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24. Februar 2005, 17:03 Uhr

RAF-Bilder

Gesichter des Terrors

Astrid Proll, Aktivistin der ersten Generation der Roten Armee Fraktion, hat einen eindrucksvollen Fotoband über die Entstehung des westdeutschen Terrorismus herausgebracht. SPIEGEL ONLINE zeigt Bilder aus dem kontrovers diskutierten Buch, das abseits von Moralisierungszwängen eine andere Art der Aufarbeitung versucht.

Terroristen Baader, Ensslin (1968): Ein junges Liebespaar wie jedes andere auch?
AP

Terroristen Baader, Ensslin (1968): Ein junges Liebespaar wie jedes andere auch?

An das Credo "Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte", das Kurt Tucholsky 1926 formulierte, hat die RAF nie geglaubt. Für die Gruppe, die 1970 als Rote Armee Fraktion den bewaffneten Kampf aufnahm, zählte nur das Wort. Sie veröffentlichte hochabstrakte, kryptische Pamphlete und Kommandoerklärungen. Ansonsten folgte die selbsternannte Avantgarde der westdeutschen revolutionären Linken der Taktik des russischen Anarchisten Bakunin, der die "Propaganda der Tat" gefordert hatte - oder, wie es Ulrike Meinhof zeitgemäßer formuliert hatte: "Eine Bombe in das Bewusstsein der Massen schmeißen."

Gleichzeitig durften die im Untergrund agierenden RAF-Kader, um der Verhaftung zu entkommen, keine Fotos hinterlassen und versuchten daher, sich möglichst unsichtbar machen. "Wir fürchteten Fotos", schreibt Astrid Proll in dem autobiografischen Einleitungsessay ihres Buches "Hans und Grete - Bilder der RAF 1967 - 1977". Hans und Grete, das waren die intern benutzten Decknamen des RAF-Anführerpärchens Andreas Baader und Gudrun Ensslin.

Das öffentliche Bild der RAF und ihres "antiimperialistischen Kampfes" wurde deshalb zwangsläufig von Polizei- und Pressefotografen geprägt, die die RAF-Mitglieder als widerstrebende Gefangene mit der klassischen Bildsprache des Verbrecherfotos verewigten.

Gegen dieses naturgemäß einseitige Bild versucht Astrid Proll bei der Auswahl und Montage der Fotos in dem Buch anzugehen, dessen zweite erweiterte Ausgabe jetzt erschienen ist. Es beginnt deshalb unter dem Rubrum "Menschen" mit Fotos, die Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Gefängnis Stuttgart-Stammheim mit einer eingeschmuggelten Minox von sich selbst machten; Bilder, für die sie ihr antrainiertes Schutzvisier für einen Moment fallen ließen, auf denen zum Beispiel Gudrun Ensslin entspannt und einnehmend in die Kamera lächelt.

Ausführlich ist auch die Vorgeschichte der RAF dokumentiert, die mit dem Tod des von einem Berliner Polizisten erschossenen Demonstranten Benno Ohnesorg im Juni 1967 in West-Berlin beginnt, mit den Happenings der Kommune 1, den Demonstrationen und Straßenschlachten, dem Attentat auf Rudi Dutschke oder der Kampagne von Baader, Ensslin und anderen für Zöglinge aus Erziehungsheimen.

Astrid Proll hat in verschiedenen Interviews zu ihrem Buch darauf bestanden, dass es ein Fehler sei, die Geschichte der gesamten RAF nur von ihrem Ende als abgehobene Killertruppe her zu betrachten und die Entwicklung zu einer solchen zu einem zwangsläufigen historischen Prozess zu erklären. Als sie mit Baader, Ensslin und ihrem Bruder Thorwald 1969 in Paris untergetaucht war, sagt sie, sei die Situation völlig offen gewesen; Baader und Ensslin, ein junges Liebespaar wie andere auch. Der Weg, an dessen Ende der als Mord getarnte Selbstmord in Stammheim stand, sei in keiner Weise der einzig denkbare gewesen.

Proll-Fotobuch "Hans und Grete": Gegen den Moralisierungszwang

Proll-Fotobuch "Hans und Grete": Gegen den Moralisierungszwang

Die "taz" geißelte den Essay von Proll denn auch als Renaissance des "Stadtguerillakitsches"; die Journalistin Bettina Röhl warf ihr vor, als "Grande Dame der RAF und Mama der Terroristen" zu posieren.

Was in Prolls Essay in der Tat fehlt, ist die sonst von vielen Ex-RAF-Leuten gewohnte rituelle Distanzierung von ihrer Vergangenheit. Das heißt nicht, dass sie die Praxis des Terrors rechtfertigt, wie es ein paar alte Hardliner noch immer tun. Proll beschreibt vielmehr in Wort und Bild den fast tragischen Weg aus Hippie-Kommunen und Drogenreisen in einen bewaffneten Existenzialismus und eine tödliche Konfrontation mit dem Staat.

Was bei der Kritik an Prolls Fotobuch und gleichzeitig an der unlängst in den Berliner Kunst-Werken eröffneten Kunstausstellung über die RAF auffällt: Die Rezensenten stehen offensichtlich fast alle unter einem Moralisierungszwang, der sonst nur von Hitler und den Nazis ausgeht. Beständig ist von "mörderischen Aktionen", "Terrortruppe", "Tätern" oder "Verbrechern" die Rede.

Diese monotone Distanzierung und Reproduktion der staatlichen und medialen Propaganda der siebziger Jahre verhindert leider eine - notwendigerweise kühle und sachliche - historische Aufarbeitung des Phänomens RAF. Und gegen dieses Moralisieren hat Astrid Proll - vielleicht eher unbewusst als bewusst - angearbeitet.

Gleichzeitig hat die heutige Bildredakteurin ihre visuelle Version der RAF in Schwarz-Weiß und gelegentlich einem hinzugefügten Rot gestaltet. Das verdüstert die Anmutung, schafft Distanz und Abstraktion - und bestätigt wiederum das Diktum Tucholskys, dass Fotos mehr sagen können als Worte, zumindest einen neuen Zugang zu einem alten Thema eröffnen können.

Dany Schlesinger




TV-Termin: Astrid Proll ist heute - gemeinsam mit SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust - zu Gast in der Talkshow "Kerner" (ZDF, 23.25 Uhr)


Astrid Proll: "Hans und Grete - Bilder der RAF 1967 - 1977"; Aufbau Verlag, Berlin; 160 Seiten, ca. 19,90 Euro

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