Pulitzer-Preise Die Stunde der Stocherer

Die jährlich vergebenen Pulitzer-Preise sind fraglos die prestigeträchtigste Journalismus-Auszeichnung der Welt - auch wenn nur Beiträge in amerikanischen Medien erfasst werden. Doch anders als bei den Oscars wird hier nicht prämiert, was gefällig ist, sondern das, was aneckt.


Offizielle Website der Pulitzer-Preise: Zahlreiche Artikel im Archiv, berühmte Fotos im "Newseum"

Offizielle Website der Pulitzer-Preise: Zahlreiche Artikel im Archiv, berühmte Fotos im "Newseum"

Manchmal sieht das so aus, als hätten einige wenige amerikanische Tageszeitungen die Pulitzer-Preise für sich abonniert. Immer findet sich jemand von der "Washington Post" auf dem Treppchen, von der "New York Times", der "Los Angeles Times", vom "Boston Globe". Daneben geht es quer durch die amerikanische Presselandschaft, als seien die AV-Medien nie erfunden worden. Doch was einäugig erscheint, hat Gründe: Die Pulitzer-Preise sind Trophäen für Trüffelschweine, für Schnüffler und Entdecker, für wortgewaltige Beweger - und die finden sich nun einmal häufiger in dem Teil der Medienlandschaft, die man in den USA als "quality press" bezeichnet.

Bereits in seinem 1904 verfassten Testament hatte Joseph Pulitzer den von ihm gestifteten und 1917 erstmals verliehenen Preis als "Ansporn zur Exzellenz" definiert. Und genau so wird "der Pulitzer" im amerikanischen Journalismus bis heute verstanden: als Ritterschlag und Gütesiegel, mehr kleiner Nobel-Preis als Oscar.

Insgesamt 21 Pulitzerpreise wurden am Montagabend im Rahmen einer Feierstunde an der Columbia-Universität in New York bekannt gegeben. 14 Auszeichnungen gingen an Journalisten, Fotografen oder Medien und weitere sieben an Schriftsteller, Dichter sowie Musiker.

Pulitzer belohnt unbequeme Fragen

Und weil der Preis selbst so eng verbunden ist mit der hehren Tradition des investigativen Journalismus, ist es immer wieder vor allem die Auszeichnung für den "Dienst an der Öffentlichkeit", die ganz besondere Beachtung erntet.

Peinlich bis schmerzhaft dürfte das in diesem Jahr für die katholische Kirche gewesen sein. Denn natürlich sahen die Juroren genau hier die investigative Leistung des Jahres: Den Preis bekam der "Boston Globe" zuerkannt, in Anerkennung seiner "mutigen und umfangreichen Berichterstattung über sexuelle Vergehen von Priestern der römisch-katholischen Kirche".

Für den "Globe" ist dies bereits der 16. Pulitzerpreis.

Die "Washington Post" wurde mit drei Preisen bedacht - für eine Serie über Mexikos Strafrecht, für die politischen Kommentare ihres Kolumnisten Colbert King und ihre Filmkritiken. Die "Los Angeles Times" verdiente sich ebenfalls drei der höchsten US-Medienpreise, darunter für ein Feature über einen Jungen in Honduras auf der Suche nach seiner Mutter in den USA.

Die "New York Times" kam mit einer auf eigenen Recherchen beruhenden Serie über geistig gestörte Menschen in Einrichtungen des Staates New York zum Zuge, und das "Wall Street Journal" gewann einen Preis für ihre Hintergrundberichterstattung über mehrere Geschäftsskandale in den USA.

Darüber hinaus wurden die "Chicago Tribune" für ihre Kommentare gegen die Todesstrafe und mehrere kleine Zeitungen wie "The Sun" in Baltimore und "Seattle-Post-Intelligencer" ausgezeichnet. Um Geld geht es bei der Preisverleihung nicht, da wiegt die Ehre schwerer: Jeder Preisträger erhält einen Geldpreis über 7500 Dollar oder - im Fall des "Boston Globe" - eine Goldmedaille.

Die anderen Preise

Auch dass der Pulitzer nicht nur Journalismus-, sondern auch Kulturpreis sein will, war von vornherein so vorgesehen. Vom ersten Jahr an wurden auch amerikanische Buchveröffentlichungen in verschiedenen Kategorien ausgezeichnet. Später wurden die Preise noch um eine - weit weniger bekannte - Musik-Kategorie erweitert.

Zu den Gewinnern der Buchpreise gehörte in diesem Jahr auch der in Berlin lebende US-Schriftsteller Jeffrey Eugenides hat mit seiner Familiensaga "Middlesex". Der Roman schildert den Werdegang einer griechischen Immigrantenfamilie in Detroit über drei Generationen. Sein erster Roman, "Die Selbstmord-Schwestern", war bereits ein internationaler Bestseller und von Sofia Coppola unter dem Originaltitel "The Virgin Suicides" verfilmt worden.

Der absolute Amerika-Fokus der Preise spiegelt sich überdeutlich in den ausgezeichneten nicht-literarischen Werken. Der Pulitzer-Preis für Biografien wurde Robert Caro für "Master of the Senat", den dritten Band seines biografischen Werkes über den US-Präsidenten Lyndon B. Johnson, zugesprochen. Caro hatte 1975 mit der Biografie "The Power Broker: Robert Moses and the Fall of New York" seinen ersten Pulitzerpreis gewonnen.

Den Pulitzerpreis für Geschichte erhält Rick Atkinson, ehemals bei der "Washington Post", für sein Werk "An Army at Dawn: The War in North Africa, 1942-1943". In der Kategorie Sachbuch gewann Samantha Power für ihren Titel "A Problem from Hell: America and the Age of Genocide", in dem die Autorin - derzeit hoch aktuell - die Verantwortung der USA hinterfragt, Völkermorde in anderen Ländern zu verhindern.

Der Drama-Preis ging an den gebürtigen Kubaner Nilo Cruz für sein Bühnenstück "Anna in the Tropics". Cruz gilt als politischer Provokateur. Er arbeitet als Dozent an der Yale-Universität und schreibt derzeit an einer Fortsetzung des preisgekrönten Dramas.

Paul Muldoon gewann für seine Gedichtsammlung "Moy Sand and Gravel" den Pulitzerpreis für Poesie, und der Komponist John Adams wurde mit dem Musikpreis für sein Werk "On the Transmigration of Souls" belohnt. Es lässt die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 zu Wort kommen und war im Herbst vergangenen Jahres von den New Yorker Philharmonikern uraufgeführt worden.



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