RAF-Debatte Die Chance der späten Gnade

Es geht nicht um Versöhnung: In der Begnadigung der letzten RAF-Terroristen liegt die Chance, mit einem Kapitel bundesdeutscher Geschichte abzuschließen, meint Historiker Gerd Koenen. Angesichts des heutigen Terrors wirke die damalige Bedrohung geradezu provinziell.


Wenn die bisher überaus argwöhnische Bundesanwaltschaft nun beantragt, Brigitte Mohnhaupt – die noch von Baader und Ensslin in Stammheim selbst designierte und instruierte zweite Chefin der RAF und Kommandeuse der "Offensive 77" – nach 24 Jahren Haft auf Bewährung freizulassen, dann ist das ein Signal, das auch die Politik hören sollte. Dieses Signal besagt, dass die Chance besteht, ein düsteres Kapitel in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nach dreißig Jahren abzuschließen. Damit endet nicht die historische, aber doch die rechtliche "Aufarbeitung" dieser Geschichte.

Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer am 5. September 1977 durch die RAF: Nicht den Impulsen von Rache und Vergeltung nachgeben
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Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer am 5. September 1977 durch die RAF: Nicht den Impulsen von Rache und Vergeltung nachgeben

Dazu ist es wenig hilfreich, von ideologischen Tätern wie den einstigen Kadern der RAF – die man damals doch ausdrücklich als "gemeine Verbrecher" aburteilen wollte – mehr zu verlangen als von einem beliebigen Mörder, der im Affekt oder aus niedrigen Beweggründen gemordet hat; oder selbst mehr als von NS-Tätern. Eine wirkliche Reue oder tiefere Einsicht in die eigenen Motive ist bei jemandem, der ohne Not getötet hat, eine seltene Ausnahme, eben weil der Mord im Mörder selbst eine verödete Zone hinterlässt.

Aus genau diesem Grund ist es auch ein Gebot des moralischen Selbstschutzes einer Gesellschaft, nicht den Impulsen von Rache und Vergeltung nachzugeben und ihrerseits Leben auszulöschen. Welche verrohende statt zivilisierende Wirkung eine exzessive Praxis öffentlich inszenierter Hinrichtungen hat, lässt sich in Ländern wie den USA oder China sehr genau studieren. Eine wörtlich genommene Praxis "lebenslänglicher" Haft wäre aber nichts anderes als eine besonders grausame Form der Todesstrafe.

Nicht nur die RAF hat sich aufgelöst, auch das Milieu

Der einzige Grund, irgendjemanden über mehr als ein Vierteljahrhundert hinaus in Haft zu halten, kann allein die Gefahr eines Rückfalls sein. Diese Gefahr kann gerade bei ideologischen Tätern wie den ehemaligen RAF-Kadern heute ausgeschlossen werden – und das mit sehr viel größerer Zuverlässigkeit als im Fall des zitierten "gemeinen Mörders", der eher schon in einen blinden Wiederholungszwang geraten kann. Ideologische Täter sind eben keine Einzeltäter, sondern handeln ausschließlich in ihrer Gruppe und in ihrem politisch-weltanschaulichen Kontext. Beides ist für Mohnhaupt, Klar und die anderen entfallen. Nicht nur die RAF hat sich formell aufgelöst, sondern auch das sie umgebende Milieu. Irgendjemand hat 1998 als letzte(r) endlich die kalt flackernde Neonröhre über dieser gespensterhaften Toten Armee ausgemacht – Jahre nachdem Birgit Hogefeld und andere die Debatte über Sinn und Wahnsinn des Unternehmens RAF auch in die eigenen ausgedünnten Reihen getragen hatten.

Das war, eingestanden oder nicht, auch eine Reaktion auf die ersten Begnadigungsakte des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker; und vor allem auf die von Antje Vollmer initiierte "Kinkel-Iniative"von 1992, die zugleich ein Gesprächsangebot war. So entschieden dieses Angebot vom "harten Kern" um Mohnhaupt und Klar damals zurückgewiesen wurde, so offensichtlich trug es den Keim einer zivilen Verunsicherung in die Reihen der letzten RAF-Kader, draußen wie drinnen. In diesem Sinne ähnelte der Kollaps der Roten Armee Fraktion ganz dem des "sozialistischen Lagers" nach dem Fall der Mauer und folgte ihm logisch nach.

Grund zum Stolz liefert dieses Kapitel in der vielbeschworenen Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik sicherlich für niemanden. Dass die "erste Generation" der RAF, angefangen mit der Baader-Befreiung im Mai 1970, sich selbst aus der Gesellschaft hinausgeschossen hat, ist niemandem anzulasten als den Akteuren selbst. Die Hysterie freilich, die diese eher dilettantische Aktion im Karpfenteich der Bundesrepublik auslöste, die gerade mit Willy Brandt zu "mehr Demokratie" strebte, war schon eine andere Frage.

Die Bundesrepublik war nie in Gefahr

Viele haben in diesen Jahren auf der kleinen Flamme der RAF ihre ganz eigenen Süppchen gekocht, von der "Bild"-Zeitung bis zur Neuen Linken mit ihrer komplementären Rhetorik der Verhetzung. Die Faschismus-Vorwürfe flitzten nur so hin und her. Die regierenden Sozialliberalen markierten entschlossene Härte bis hart an den Rand rechtsstaatlicher Verfahren, während die der Droge Macht noch nicht entwöhnten Christdemokraten nichts ausließen, um ihre innenpolitischen Gegner mittels "Baader-Meinhof" zu demontieren.

Das spielte dieser kleinen Desperado-Schar im Untergrund und erst recht dann im Stammheimer Sicherheitstrakt eine Bedeutung zu, die sie in Wirklichkeit niemals hatten. Die Bundesrepublik war in keinem Moment in Gefahr – anders als zum Beispiel Italien, wo sich Staat und Gesellschaft ein langes, bleiernes Jahrzehnt hindurch tatsächlich am Rande von Bürgerkrieg und Staatsstreich bewegten, mit Hunderten von Toten und Tausenden von Verletzten.

Die Aktionen der RAF dagegen trugen von Anfang bis Ende Züge eines leeren, sich selbst nährenden Existenzialismus. Sie hatten keinerlei konkrete politische Ziele, sondern mussten die moralisch und politisch abstraktesten Begründungen herbeizitieren, um sich zu legitimieren. Und die Kette ihrer Selbstmorde in der Haft, die sie vorab als Morde deklarierten und inszenierten, lässt sich auch als eine manische Schuldabwehr deuten, die sich bis in die zweite und dritte Generation fortsetzte. Es war ein sich selbst nährender, nicht endenwollender Amoklauf, eine ans Unpolitische grenzende Simulation eines Krieges für eine imaginäre Weltrevolution.

Kein Entrinnen aus dem inneren Gefängnis

Auch nach ihrer Freilassung, soviel steht fest, werden diese ehemaligen RAF-Kader Gefangene ihrer heillosen Geschichte bleiben. Aus diesem inneren Gefängnis gibt es kaum ein Entrinnen – schon gar nicht in die Welt der Talkshows, wie einige Angehörige der Ermordeten befürchten. Arno Widmann hat in dem 2001 geführten Interview von Günther Gaus mit Christian Klar sehr präzise herausgefühlt, wie jede der hartleibig klingenden Abwehrformeln dieses zerstörten Menschen nur eine Panzerung mehr war, mit der er sich für den Augenblick wappnete, da keine Gefängniszelle ihn mehr beschützt; und wie er völlig verstummte, als es um die Perspektiven eines Lebens in Freiheit ging. Einer wie Bertolt Brecht wusste wohl, was er meinte, als er sagte: "Wenn alle Irrtümer verbraucht sind, sitzt uns als letzter Gesellschafter am Tisch das Nichts gegenüber."

Aber es geht gar nicht so sehr um Gnade oder Härte für die letzten Akteure des bundesdeutschen Linksterrorismus von einst, und auch nicht um "Versöhnung". Eher geht es darum, dass dieses Gemeinwesen die Chance wahrnimmt, selbst mit einer Geschichte abzuschließen, die heute angesichts eines globalen Terrorismus, der vollkommen neue Maßstäbe der Menschenvernichtung und Menschenverachtung setzt, fast provinziell wirkt – und die alles in allem doch wohl eher Züge eines Nachspiels als eines Vorspiels trug.



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