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10. August 2012, 16:38 Uhr

Pussy-Riot-Debatte

Wie Putin den Pop rettet

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Die Queen hört Sex Pistols, Guttenberg AC/DC - die Popkultur schien ihre rebellische Kraft verloren zu haben und damit tot zu sein. Im Prozess gegen Pussy Riot feiern Gegenkultur-Ideale eine unerwartete Auferstehung - Weltstars wie Madonna profitieren davon.

Der Tod des Pop und seine Auferstehung liegen nur wenige Tage auseinander: Als bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London Ende Juli "God Save The Queen" von den Sex Pistols ausgerechnet in Gegenwart der englischen Königin gespielt wurde, war dies die größtmögliche Entwertung aller Inhalte, für die Pop jemals gestanden hatte.

"God Save The Queen", das war nicht nur die eingängige Hymne der Punkbewegung, sondern auch ein bösartiger Kommentar zum Thronjubiläum der Königin im Jahr 1977. Er gipfelte darin, dass der Sex-Pistols-Sänger Johnny Rotten "Queen" auf "fascist regime" reimte. Die Single mit der berühmten Covergrafik, die Gesicht und Mund der Herrscherin verklebt zeigte, verursachte einen der großen Skandale der Popgeschichte. Die BBC weigerte sich, das Lied zu spielen. 2012 ist es bloß noch ein harmloser Soundtrack für ein weltweit übertragenes Großereignis, ein Oldie, der keinerlei Sprengkraft mehr hat.

Damit steht "God Save The Queen" beispielhaft für die gesamte Popkultur, die ja einmal viel mehr war als eine bloße Musikform. Nicht nur wie heute Lieferant für Castingshow-Tunes und Klingeltöne, sondern Motor einer ganzen Kulturrevolution. Von Elvis Presleys für die damalige Zeit unverschämt aufreizendem Umgang mit Sexualität über John Lennons Spruch, die Beatles seien berühmter als Jesus, über die Rolling Stones und Punkrock bis hin zu den "Explicit Lyrics"-Stickern, die HipHop erst Bedeutung verliehen: Ihre berühmten, epochemachenden Momenten hatte die Popkultur immer dann, wenn sie sich an etwas reiben konnte.

Instant-Ikone

Davon ist in der zumindest vordergründig permissiven Kultur der westlichen Welt wenig geblieben. Auch, wenn es jenseits des Mainstreams immer wieder Künstlerinnen wie die Engländerin M.I.A. gab, die auf politisch geladene Botschaften oder Schockvideos setzten - Pop als subversive Kunstform war erledigt.

Das lag auch daran, dass die Obrigkeit des Westens gelernt hatte, Kritiker durch Vereinnahmung mundtot zu machen: Noch in den achtziger Jahren bekämpften die Konservativen Rockbands wie AC/DC als Werkzeug des Teufels. Später kokettierten auch Christdemokraten wie Karl-Theodor zu Guttenberg mit "Highway To Hell".

Pop wäre vollends der Bedeutungslosigkeit anheim gefallen, wäre nicht am Mittwoch, den 8. August ein Bild um die Welt gegangen, auf Facebook gepostet, von den Nachrichtenseiten veröffentlicht und damit zur Instant-Ikone geworden: Es zeigt Nadeschda Tolokonnikowa.

Umringt von russischen Sicherheitskräften, die schon durch massiven Körperbau und tumben Gesichtsausdruck die erdrückende Dumpfheit des Putinschen Systems geradezu perfekt illustrieren, ballt die Sängerin der Band Pussy Riot die Faust. Die Haare perfekt frisiert, den Mund zur trotzigen Schnute gezogen, das hübsche blaue T-Shirt mit dem Bürgerkriegsslogan "No Pasaran!" - die Aufnahme wirkt wie eine der berühmten Inszenierungen aus den Benetton-Werbekampagnen von Oliviero Toscani. Allein: Sie ist nicht gestellt. Sie stammt von einer Agenturfotografin.

Unverblümte Attacke

Von ihren Guerilla-Auftritten während des russischen Wahlkampfs über ihr Erscheinungsbild beim Prozess gegen sie bis hin zu den Tweets, mit denen Tolokonnikowas Mann Pjotr Wersilow die Weltöffentlichkeit ebenso informiert wie unterhält: Pussy Riot bedienen sich bei ihrem Feldzug gegen Putin aller Mittel der Popkultur mit äußerster Effizienz.

Dies dürfte ihnen in einem russischen Straflager wenig nutzen, sollten sie, wie von der Moskauer Staatsanwaltschaft gefordert, wegen Rowdytums zu drei Jahren Haft verurteilt werden - für die etablierte, westliche Popkultur allerdings ist das Schicksal des Trios das Beste, was passieren konnte. Und Putin genau der Feind, den Pop dringend gebraucht hat: Dass der Staatschef sich nun in präsidialer Geste in den Prozess einmischte und Milde für das Trio forderte, zeigt nur noch mehr, dass keine wichtige Entscheidung des von ihm verkörperten Systems ohne ihn getroffen wird - und dass Pussy Riot durch ihre Aktionen eine mediale Strahlkraft erlangt haben, zu der er sich verhalten muss.

Von Pete Townshend, dem Pet-Shop-Boy Neil Tennant über Madonna bis hin zur Berliner Indie-Diva Peaches haben sich Popstars mit Pussy Riot solidarisiert. Das ist ehrenwert. Darf man dennoch erwähnen, dass Townshends große Zeit Jahrzehnte zurückliegt, dass Neil Tennant im September ein neues Album veröffentlicht, Madonna sich gerade auf Welttournee befindet und auch der Hype um Peaches ebenso lange her ist wie ihr Soundtrack-Beitrag zu "Lost In Translation"?

Dass Dmitrij Rogosin, der stellvertretende Regierungschef Russlands, Madonna am Donnerstag via Twitter gar indirekt als "Hure" beschimpfte, und der Sängerin nun gar eine Geldstrafe droht, weil sie sich in St. Petersburg für Schwulenrechte einsetzte, zeugt deshalb von geradezu epochalem Pop-Unverständnis. Für eine Berufsprovokateurin wie Madonna ist die erstaunlich unverblümte Attacke eines Spitzenpolitikers die größtmögliche Anerkennung. Endlich wird sie wieder ernst genommen und nicht bloß belächelt. Sie ist wieder wer.

Und mit ihr Pop. Ein zähnefletschender Obrigkeitsstaat, das ist genau der Konflikt, den die Popkultur für ihre Wiederbelebung gebraucht hat. Zeigt der Konflikt um Pussy Riot doch, dass Pop-Strategien, Pop-Werte und Pop-Ästhetik genau dann nichts von ihrer Sprengkraft verloren haben, wenn sie auf das entsprechende Umfeld treffen.

Wenn die verbliebenenen Altpunks der Sex Pistols noch einigermaßen bei Verstand sind, dürfen sie die sich ihnen nun bietendende Gelegenheit zur Rehabilitation nach den olympischen Jubelfeiern nicht ungenutzt lassen. Wie wäre es mit einer Coverversion ihres eigenen Klassikers? "God Save Putin - a fascist regime".

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