestätigte damit eine Meldung von Deutschlandradio Kultur. Margarete Mitscherlich wäre im Juli 95 Jahre alt geworden.

Die Autorin, Medizinerin und Freidenkerin galt als eine der bekanntesten Psychoanalytikerinnen Deutschlands. Gemeinsam mit Alice Schwarzer setzte sie sich seit den siebziger Jahren zudem für Frauenrechte ein.

Dieses Engagement prägte auch eines ihrer erfolgreichsten Bücher, das im Jahr 1985 erschienene "Die friedfertige Frau". Darin hatte sie das Rollenverhalten von Frauen in der Politik analysiert und ihnen eine falsche Friedfertigkeit und eine zu große Anpassungsbereitschaft vorgeworfen.

In den sechziger, siebziger und achtziger Jahren zählte sie gemeinsam mit ihrem 1982 verstorbenen Mann Alexander zu den intellektuellen Vorreitern der Studentenbewegung. Die 1967 vom Ehepaar Mitscherlich veröffentlichte Essay-Sammlung "Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens" gilt als eines der Schlüsselwerke der revoltierenden Jugend. Der Bestseller über kollektive Verdrängungsmechanismen thematisiert die unzulängliche Aufarbeitung des "Dritten Reichs" und die Abwehr jeder Mitschuld in der deutschen Nachkriegsgesellschaft.

Mit ihrem Leben "ganz zufrieden"

Mitscherlich, geborene Margarete Nielsen, war im Jahr 1917 als Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin in Dänemark zur Welt gekommen. Ihr Abitur machte sie während der Nazi-Diktatur in Flensburg. Ende vergangenen Jahres war Mitscherlich zu Gast in der ARD-Talksendung "Beckmann". Darin kritisierte sie sich selbst für ihre Untätigkeit in der NS-Zeit, während andere Studenten Flugblätter in Uni-Treppenhäuser geworfen hätten.

Später setzte sie sich dafür ein, die unter dem Nazi-Regime verfemte Lehre Sigmund Freuds wieder in Deutschland zu etablieren. Nach dem Medizinstudium in München und Heidelberg hatte sie vorübergehend in der Schweiz gearbeitet, wo sie ihren späteren Mann Alexander Mitscherlich kennenlernte. Dieser weckte in ihr ein dauerhaftes Interesse an der Psychoanalyse. Aus der Beziehung ging Sohn Matthias hervor, der 1949 geboren wurde.

Im Jahr 1960 war Mitscherlich eine der Mitgründerinnen des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main. Ab 1967 machte sie die Stadt zu ihrem Lebensmittelpunkt und lehrte und praktizierte an dem Institut.

Mit ihrem Leben sei sie rückblickend "ganz zufrieden", sagte Mitscherlich zu ihrem 90. Geburtstag im Jahr 2007. Bis zuletzt hielt Mitscherlich noch gelegentlich psychoanalytische Sitzungen in einer Frankfurter Privatpraxis ab.

usp/dpa/dapd
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