Querdenkender Philosoph Jacques Derrida gestorben

Der französische Philosoph Jacques Derrida ist in der Nacht zum Samstag in Paris gestorben. Der notorische Querdenker begründete den so genannten Dekonstruktivismus. Manche Kollegen hielten ihn für einen genialen Erneuerer der Philosophie, andere schlicht für einen Scharlatan.

Paris - Wie aus Derridas Umfeld am Samstag bekannt wurde, erlag der Philosoph einer Krebserkrankung der Bauchspeicheldrüse. Er wurde 74 Jahre alt. Derrida wurde 1930 als Kind jüdischer Eltern in Algerien geboren. Später studierte er an der Elitehochschule École Normale Supérieure in Paris - unter anderem bei Michel Foucault. Sein Interesse galt den den Werken der großen Existenzialismus-Philosophen von Kierkegaard über Heidegger bis Camus und Sartre.

Derrida galt als Querdenker. Zu seinen berühmtesten Büchern gehört "Die Schrift und die Differenz" von 1972. 2001 erhielt er als einer der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart in der Frankfurter Paulskirche den Theodor-W.-Adorno-Preis. Derrida trat für eine stärkere militärische Unabhängigkeit Europas von der Nato und den USA ein, wobei die Europäer ihre Schlagkraft für die Durchsetzung von UN-Resolutionen nutzen sollten.

Kern seines Denkens war die Annahme, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Verschiedene, auch sich widersprechende Deutungen betrachtete er gleichzeitig als wahr. Um dies zu beweisen, wendete Derrida eine eigene Methode an, den so genannten Dekonstruktivismus. Dabei werden Texte so zerlegt, dass keine "wahre Interpretation" mehr möglich ist. Die Dekonstruktion prägte den philosophischen Diskurs der siebziger und achtziger Jahre.

Allerdings blieben seine Ideen bis zuletzt umstritten. Viele betrachteten ihn als Blender, der mit unverständlichen Texten die Menschen an der Nase herumführte. So auch vier Professoren der Universität Cambridge, die sich 1992 weigerten, ihm einen Ehrendoktortitel zu verleihen. Sie nannten seine philosophischen Aussagen "Scharlatanerie". Er entziehe der Wissenschaft ihre Grundlage, nämlich die Unterscheidung zwischen richtig und falsch, schäumten die Kollegen.

Zwar kam die Ehrung trotz dieses spektakulären Protests noch zu Stande, die Welt der Philosophen aber hatte ein Gesprächsthema. Derrida selbst nannte die Angelegenheit einen "kleinen englischen Skandal".

Derrida lehrte an verschiedenen Hochschulen in Paris und im Ausland, überwiegend in den USA. Die meisten seiner Werke sind ins Deutsche übersetzt worden. Dazu gehören "Aufzeichnungen eines Blinden" und der Band "Marx' Gespenster", in dem er nicht nur Marx, sondern auch das Phänomen des Marxismus und Kommunismus seiner dekonstruktivistischen Kritik unterzieht. Bekannt ist auch der historische Exkurs in die "Geschichte der Lüge".

"Mit ihm hat Frankreich der Welt einen der größten zeitgenössischen Philosophen, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des intellektuellen Lebens unserer Zeit geschenkt", sagte der französische Präsident Jacques Chirac am Samstag.

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