Radikalisierung junger Europäer Keine Angst vor der großen Freiheit

Im Pariser Bataclan standen sich junge Europäer gegenüber: Die einen wollten feiern und Bier trinken, die anderen töteten für eine islamistische Ideologie. Warum das geschehen konnte, gehört zu den dringlichsten Fragen unserer Gesellschaft.

Das Bataclan nach dem Terror: "Die Freiheit ist ein unzerstörbares Monument"
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Das Bataclan nach dem Terror: "Die Freiheit ist ein unzerstörbares Monument"

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Die lange, schreckliche Terrornacht vom 13. November hat keine symbolhaften Bilder wie der 11. September 2001. Wer die Anschläge wie ich am Fernseher verfolgt hat, sah stundenlang nur die Fassade des Pariser Klubs Bataclan, einen dunklen, von Straßenlaternen illuminierten Straßenzug, das flackernde Blaulicht und vorbeieilende Polizisten. Nur wenige verwackelte Handy-Videos gibt es aus dem Inneren des Bataclan, keine von ihnen fängt ein, was einer der Augenzeugen in jener Nacht fassungslos zu einem Reporter sagte: Die Attentäter, die im Konzertsaal kaltblütig auf die Rockfans schossen, seien im gleichen Alter wie er selbst gewesen, sie seien eigentlich ganz normale Typen gewesen.

Tatsächlich waren die Terroristen im Bataclan keine aus Syrien oder dem Irak eingereisten Krieger einer feindlichen Macht, es waren Franzosen und Belgier, junge, im westlichen Wertekanon aufgewachsene Europäer aus Paris und Brüssel, deren arabische oder nordafrikanische Familienabstammung relevant sein kann oder auch nicht.

Dieses für uns Beobachter nur imaginierte Bild der tödlichen Konfrontation von Altersgenossen verstört nachhaltig: Warum wollten die einen einfach nur einen Freitagabend ausklingen lassen, im Restaurant nebenan nett etwas essen, ein paar Biere trinken und ein Konzert einer ironischen US-Rockband ansehen - und warum wollten die anderen töten, so viele in den Tod reißen wie möglich, am Ende auch sich selbst? Warum geben sich manche junge Menschen in Europa einem freiheitlichen, hedonistischen Lebensstil hin, warum tun das andere nicht, sondern überantworten sich einer brutalen, deterministisch-religiösen Ideologie, die ihnen Hass und Mord vorschreibt?

Der Blick in die Banlieue reicht nicht

Über die Gründe, warum sich Jugendliche in westlichen Ländern radikalisieren, wird nicht erst in der Ära des Terrors nach dem 11. September geforscht, die soziologisch-psychologische Analyse reicht bis weit in die Sechziger- und Siebzigerjahre zurück, schon damals stellte sich die Frage, warum manche 68er-Studenten friedlich und mit intellektuellen Argumenten gegen die Gesellschaft protestierten, andere sich aber radikalen Terrorgruppen wie den Roten Brigaden oder der RAF anschlossen und Gewalt ausübten. Der Blick in die Pariser Banlieue oder vermeintliche Parallelgesellschaften prekarisierter Großstadtviertel wie Molenbeek in Brüssel, aus denen die meisten der Pariser Attentäter stammen, ist ein geübter Reflex, wenn es um Erklärungsmodelle geht.

Er ist nicht falsch, denn gesellschaftliche Exklusion begünstigt Ressentiments und radikale Denkweisen, doch damals wie heute stammen die Attentäter nicht nur aus sozialen Brennpunkten, sondern aus der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft, in Frankreich sind es laut einer aktuellen Studie sogar 67 Prozent der in den vergangenen Jahren islamistisch radikalisierten Männer und Frauen. Nicht zuletzt über soziale Medien gelangt das radikale Gedankengut in Form von Texten und Anwerbevideos auch in die wohlsituierten Wohnviertel.

Auf welche Voraussetzungen trifft er dort, wo man eigentlich den Wesenskern der westlichen Freiheit vermutet, den Wohlstand, die Bildung, den Zugang zu Konsumgütern und Zerstreuung, die Möglichkeit der absoluten Selbstverwirklichung. Sind es nicht diese Insignien, die nach dem Terror von Paris nun erneut zur Verteidigung ausgeschrieben werden? Wie kann sich ein junger Mensch, der diese grenzenlose Freiheit genießt, dazu entschließen, sich gegen sie zu wenden?

Jeder nach seiner Façon, aber jeder für sich selbst

Vielleicht, weil diese Freiheit durchaus Grenzen hat. Denn wer teilhaben will an den Vorzügen der Freiheit, wer am Freitagabend gut essen, Bier trinken und ein Konzertticket kaufen will, der muss vorher etwas leisten, sich im kapitalistischen Wertschöpfungskreislauf auf den Markt werfen - um dann das ungute Gefühl der Selbstausbeutung wieder mit Konsumgütern zu betäuben. Eine andere Form der Teilhabe bietet der von Ideologien bereinigte und weitgehend laizistische westliche Kanon kaum noch an.

Dabei reicht es nicht mal mehr, einfach nur mit dem "Flow" zu treiben, man muss, so suggerieren es Eltern ihrem Nachwuchs schon im Kindergarten, so propagieren es TV-Shows von "Supertalent" über "Top Model" bis "Shopping Queen", im besten Fall etwas Besonderes sein, aus der Masse herausragen und über herausragendes Talent verfügen. Der Druck zur Selbstoptimierung auf das Individuum ist enorm, denn Teamwork und Kollektiv ist im freiheitlichen Streben nach Ruhm, Geld und Anerkennung nicht als Optimum vorgesehen, jeder nach seiner Façon, aber jeder für sich selbst.

Der Reichtum an Möglichkeiten, den unsere Gesellschaft anbietet, ist großartig, aber er kann auch überfordern. Vor allem hinterlässt er ob seiner Ausrichtung auf kapitalistische Prozesse ein spirituelles Vakuum. Vor allem religiöse Extremisten haben hier bei jedem leichtes Spiel, der sich diesen Prozessen verweigert, das Gefühl hat, nicht mithalten zu können oder von vornherein, durch prekäre Lebensverhältnisse und gesellschaftlichen Ausschluss an der Teilnahme gehindert wird, weil ihm Mittel wie Bildung und Geld fehlen.

Ideologische Gemeinschaften wie der IS, aber auch links- wie rechtsextremistische Gruppen füllen dieses Vakuum. Sie bieten Wärme, Gemeinschaft und Zusammenhalt, wo Individualismus zu Vereinzelung werden droht, sie stellen dem bodenlosen "Alles geht", das so einfach klingt, in Wahrheit aber hochkomplex ist, eine genau bestimmte Richtung und ein übergeordnetes Ziel entgegen, formuliert in einfachen, griffigen Botschaften: Alle Ungläubigen müssen sterben, denn Allah will es so.

Drei Gruppen Gefährdete

Das Perfide daran: Auch hier wird mit den Insignien des Erfolgs gelockt: Wer sich dem IS anschließt, bekommt eine Familie, bekommt Wohlstand, Waffen, Fahrzeuge und Frauen, wenn das Kalifat erst einmal errichtet ist. Wer sich zwischendurch als Märtyrer selbst in die Luft sprengt: Kein Problem, auf den wartet das Paradies. So erreicht man Macht, Dominanz und Elite-Bewusstsein, ohne den beschwerlichen Weg durch Markt, Konkurrenz und Wettbewerb zu nehmen.

Drei Gruppen anfälliger Jugendlicher unterteilt der Bielefelder Gewalt- und Konfliktforscher Andreas Zick: Die einen suchen nach Ordnung und Sinn, sie unterliegen der sogenannten Anomie, ihnen fehlen soziale Normen und Werte. Einer weiteren Gruppe geht es um Gemeinschaft und Gruppengefühl. Das findet sich auch in Subkulturen wie Hip-Hop, Skater- oder Gaming-Communities, aber auch hier hat sich oftmals schon ein anstrengendes Leistungsprinzip etabliert. Die dritte Gruppe will Abenteuer, Rebellion und den Kick der Gesetzlosigkeit. Sie langweilt sich in der tristen Sicherheit des Mittelstands-Biotops und sieht jeden als Verlierer, der sich dem System anpasst.

Allen gemeinsam aber ist ein mehr oder weniger konkretes Gefühl der Ungerechtigkeit und systemisch bedingter Benachteiligung, das so stark werden kann, dass es in militante Gewalt münden kann. Dabei müssen noch nicht mal religiöse Inhalte eine Rolle spielen, es reicht schon die Zwangsdynamik einer verschworenen Gruppe, die zur Durchsetzung einer vermeintlich gerechteren Sache auch Opfer in Kauf nimmt.

Alternativlos sind die anderen

Die größte Herausforderung, vor der westliche Gesellschaften stehen, ist also nicht der militärische Kampf gegen den IS an unklaren Fronten im Nahen Osten, sondern vielmehr, das Ungerechtigkeitsempfinden junger Menschen ernst zu nehmen und öffentlich zu thematisieren. Anders als jede fundamentalistische Gruppierung hat die demokratisch organisierte Gesellschaft den Vorteil, pluralistisch und undogmatisch zu sein - also auch offen für einen Diskurs über die Modalitäten und Rahmenbedingungen der Leistungsgesellschaft, der im besten Fall zu gerechterer Güterverteilung, verbesserten Sozialeinrichtungen, zu erleichtertem Zugang zu Bildung und Arbeit sowie vielleicht sogar zu größerem Gemeinschaftsgefühl führen kann.

Der größte Wert der freiheitlichen Gesellschaft ist ja gerade ihre "Alles geht"-Mentalität, die verschiedenste Lebensentwürfe und Ansichten in sich vereinen kann. Wenn sie sich flexibel, integrativ und dialogbereit zeigt, haben Hassprediger kaum eine Chance. Angreifbar und schwach wird sie nur, wenn sie sich genauso starr, alternativlos und repressiv gibt wie ihre Gegner. Freiheit heißt, sich entscheiden zu können. Auch dazu, die Waffe wegzuwerfen und den Sprengstoffgürtel abzulegen, kein stumpfes Werkzeug zu sein, sondern selbstbestimmt und eigenverantwortlich.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Andreas Borcholte ist Autor mit Sitz im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Andreas_Borcholte@spiegel.de

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insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
Beni 23.11.2015
1.
Die Attentäter sind für mich keine Europäer, trotz ihrer Staatsbürgerschaften nicht mal Franzosen oder Belgier. Opfer und Täter haben keine Gemeinsamkeiten.
stouba 23.11.2015
2. Alles da
was an Gemeinschaft gebraucht wird, es ist nur verschüttet unter all dem Technikkram, der die Zeit stiehlt. Ein bißchen Aufmerksamkeit für den anderen, eine Änderung der Politik von der Weltordnung hin zum Bürger, usw. Die Menschen sind so abgelenkt vom Außen, daß das Innen zu kurz kommt. Es ist schade, daß es Bomben braucht, um sich damit zu beschäftigen!
Bondurant 23.11.2015
3. Schade
Einiges an dem Artikel war gar nicht schlecht, aber dann reißt er alles wieder um Der größte Wert der freiheitlichen Gesellschaft ist ja gerade ihre "Alles geht"-Mentalität, die verschiedenste Lebensentwürfe und Ansichten in sich vereinen kann. Dies "Alles geht" ist doch gerade, was die Hardliner so abstößt. Gerade dagegen richtet sich ihr Zorn. Mit einer "Everthing goes"-Gesellschaft wird man den, der seine Religion ernst nimmt, nicht versöhnen können. Denn einer solchen Gesellschaft möchte er nicht angehören.
huggiii 23.11.2015
4. .
... ---Zitat--- Tatsächlich waren die Terroristen im "Bataclan" keine aus Syrien oder dem Irak eingereisten Krieger einer feindlichen Macht, es waren Franzosen und Belgier, junge, im westlichen Wertekanon aufgewachsene Europäer aus Paris und Brüssel, deren arabische oder nordafrikanische Familienabstammung relevant sein kann oder auch nicht. ---Zitatende--- ... nun kann man ja lange darüber diskutieren ob diese jungen Leute wirklich Europäer waren, oder ob sie nur die Staatsbürgerschaft eines europäischen Landes hatten. Ob nun die Abstammung dieser Leute für ihr Verhalten eine Relevanz hat sollte man nicht lange diskutieren müssen, es reicht völlig aus den Sachverhalt zu betrachten um seine eigenen Schlüsse ziehen zu können. Wenn Menschen aus präkären Verhältnissen stammen und diese hinter sich lassen wollen, so gibt es eigentlich einen nachvollziehbaren Weg den die Eltern ihren Kindern aufzeigen müssen, *kümmern * ist das Zauberwort, kümmern um Bildung, kümmern um die hiesigen Werte und die aktive Integration in die Gesellschaft. Es gibt Minderheiten die dies kapiert haben. Wird aber der Moscheebesuch und die Einhaltung islamischer Regeln zum Lebensmittelpunkt, so ist die Zukunft der Kinder schon zerstört oder stark gefährdet. Wenn man nicht völlig klar sagt was die grundsätzlichen Ursachen sind, nämlich die Religion, dann kann man rumquatschen wie man will, es wird sich nichts ändern. Wer nicht aus eigener Anstrengung etwas erreichen will wird in der Regel kriminell, wer aber Menschen töten will die anders leben wollen als es in der Moschee gepredigt wird hat sich seinen Lebensentwurf eben beim Imam abgeholt.
kuac 23.11.2015
5.
Diese Leute sind für mich gescheiterte Existenzen, die mit der Freiheit überfordert sind. Niemand sagt, was schwarz und was weiss ist, alles ist grau und mann muss täglich pro/contra Entscheidungen treffen. Das ist anstrengend und viele scheitern dabei. Viel einfacher ist, wenn jemand sagt, was gut ist und was böse ist und wo es lang geht. Dann kann man Gehirn abschalten und sich dafür engagieren. Da, die ganze Gruppe das auch so macht, entsteht auch ein solidarisches Gefühl dabei. Man ist kein Einzelkämpfer mehr.
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