Radio Multikulti Berlin Viele Akzente, ein Programm

Das mehrsprachige Radio Multikulti in Berlin will Einwanderer integrieren und Deutsche aufklären. Doch in den Zeiten von Parallelgesellschaften und Satellitenschüsseln reicht Gastarbeiterfunk nicht mehr aus: Mit Kosmo-Pop, Unterhaltung und Service will der seltene Spartenkanal nun Quote machen.

Von Antonia Götsch


Multkulti-Redakteur Stjepan Adrian Kostré, Leiter des "Forums Südosteuropa": Vorurteile abbauen
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Multkulti-Redakteur Stjepan Adrian Kostré, Leiter des "Forums Südosteuropa": Vorurteile abbauen

Berlin - Neben der hölzernen Kamelkarawane auf dem Schreibtisch stapeln sich CDs mit arabischer Musik, handschriftliche Notizen und Zeitungsausschnitte. Haroun Sweis ist Musik- und Wortredakteur in einer Person. Viermal die Woche sendet der Deutsch-Palästinenser eine halbe Stunde in arabischer Sprache. Heute sind Frauenrechte, das Buch "Café Bagdad" und die Arbeitslosigkeit in Deutschland Thema.

Radio Multikulti sendet zum Frühstück auf deutsch und zum Abendessen auf spanisch, kroatisch oder polnisch. Serben arbeiten hier friedlich mit Bosniern zusammen und Türken mit Kurden - was vor den Toren vom "Haus des Rundfunks" nicht immer klappt, funktioniert auf den langen Fluren des polyglotten Radiosenders ganz gut. Doch seit Politiker aller Parteien die multikulturelle Gesellschaft für gescheitert erklärt haben, wirkt der bunte Kanal fast wie ein Anachronismus.

Chefredakteurin Ilona Marenbach hält dagegen: "Nur die naive Vorstellung von Multikulti ist gescheitert", sagt sie und beugt sich kämpferisch über ihren Schreibtisch. Wer tatsächlich mit den Migranten rede, wisse, dass es Diskussionsbedarf gäbe. Ehrenmorde seien auf Multikulti nicht erst seit diesem Jahr ein Thema. "Gerade in Zeiten von Terrorangst und Misstrauen gegenüber dem Islam ist unser Programm eine wichtige Plattform, auf der ganz offen diskutiert werden kann. Und zwar mit den Einwanderern."

Quotenkampf mit Popmusik

Da das Programm durch seine jahrelange Arbeit und die muttersprachlichen Sendungen auch das Vertrauen der ausländischen Communities genieße, könne viel offener gestritten werden. Zum Beispiel um das Thema Kopftuch oder um die Ausweisung eines radikalen Imans. "Uns unterstellen die Migranten keine Ausländerfeindlichkeit", sagt Marenbach.

Programmchefin Marenbach: "Radio muss Spaß machen"
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Programmchefin Marenbach: "Radio muss Spaß machen"

Die kleine Welle im West-Berliner Haus des Rundfunks kämpft in Zeiten knapper Kassen nun um bessere Quoten. Etwa 23.000 Berliner schalten täglich ein. Mit mehr Programmtips, zusätzlicher Unterhaltung, Comedy und Pop-Musik aus aller Welt will Marenbach ihren Sender aus dem Sparten-Ghetto führen. "Es gibt noch viele potentielle Hörer. Der Karneval der Kulturen in Kreuzberg ist jedes Jahr ein Riesenfest. Wenn nur ein Viertel der eine Million Besucher hinterher auch Multikulti einschalten würde, wären wir das größte Programm der Stadt."

Die Berliner Journalistin, in den achtziger Jahren beim legendären Alternativ-Sender Radio 100 tätig, ist seit 18 Monaten im Amt und hat sanfte, aber umfassende Reformen angestoßen. "Radio muss Spaß machen", sagt Marenbach und gibt zu: "Wir waren in der Vergangenheit vielleicht etwas zu pädagogisch. Wir können nicht von früh bis spät nur über Probleme und das Elend der Welt berichten." Statt chinesischer Mundorgeln spielen die Musikredakteure nun Hits der Kolumbianerin Shakira - allerdings in ihrer Muttersprache, da klingt sie übrigens besser.

Wundertüte contra al-Dschasira

Radio Multikulti konkurriert nicht nur mit anderen Berliner Sendern, sondern inzwischen auch mit Satellitenprogrammen und dem Internet. Viele Ausländer in Deutschland versorgen sich mit TV- und Radioprogrammen, die direkt aus der Heimat kommen - technisch heute kein Problem.

Die Programmmacher in Berlin müssen deshalb ihre Programmlücke immer wieder finden. Sweis Sendung "Al-Saut Al-Arabi" ähnelt einer bunten Wundertüte - der 50-jährige Redakteur will gut integrierte Einwanderer genauso ansprechen wie Neuankömmlinge, die noch kein gutes Deutsch sprechen. Und so präsentiert er Literatur neben Tipps zum ersten Behördengang. Dazu gibt es Nachrichten aus Deutschland und der Region Berlin-Brandenburg - auch das unterscheidet seine Sendung zum Beispiel vom Programmangebot beim arabischen TV-Sender al-Dschasira. "Muttersprachliche Informationen über das Land in dem sie leben, bekommen die ausländischen Hörer nur bei uns", sagt Sweis.

Osteuropa-Redaktion: Informationen aus Deutschland in 19 Sprachen
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Osteuropa-Redaktion: Informationen aus Deutschland in 19 Sprachen

Fremdsprachige Informationen aus und über Deutschland sind noch immer eine Ausnahme in deutschen Medien. Nur das Funkhaus Europa in Köln bietet ein vergleichbares Programm. Von 17 bis 22 Uhr strahlt Multikulti ausländische Sendungen in 18 Sprachen aus, darunter russisch, vietnamesisch, romanesisch und albanisch.

Aufgereiht wie eine Perlenschnur arbeiten die Multikulti-Journalisten hier in friedlicher Koexistenz: die polnische, die kroatische, die albanische und die türkische Redaktion - hinter jeder Tür ein anderes Land. Die Büros sind weiß gestrichen und ein bisschen langweilig, genau wie die anderen Räume im Haus des Rundfunks. Nur die Studiodeko - zwei große Holzgiraffen, ein Globus und afrikanische Holzmasken - deutet an, dass hier weit gereiste Mitarbeiter am Werk sind. Das polyglotte Programm wird für und von Menschen aus aller Welt gemacht. Der fremdländische Akzent ist auch im deutschen Programm, dass von 6 bis 17 Uhr läuft, erwünscht. Die argentinische Frühstücksmoderatorin Pia Castro begrüßt ihre Hörer selbstverständlich mit einem "holà".

Radio hören gegen Fremdenhass

1994 startete Multikulti als Modellversuch, finanziert vom RBB-Vorgänger Sender Freies Berlin (SFB), der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg und vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Die 400.000 Migranten in Berlin sollten eine Grundversorgung erhalten, die über die alten Gastarbeiterprogramme in jugoslawischer und türkischer Sprache hinausging. Aber auch Deutsche sollten hinhören, über die Fremden lernen und Vorurteile abbauen. Das polyglotte Integrationsradio war auch eine Antwort auf die rassistischen Anschläge in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und Mölln.

Elf Jahre danach gibt es das Berliner Experiment immer noch - obwohl ein Unternehmensberater allein angesichts des unscharfen Profils die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde. Die Zielgruppe ist genau so zersplittert wie das Konzept: Am Abend laufen die ausländischen Sendungen im halbstündigen Wechsel, ab 22 Uhr folgen Weltmusikformate, zum Beispiel von der britischen BBC und Radio Delta, Bukarest. Tagsüber sendet Multikulti auf deutsch: Zu Klängen aus aller Welt gibt es Informationen über eine chilenische Ausstellung, Salsakurse und das russische Butterfest. Ein klassisches Programm für Kosmopoliten, Seefahrer und andere Abenteurer - aber für Ausländer?

Türkische Redaktion und Redaktion "Forum Südosteuropa" im Haus des Rundfunks: Hinter jeder Tür ein anderes Land
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Türkische Redaktion und Redaktion "Forum Südosteuropa" im Haus des Rundfunks: Hinter jeder Tür ein anderes Land

"Wir haben vier unterschiedliche Zielgruppen", erklärt Wellenchefin Ilona Marenbach, "multikulturell interessierte Deutsche, Weltmusikfreaks, gut integrierte Ausländer und Zuwanderer mit hohem Integrationsbedarf." Da ist es schwer eine Marke zu positionieren. Der Bekanntheitsgrad des Kanals liegt in Berlin bisher bei 20 Prozent.

Sieben Wellen sind zwei zuviel

Die finanzielle Lage des 2003 fusionierten RBB ist zudem mehr als angespannt. Bis 2009 will der Sender 35 Millionen Euro einsparen. Sieben Radiowellen sind im Vergleich mit anderen ARD-Anstalten zwei zuviel. Mit einem halben Prozent Marktanteil ist Multikulti mit Abstand der kleinste Kanal.

Allerdings erfasst die Media-Analyse nur deutsche Haushalte. Niemand weiß, wie viele Personen aus der Kernzielgruppe tatsächlich einschalten. Marenbach kann nur mit den "vielen Briefen und Anrufen ausländischer Hörer" werben. Ein Argumentationsproblem, dass man im RBB nicht sehen will.

Noch stellt sich die Sendeleitung entschlossen hinter ihr international renommiertes Vorzeigeprogramm. "Multikulti erfüllt einen öffentlich-rechtlichen Bildungs- und Informationsanspruch", erklärt die RBB-Hörfunkdirektorin Hannelore Steer. Versprechen über 2006 hinaus will sie allerdings nicht geben.



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