Serie "Das Wort" Aus der Gosse auf die Straße

Die Gay-Pride-Saison ist im vollen Gange. Der Begriff queer zeigt: Auch alte Wörter können neu sein. Je nachdem, aus wessen Mund sie gesprochen werden.

Gay Pride in Brüssel
DPA

Gay Pride in Brüssel


Sprache ist in Bewegung. Die Welt verändert sich ständig, die Sprache folgt ihr und verändert sich mit. Neue Wörter entstehen: "Migrationshintergrund" ist so ein junges Wort, "Balkanroute" und "Willkommenskultur", "Brexit" und "alternativlos" sind weitere Beispiele. Was die Gesellschaft umtreibt, das benennt sie. Wörter sollen informativ sein, nicht schön. Sie sollen eine Bedeutung haben, die ein anderes Wort nicht hat.

"Queer" ist so ein Wort. Queer ist ein Adjektiv, das auf das althochdeutsche "twerh" zurückgeht. Twerh geriet als niederdeutsches "queer" nach Britannien und wurde dort "queer", in Deutschland bildete sich das neuhochdeutsche "quer". Twerh lässt sich als "schräg, schief" übersetzen. Aus queer dagegen wurde in der Bedeutung fremdartig.

Mit queer wurden im englischsprachigen Sprachraum Menschen bezeichnet, die homosexuell sind. Queer war lange Zeit abwertend, das freundliche Gegenstück dazu war "gay". Queer, ausgesprochen wie quer mit englischem e, ist wieder zurück.

"Geusenwort" ist der Begriff für ein Wort, das die Gosse verlassen hat. Zum Geusenwort wird ein abwertendes und beleidigendes Wort, wenn die Abgewerteten und Beleidigten dieses Wort als ihres annehmen. Hure ist so ein Wort. Irgendwann begannen Prostituierte, sich selbst Hure zu nennen. Die Beleidigten drehten den Spieß um: Sie verwendeten den auf sie gemünzten abwertenden Begriff mit Stolz und Selbstbewusstsein. Dies veränderte das Wort, denn es ist nie gleichgültig, wer es ausspricht. Eine Frau, die sich selbst "Schlampe" oder "Bitch" nennt, sagt etwas anderes damit als jemand, der diese Worte verwendet, um diese Frau abzuwerten oder zu beleidigen. Für die Beleidigten und Erniedrigten ist die Verwendung des Geusenwortes gemeinschaftsstiftend, weil es auf ein gemeinsames Schicksal hinweist. Und spätestens seit Quentin Tarantinos "Jackie Brown" ist bekannt: Afroamerikaner verwenden "Nigger" als Geusenwort.

Queer ist die Abweichung von der Norm

Queer und quer haben gemeinsam, dass sie einen Bezug benötigen. Quer ist immer ein quer zu etwas, das die Hauptsache bildet: Man geht quer über die Straße, stellt sich quer, denkt quer. Quer ist immer die bemerkenswerte Abweichung von der Regel. Diese Regel lautet: Jeder Mensch ist entweder Mann oder Frau, er ist heterosexuell und fühlt und verhält sich so, wie es das Rollenbild der Gesellschaft, in der er lebt, vorschreibt. Diese Regel mit dem sperrigen Namen Heteronormativität ist herrschend.

Das trifft nicht auf alle Menschen zu. Das biologische Geschlecht ist fast immer leicht feststellbar, das Fühlen und Verhalten hingegen nicht. Die erste und bekannteste Gruppe derer, die sich anders verhalten, ist die der männlichen Homosexuellen. Sie begehren nicht Frauen, wie es das Rollenbild vorsieht, sondern Männer. Die Gesellschaften, in denen sie lebten und leben, schwanken zwischen Akzeptanz und Verfolgung bis zum Mord. Eine weitere bekannte Gruppe ist die der weiblichen Homosexuellen. Ihnen gegenüber ist die gesellschaftliche Reaktion weniger von Hass geprägt, sondern mehr von Mitleid und Unverständnis.

Der Blick der Gesellschaft auf Abweichler hat sich verändert. Wo früher das moralische Urteil am Anfang stand, ist jetzt Interesse gewachsen. Das geschlechtliche Sein eines Menschen wird nicht mehr als ein selbst gewähltes Schicksal verstanden, sondern als wesentlicher Teil seiner Persönlichkeit, die der Beurteilung entzogen ist. Menschen, die sich den Forderungen der Gesellschaft nach heteronormativer Anpassung entzogen haben, ermutigen weitere Abweichler, sich zu sich selbst zu bekennen.

Schwule, Lesben, Transgender, Bisexuelle, Pansexuelle, Asexuelle:… Die Aufzählung kann nie vollständig sein, denn wo sich ein Mensch sieht, dort ist er. Und das Adjektiv, das diese Menschen für ihre Leben verwenden, ist queer; denn nur das Leben kann queer sein, niemals die Person.

Queer ist Ausdruck eines Selbstbewusstseins geworden, das sich an die Herabsetzung noch erinnern kann, sie aber in diesem Wort überwunden hat. Die Verwendung von queer zeigt Souveränität.

Die Verwendung von queer ist nicht mehr nur Abweichung von der Norm, sondern schon Infragestellung der Norm an sich. Und damit ist auch das weitere Schicksal von queer vorgezeichnet: Je weniger sich die Gesellschaft in die höchstpersönlichen Dinge einmischt, desto geringer ist der Bedarf nach einem Wort wie queer; wenn es einen normierenden Mainstream nicht mehr gibt, braucht niemand mehr sein Leben als queer bezeichnen, nicht aus Stolz, nicht aus Trotz und nicht aus Resignation.


Jan Hedde, 52, ist Jurist und untersucht an dieser Stelle alle zwei Wochen ein Wort. Zuletzt analysierte er die Begriffe "Angst", "Populismus", "Terror", "Satire", "Hooligan"und "Opposition".



insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
murksdoc 31.07.2016
1. Sprachgefühl
Vergleichen Sie das mit dem "Querdenker" oder "Querkopf". Nichts davon ist abwertend, im Gegenteil, wenn Sie die Auflösung aller Normen als Endziel aller glückseligmachenden Sozialexperimente ansehen, dann wird der Nächste genau das kritisieren, nur um weiterhin als "Querdenker" zu zählen. Ich spreche Englisch so wie Deutsch, aber ich würde mir nie zutrauen, das gleiche Sprachgefühl zu entwickeln, um zu beurteilen, ob ein Wort irgendwie positiv oder negativ konnotiert ist. Wie soll ein Brite wissen, ob unser "warm", welches in meiner Jugend der allgemeine Ausdruck für "homosexuell" war, irgendetwas Negatives bedeutet. Das weiss ja selbst ich nicht. Damals hiessen Homosexuelle, warum auch immer, auf Englisch übrigens "faggot" oder "fag", welches gleichzeitig auf Amerikanisch "Kippe" bedeutete. Welches Wort davon ist jetzt negativ konnotiert und welches nicht? Wissen Sie das?
Newspeak 31.07.2016
2. ...
Zitat von murksdocVergleichen Sie das mit dem "Querdenker" oder "Querkopf". Nichts davon ist abwertend, im Gegenteil, wenn Sie die Auflösung aller Normen als Endziel aller glückseligmachenden Sozialexperimente ansehen, dann wird der Nächste genau das kritisieren, nur um weiterhin als "Querdenker" zu zählen. Ich spreche Englisch so wie Deutsch, aber ich würde mir nie zutrauen, das gleiche Sprachgefühl zu entwickeln, um zu beurteilen, ob ein Wort irgendwie positiv oder negativ konnotiert ist. Wie soll ein Brite wissen, ob unser "warm", welches in meiner Jugend der allgemeine Ausdruck für "homosexuell" war, irgendetwas Negatives bedeutet. Das weiss ja selbst ich nicht. Damals hiessen Homosexuelle, warum auch immer, auf Englisch übrigens "faggot" oder "fag", welches gleichzeitig auf Amerikanisch "Kippe" bedeutete. Welches Wort davon ist jetzt negativ konnotiert und welches nicht? Wissen Sie das?
Dazu benötigt es den Kontext bzw., wie im Beitrag angesprochen, die Einschätzung über den Sprecher. Glauben Sie mir, dann wissen Sie sehr schnell, wann ein Wort abwertend gemeint ist. Man kann auch durchaus "unbelastete" Worte abwertend aussprechen, z.B. wird ein "Er ist Politiker" auf einer Pegida-Demo vermutlich anders ausgesprochen (und mit anderem Hintersinn), als z.B. in der Tagesschau. Was "belastete" Worte betrifft, so ergibt sich die negative Konnotation auch aus dem Sprachgebrauch Vieler. Selbst wenn im Einzelfall die abwertende Wirkung schwankt, ist sie in der Summe deutlich erkennbar. Das liegt, wie Sie schon sagen "im Gefühl". Als Betroffener können sie diesbezüglich sehr sensibel werden.
albert schulz 11.08.2016
3. Wortschaum
Mir würde es völlig ausreichen, wenn die Journaille nicht gedankenlos und hemmungslos englische Worte für Banalitäten nutzen würde, die man ganz einfach auf deutsch formulieren kann. Meist machen sie es falsch, jedem Sprachgefühl abhold. Wie meine Englischlehrer (oder die von Öttinger). Englisch ist keine Sprache, sondern ein Verständigungsmittel primiti-ver Primaten. Keiner kann es oder versteht es, aber man fühlt ungefähr, was gemeint sein könnte. Das läßt sich auch mit Grunzlauten bewerkstelligen. Der warme Bruder war nie negativ besetzt. So ein bißchen Mitleid schwang mit, wie bei ei-nem kuscheligen Wollameisenhamster. Die armen Kerle hatten eben eine besonders liebe-voll dominante Mutter oder Schwester gehabt, und einen Heidenrespekt vor Frauen, den man durchaus als existentielle Angst bezeichnen könnte. Ihnen ist bewußt, was Frauen aus Männern machen können, während die Heterosexuellen diese Form der (Selbst-)Täuschung lieben, zumindest so lange bis es zu spät ist zur Umkehr. Wer also ist schlauer ? Grundsätzlich braucht sich niemand darum zu scheren, wie die Leute von Einem denken, zumal man es meist nicht erfährt. Man muß damit leben und mit den merkwürdigen Reaktio-nen. Und sofern man ein Eigenwertgefühl hat und ein fundiertes Selbstbewußtsein, kann es Einem scheißegal sein, auch die jeweils benutzten Begriffe, von denen man meist gar nichts mitbekommt. Man erfährt einfach nicht, was sie hinter Eines Rücken tuscheln. Sollen sie, wenn es ihnen gut tut, wenn sie sich auf dem rechten Weg fühlen. Und wenn sie jemanden zum Verachten brauchen. Privilegien sind überwiegend positiv konnotiert, Pfründe hingegen negativ, die Bedeutung ist aber identisch gleich. Das gilt für aberhundert Wörterpaare. Die Lebensabschiedsgefährtin hat der Lebensabschnittsgefährtin jedenfalls eine Menge an endgültiger Wahrheit voraus.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.