Serie "Das Wort" Aus der Gosse auf die Straße

Die Gay-Pride-Saison ist im vollen Gange. Der Begriff queer zeigt: Auch alte Wörter können neu sein. Je nachdem, aus wessen Mund sie gesprochen werden.
Gay Pride in Brüssel

Gay Pride in Brüssel

Foto: Stephanie Lecocq/ dpa

Sprache ist in Bewegung. Die Welt verändert sich ständig, die Sprache folgt ihr und verändert sich mit. Neue Wörter entstehen: "Migrationshintergrund" ist so ein junges Wort, "Balkanroute" und "Willkommenskultur", "Brexit" und "alternativlos" sind weitere Beispiele. Was die Gesellschaft umtreibt, das benennt sie. Wörter sollen informativ sein, nicht schön. Sie sollen eine Bedeutung haben, die ein anderes Wort nicht hat.

"Queer" ist so ein Wort. Queer ist ein Adjektiv, das auf das althochdeutsche "twerh" zurückgeht. Twerh geriet als niederdeutsches "queer" nach Britannien und wurde dort "queer", in Deutschland bildete sich das neuhochdeutsche "quer". Twerh lässt sich als "schräg, schief" übersetzen. Aus queer dagegen wurde in der Bedeutung fremdartig.

Mit queer wurden im englischsprachigen Sprachraum Menschen bezeichnet, die homosexuell sind. Queer war lange Zeit abwertend, das freundliche Gegenstück dazu war "gay". Queer, ausgesprochen wie quer mit englischem e, ist wieder zurück.

"Geusenwort" ist der Begriff für ein Wort, das die Gosse verlassen hat. Zum Geusenwort wird ein abwertendes und beleidigendes Wort, wenn die Abgewerteten und Beleidigten dieses Wort als ihres annehmen. Hure ist so ein Wort. Irgendwann begannen Prostituierte, sich selbst Hure zu nennen. Die Beleidigten drehten den Spieß um: Sie verwendeten den auf sie gemünzten abwertenden Begriff mit Stolz und Selbstbewusstsein. Dies veränderte das Wort, denn es ist nie gleichgültig, wer es ausspricht. Eine Frau, die sich selbst "Schlampe" oder "Bitch" nennt, sagt etwas anderes damit als jemand, der diese Worte verwendet, um diese Frau abzuwerten oder zu beleidigen. Für die Beleidigten und Erniedrigten ist die Verwendung des Geusenwortes gemeinschaftsstiftend, weil es auf ein gemeinsames Schicksal hinweist. Und spätestens seit Quentin Tarantinos "Jackie Brown" ist bekannt: Afroamerikaner verwenden "Nigger" als Geusenwort.

Queer ist die Abweichung von der Norm

Queer und quer haben gemeinsam, dass sie einen Bezug benötigen. Quer ist immer ein quer zu etwas, das die Hauptsache bildet: Man geht quer über die Straße, stellt sich quer, denkt quer. Quer ist immer die bemerkenswerte Abweichung von der Regel. Diese Regel lautet: Jeder Mensch ist entweder Mann oder Frau, er ist heterosexuell und fühlt und verhält sich so, wie es das Rollenbild der Gesellschaft, in der er lebt, vorschreibt. Diese Regel mit dem sperrigen Namen Heteronormativität ist herrschend.

Das trifft nicht auf alle Menschen zu. Das biologische Geschlecht ist fast immer leicht feststellbar, das Fühlen und Verhalten hingegen nicht. Die erste und bekannteste Gruppe derer, die sich anders verhalten, ist die der männlichen Homosexuellen. Sie begehren nicht Frauen, wie es das Rollenbild vorsieht, sondern Männer. Die Gesellschaften, in denen sie lebten und leben, schwanken zwischen Akzeptanz und Verfolgung bis zum Mord. Eine weitere bekannte Gruppe ist die der weiblichen Homosexuellen. Ihnen gegenüber ist die gesellschaftliche Reaktion weniger von Hass geprägt, sondern mehr von Mitleid und Unverständnis.

Der Blick der Gesellschaft auf Abweichler hat sich verändert. Wo früher das moralische Urteil am Anfang stand, ist jetzt Interesse gewachsen. Das geschlechtliche Sein eines Menschen wird nicht mehr als ein selbst gewähltes Schicksal verstanden, sondern als wesentlicher Teil seiner Persönlichkeit, die der Beurteilung entzogen ist. Menschen, die sich den Forderungen der Gesellschaft nach heteronormativer Anpassung entzogen haben, ermutigen weitere Abweichler, sich zu sich selbst zu bekennen.

Schwule, Lesben, Transgender, Bisexuelle, Pansexuelle, Asexuelle:… Die Aufzählung kann nie vollständig sein, denn wo sich ein Mensch sieht, dort ist er. Und das Adjektiv, das diese Menschen für ihre Leben verwenden, ist queer; denn nur das Leben kann queer sein, niemals die Person.

Queer ist Ausdruck eines Selbstbewusstseins geworden, das sich an die Herabsetzung noch erinnern kann, sie aber in diesem Wort überwunden hat. Die Verwendung von queer zeigt Souveränität.

Die Verwendung von queer ist nicht mehr nur Abweichung von der Norm, sondern schon Infragestellung der Norm an sich. Und damit ist auch das weitere Schicksal von queer vorgezeichnet: Je weniger sich die Gesellschaft in die höchstpersönlichen Dinge einmischt, desto geringer ist der Bedarf nach einem Wort wie queer; wenn es einen normierenden Mainstream nicht mehr gibt, braucht niemand mehr sein Leben als queer bezeichnen, nicht aus Stolz, nicht aus Trotz und nicht aus Resignation.


Jan Hedde, 52, ist Jurist und untersucht an dieser Stelle alle zwei Wochen ein Wort. Zuletzt analysierte er die Begriffe "Angst", "Populismus", "Terror", "Satire", "Hooligan"und "Opposition".

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