Psychotheater in Chemnitz Töte dich, dann geht's dir gut

Ach, das Leben und die Liebe. Beide können einem ganz schön zusetzen. Aber was, wenn einen innere Stimmen auch noch in den schwarzen Gedanken bestärken? Die Autorin Johanna Kaptein treibt dieses Spiel in zwei kleinen, bösen Stücken auf die Spitze.
Autorin Johanna Kaptein

Autorin Johanna Kaptein

Foto: Felix Bloch Erben

Die Menschen in Johanna Kapteins Stücken haben es nicht leicht. Zuviel "Lohnarbeit und Liebesleid". Da ist zum Beispiel der junge Mann, der dank Internetrecherche über sich herausgefunden hat, was mit ihm los ist: Er ist ein "Soziopath". Er hat einen Job an einer Fräsmaschine, den er liebt und den er so beschreibt: "Ich hab mir meine Arbeit ausgesucht, nachdem ich mir meine Arbeit nicht mehr aussuchen konnte."

Der Mann ist leicht paranoid, und als er gleichzeitig den Job und die Freundin verliert, scheinen sich seine Verschwörungstheorien zu bewahrheiten. Die Stimmen, die er hört, wirken erst nur wie ein etwas zynischer Kommentar. Aber dann überreden sie ihn sehr gezielt (und erfolgreich), sich aufzuhängen.

Ähnlich gehen diese Stimmen bei Natalie vor, einer unsicheren jungen Frau, die in einem Callcenter arbeitet. "Ich hab mir schon überlegt, dass der Islam eigentlich das Richtige für mich wäre. Als Frau darf man zu Hause bleiben. Und das heißt dann nicht arbeitslos sein", sagt sie. Sie hat einen Freund, den sie vergrault, indem sie sich verzweifelt an ihn klammert. Die Stimmen unterstützen sie eifrig in ihren schwarzen Gedanken, überzeugen sie, dass sie nicht liebenswert ist. Ihr Selbstmord ist dann eher einer der absurderen Art.

Antiker Chor oder Muppetshow?

Es ist ein ungewöhnliches Stück, das die Autorin Johanna Kaptein, 36, da geschrieben hat. In kleinen Szenen sehen sich meist ziemlich einsame Menschen einem Chor von "Stimmen" gegenüber, die ihr Leben beeinflussen, und das gezielt negativ. Wirken diese Stimmen zunächst noch wie eine ätzende Mischung aus einem schlechtgelaunten antiken Chor und den stets nölenden Alten in der Muppetshow, nehmen sie im Lauf des Abends immer mehr Raum ein - sie sind die eigentliche Hauptfigur.

Ob und in welcher Form sie dabei sichtbar werden, überlässt die Autorin der Regie. In Chemnitz, wo "Lohnarbeit und Liebesleid" am 3.12. Premiere hat, zusammen mit der Fortsetzung des Dramas, die hier ihre Uraufführung erlebt, nimmt sich die junge Regisseurin Alexandra Wilke der Sache an. Sie hat mit Thomas Beckmann auch einen Videospezialisten an ihrer Seite, um die verschiedenen Ebenen des Stücks in den Griff zu kriegen.

Woher die Stimmen ihren Auftrag haben, die Menschen in den Selbstmord zu treiben, bleibt im Stück offen, auch, nach welchem Muster sie sich ihre Opfer suchen. Sie arbeiten jedenfalls mit allen Mitteln und verlangen auch schon mal nach dem medizinischen Fachwörterbuch Pschyrembel, um jemandem zu beweisen, dass er an Depressionen leidet. Ihre Opfer sind Männer und Frauen, Alte und Junge, Arme und auch ein Reicher - aber nicht immer sind sie erfolgreich. Wer sich vom Leben nicht unterkriegen lässt, dem können sie nichts anhaben. Es ist Kapteins fröhlich-sarkastischem Ton zu verdanken, dass diese Botschaft nicht moralinsauer rüberkommt. Laut Theater Chemnitz ist ihr Stück die "Widerspiegelung einer Gesellschaft, die in Neurosen und Hysterie zu versinken droht".

In der Fortsetzung des Dramas, von der Autorin "Die Fortsetzung oder Die Friseuse, die Finanzkrise und andere Fälle" genannt, nehmen die Stimmen nach einer "Sommerpause" ihren Dienst als böse Geister oder Anti-Schutzengel wieder auf - und sie bekommen zunehmend menschliche Züge. Eine Stimme hat plötzlich sogar Zweifel an ihrem Auftrag, weil es immer schwieriger wird, Opfer zu finden: "Macht das alles überhaupt noch irgendeinen Sinn?" - "Moment!", rufen die Kollegen-Stimmen, "das denken die anderen! Nicht wir!"

Könnte sein, dass das nach einem Besuch im Theater Chemnitz auch nicht mehr stimmt. Denn "Lohnarbeit und Liebesleid" und "Die Fortsetzung..." wirken wie ein Anti-Depressivum.


Lohnarbeit und Liebesleid & Die Fortsetzung oder Die Friseuse, die Finanzkrise und andere Fälle. Premiere am 3.12. auf der Kleinen Bühne des Theaters Chemnitz, Tel. 0371/400 04 30, www.theater-chemnitz.de .

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