Digitale Informationsflut Der Horror im Sekundentakt

Algorithmen werten das Pfund ab, Bots berichten darüber, und wir drehen durch. Kann es sein, dass islamistische Radikalisierung auch nur eine Art ist, auf den "digital overload" zu reagieren?

Kursbeobachtung nach Feierabend
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Ein Kolumne von


Ich bin internetsüchtig und bilde mir auch ein, dass ich damit weit vorn bin. Evolutionärer Vorsprung als User. Ich weiß weder, wie ein Computer von innen aussieht, noch, wie das Internet funktioniert. Aber ich use. Wie die meisten.

Den gesamten Tag, neben der Arbeit, sehe ich Schachspiele, neue Roboter, lese über Megacitys und Precise Farming. Aber vornehmlich - über den kommenden Börsencrash, Nazis, Trump, die Sorgen Hamed Abdel-Samads, ich lese über die Klimakatastrophe, den Aufkauf Afrikas durch chinesische Firmen oder Rentner, den Ghost-Roaming-Trick der Netzanbieter, die Spekulation mit Wasser, Nahrungsmitteln und maybe Luft.

Ich lese so viel Bedrohliches, dass ich abends vor Angst erstarrt bin und erst einmal gurgeln muss. Dann gurgle ich. Ist der obsessive Nachrichtenkonsum so etwas wie die Gehirnwäsche bei Islamfundis? Befinden wir uns alle in einem theoretischen Kriegszustand, weil unsere Gehirne permanent mit Nachrichten überflutet werden, die am Ende darauf hinauslaufen, dass alle der Feind sind?

Wenn man einen Probanden in eine Zelle sperrt und ihn 24 Stunden mit Horrornachrichten konfrontiert, wird ihn das vermutlich fundamental verunsichern. Je nach Charakter reagiert der Proband gelähmt oder wütend. Meist beides in Kombination mit einer kolossalen Weltangst. Der Proband ist geneigt, nach einem starken Führer zu suchen, nach einem Ausweg aus der gefühlten Bedrohung seines Lebens. Dann kommt Allah ins Spiel oder ein anderer Typ mit klaren Ansagen. Der Proband wird - kaum dem Versuch entkommen - nach einer Kompensation suchen, nach einer Verankerung in der unsicheren Welt.

Der Horror wird im Sekundentakt in mein System geflutet

Das geht am schnellsten mit Konsum. Etwas kaufen, das real ist, gegen das unfassbare Grauen im Kopf. Und wenn das nicht möglich ist, dann eben krank werden, eine Psychose entwickeln, Medikamente nehmen gegen die angenommene Unperfektion. Geht man davon aus, dass inzwischen sehr viele Nachrichten im Netz von Bots gestreut werden, dass Bilder manipuliert werden, dann ist es schon fast wieder lustig.

Algorithmen werten das Pfund ab, Bots berichten darüber, und wir drehen durch. Der Energieaufwand, sich am Ende eines Tages klar zu machen, dass man an den realen oder unrealen Widerwärtigkeiten in der Welt wenig ändern kann, weil selbst absolute Superhirne nur in ihrem Kosmos einen kleinen Einfluss auf das große Ganze haben, ist ein gewaltiger.

Der Horror, der im Sekundentakt in mein System geflutet wird, wo ist der eigentlich, wenn ich in - sagen wir - Italien bin, wo ich - sagen wir - nur einmal am Tag online bin, um die Mails zu betrachten. Möglich wäre, dass die Welt schon immer genauso war wie jetzt. Ungerecht, grausam, widerwärtig, nur dass wir es damals nicht erfahren haben, nur dass es immer schwerer wird, heute das Positive zu finden, das Gegengewicht. Das nicht darin besteht, dass man sich andere User sucht, die die eigene Beschränktheit teilen, sondern vielleicht mit einer Informationsdiät, die man als Kopf-in-den-Sand-stecken bezeichnen kann. Aber mal ehrlich, ob unsere Köpfe im Sand verborgen sind oder nicht, ist in schwindelerregendem Ausmaß unwichtig. Außer für die eigene Entspannung.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
eunegin 29.10.2016
1. tödliche Kombination - system error
Mein Vorgesetzter (Mikromanager und anerkannter Egozentriker, Soziopath), knapp 300 Emails/Tag, ständige Erreichbarkeit per Dienst-Smartphone und Berieselung durch 24/7-Online-Nachrichten haben mich schon mehrfach zum Kentern gebracht. System Error. Aus. Krank. Der Vorgesetzte macht weiter mit seinem Terror - noch ins Krankenbett. Ob da der Mittelalterterror nicht eine Alternative wäre? Ins Grab bringt einen früher oder später beides. Aus meiner aktuellen Situation gibt es dank IT und Chef kein Entrinnen. Nicht, wenn man Familie hat und nicht einfach alles hinwerfen kann.
derfreiebuerger 29.10.2016
2. Das Stichwort heißt Datenstrom
Wir sind alle Mitglieder des uns überall umgebenden Datenstroms und daher spielt es keine Rolle, ob wir mal eben nur kurz oder den ganzen Tag online sind. Wir agieren on diesem Datenstrom und werden darin auch zurechtgebogen / zurechtgeföhnt.
headoffrog 29.10.2016
3. Sie schreiben es selbst
Zitat: "Der Horror, der im Sekundentakt in mein System geflutet wird, wo ist der eigentlich, wenn ich in - sagen wir - Italien bin, wo ich - sagen wir - nur einmal am Tag online bin, um die Mails zu betrachten. Möglich wäre, dass die Welt schon immer genauso war wie jetzt. Ungerecht, grausam, widerwärtig, nur dass wir es damals nicht erfahren haben, nur dass es immer schwerer wird, heute das Positive zu finden, das Gegengewicht. Das nicht darin besteht, dass man sich andere User sucht, die die eigene Beschränktheit teilen, sondern vielleicht mit einer Informationsdiät, die man als Kopf-in-den-Sand-stecken bezeichnen kann. Aber mal ehrlich, ob unsere Köpfe im Sand verborgen sind oder nicht, ist in schwindelerregendem Ausmaß unwichtig. Außer für die eigene Entspannung." Zuerst erlaube ich mir eine Anmerkung: Nachdem neulich mich eine Ihrer Kolummnen dazu führt hat, mich zu registrieren, siehe Erstbeitrag, bleiben Sie seitdem bei dem Wandel? Was Sie dazu bewog, interessiert mich. Abgesehen davon: Im Gegensatz zum Kriegsgebiet und der Gehirnwäsche aller Beteiligten haben Sie und jeder die freie Wahl. Früher war ich einer der wenigen, die das "Netz" via Handy nutzte, während ich heute ein Handy verwende, das nicht mal internetfähig ist. Dieses meine ich im übertragenem Sinne zum Text. "Köpfe im Sand" passt diesbezüglich nicht, sonders das Gegenteil davon ;) !
scoopx 29.10.2016
4. Nachrichtenmangel
Frau Berg, das genaue Gegenteil ist der Fall: Nachrichtenmangel. Aber das ungeduldige, katastrophengierige Internet scharrt mit den Füßen. "Algorithmen werten das Pfund ab, Bots berichten darüber" - oder umgekehrt. Schauen wir uns zum Vergleich mal die Welt vor 30 Jahren an, also 1986: Da war Tschernobyl, das Waldsterben und Aids breiteten sich unaufhaltsam aus, und BSE und das Ozonloch warteten schon in den Startlöchern. Die dritte Generation der RAF jagte deutsche Industriemanager in die Luft. Die "mikroelektronische Revolution" (also dasselbe Dings was man heute "Digitalisierung" nennt), kostete Zigtausende von Arbeitsplätzen. Wirtschaftsmedien rangen die Hände über die angebliche Rückständigkeit Deutschlands in Bezug auf Computer und "Chip-Industrie", forderten "mehr Wettbewerb" und die Privatisierung der Telekommunikation, die damals noch "Telefonie" hieß. Der hach so fortschrittliche "Bildschirmtext" traf nämlich auf "bürokratische Hemmnisse" der Bundespost, während die Amerikaner und sogar die Franzosen.. jaja. Damals gab es Gott sei Dank noch kein Internet. Andernfalls hätten wir Youtube-Videos gehabt von durch die Fußgängerzonen wankenden aids-infizierten Heroinsüchtigen (oder solchen, die nur so taten), die Leute mit blutgefüllten Spritzen bedrohten. Ich sage Ihnen, Frau Berg, der ganze Islamismus ist nichts dagegen. Wir hätten jede Menge von Algorithmen berechneten "Szenarien", die aus dem grünen Deutschland binnen weniger Jahre wegen des Waldsterbens eine Wüstenei machten. Dagegen ist der Klimawandel eine leere Abstraktion. Und heute? Aids ist nicht die gefürchtete Pandemie geworden, von Tschernobyl und dem Waldsterben spricht keiner mehr. Und wo sind eigentlich die vorhergesagten BSE-Infizierungen bei Menschen geblieben? Sind wir froh daß wir damals kein Internet hatten. Und auf der Welt ist dieses Jahr kaum halb so viel los.
candidesgarten 29.10.2016
5. Fanatismus
Fanatismus kam nicht mit dem Internet in die Welt. Nur mal als Hinweis.
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