RAF-Tatorte heute Wir sitzen in Baaders Zelle? Cool!

30 Jahre nach dem Deutschen Herbst wirft Micha Bojanowski einen etwas anderen Blick auf die Geschichte des RAF-Terrors. Er sucht heute die Tatorte von damals auf und macht Bilder - und interessante Erfahrungen. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Fotografen.


SPIEGEL ONLINE: 30 Jahre nach dem Deutschen Herbst erinnert sich Deutschland an den Krieg der "sechs gegen 60 Millionen". Sie haben im vergangenen Herbst 30 Schauplätze der RAF-Geschichte aufgesucht und dort fotografiert. Wie ist die Idee für Ihre Foto-Reihe "Herbstbilder" entstanden?

Bojanowski: Geschichte ist oft so abstrakt. Ich habe versucht, sie mit meinen Fotos etwas greifbarer zu machen. Gerade die RAF-Geschichte ist immer wieder ein Thema. Dann sieht man jedes Mal wieder die gleichen Schwarzweißfotos von damals - bei jedem Jahrestag, bei jeder Entlassung, immer wieder dasselbe. Man hat die Bilder schon so oft gesehen, sie berühren einen nicht mehr. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, die Schauplätze so zu fotografieren, wie sie heute aussehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihre Bilder bewusst nicht den Nachrichtenbildern von damals gegenübergestellt. Warum?

Bojanowski: Gerade die unspektakuläre Darstellung regt viel mehr zum Nachdenken und Erinnern an. Ich zeige die Bilder von heute; nur in den Bildunterschriften erfährt der Betrachter, was an diesen Orten passiert ist. Die Bilder sind ja zunächst einmal sehr schlicht und ruhig. Auf der anderen Seite ist durch den Detailreichtum der Großformataufnahmen auch die Wirkung ganz anders als bei den alten Pressefotos. Ich hoffe, dass es dem Betrachter, wenn er die Bilder ansieht, so geht wie mir, als ich an den ersten Tatort gekommen bin. Dass die Phantasie angeregt wird, Fragen hochkommen, so dass man sich dem jeweiligen Ereignis unbeeinflusst nähern und mit dem gesamten Thema etwas unparteiischer umgehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wo haben Sie angefangen? Sind Sie chronologisch vorgegangen?

Bojanowski: Nein, ich hatte kein System. Als erstes bin ich in die Nähe von Frankfurt gefahren. In Bad Homburg habe ich den Ort des Anschlags auf Alfred Herrhausen aufgesucht. Und Oberursel, wo Jürgen Ponto erschossen wurde, ist auch ganz in der Nähe. Das hat mich sehr berührt. Schließlich war ich bei diesen Anschlägen alt genug, um mich noch bewusst daran erinnern zu können.

SPIEGEL ONLINE: Das erste Bild in der Reihe zeigt die Bibliothek des Deutschen Zentralinstituts für Soziale Fragen in Dahlem. Hier wurde Andreas Baader 1970 bei einem fingierten Interviewtermin mit Ulrike Meinhof befreit. Sie waren damals drei Jahre alt. Was ist Ihre erste Erinnerung an die RAF-Geschichte?

Bojanowski: Der Tod von Ulrike Meinhof. Bei uns gab es kein Fernsehen zu Hause, nur Radio. Und da hieß es: Ulrike Meinhof hat sich umgebracht. Ich habe meine Eltern gefragt, wer das ist, und sie haben mir daraufhin erzählt, die sei ein Teil der Baader-Meinhof-Bande gewesen. Daraufhin habe ich gefragt: Aber wieso heißt das denn noch Baader-Meinhof-Bande, wenn sie jetzt tot ist? Ein Jahr später habe ich das dann schon alles viel intensiver mitbekommen: die Schleyer-Entführung und die Ereignisse des eigentlichen Deutschen Herbsts. Ich weiß noch ganz genau: Nach der Befreiung der "Landshut" wollten bei uns in der Klasse alle Jungs zur GSG 9.

SPIEGEL ONLINE: Auf den Bildern sind nie Menschen zu sehen. Warum?

Bojanowski: Ich wollte kein Bild benachteiligen oder bevorzugen. Menschen auf den Bildern hätten im Zweifel den Blick vom Wesentlichen abgelenkt. Darum habe ich dieses Stilmittel gewählt.

SPIEGEL ONLINE: Kam es bei der Arbeit trotzdem zu interessanten Begegnungen?

Bojanowski: Auf jeden Fall. Zum Beispiel als ich das Haus des ermordeten MTU-Chefs Zimmermann fotografiert habe. Ich kam dorthin, und das Haus sah genauso aus wie auf allen Fotos. Da stand "Dr. Ernst Zimmermann". Immer noch dasselbe Klingelschild. Ich habe geklingelt, um zu fragen, ob ich hier fotografieren darf. Als sich nichts rührte, habe ich meine Kamera aufgebaut. Dann ging die Tür auf, und eine alte Dame kam heraus und fragte, was ich da mache. Es war Frau Zimmermann, die Frau, die damals den Terroristen die Tür geöffnet hat, die ihren Mann erschossen haben. Die lebt immer noch in ihrem Haus.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mit ihr über damals sprechen können?

Bojanowski: Nein, sie hatte nichts dagegen, dass ich fotografiert habe, aber als ich das Gespräch gesucht habe, meinte sie: Lassen Sie mich bloß in Ruhe damit. Ähnlich erging es mir in Berlin, wo ich die Witwe des Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann getroffen habe, der 1974 von der "Bewegung 2. Juni" ermordet wurde. Das war schon sehr beeindruckend. Gerade auch im Zusammenhang mit den Diskussionen über Begnadigungen. Die Witwen haben wirklich lebenslänglich. Darüber habe ich früher nie nachgedacht. Ihre Welt ist stehengeblieben, als das Unglück geschah. Frau Drenkmann hat mich zum Tee gebeten, und als ich Platz nehmen wollte, sagte sie: Nein, nicht dort, da saß immer mein Mann. Und das war 1974.

SPIEGEL ONLINE: Sind denn auch Passanten auf Sie zugegangen?

Bojanowski: Ja, das passierte öfter. Dabei kamen dann auch interessante Gespräche heraus.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Bojanowski: In Erftstadt, wo Schleyer während seiner Entführung gefangen gehalten wurde, kam ein Mann auf mich zu und erzählte mir, dass er damals als Kind genau in der Nachbarwohnung gewohnt habe. Seine Mutter sei sogar irgendwelchen Terroristinnen im Fahrstuhl begegnet. Und dann fügte er noch hinzu, dass er ein totaler Ulrike-Meinhof-Fan sei.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch die Zelle in Stammheim fotografiert, in der sich Meinhof und später Baader umgebracht haben. War es schwer, in das Gefängnis zu kommen?

Bojanowski: Nein, gar nicht. Nachdem ich erklärt hatte, worum es mir geht, lief die Zusammenarbeit mit Justizministerium und Anstaltsleitung hervorragend.

SPIEGEL ONLINE: Waren die heutigen Insassen schon daran gewöhnt, dass man ihrer Zelle besondere Aufmerksamkeit schenkt?

Bojanowski: Nein. Das waren 15- bis 16-Jährige, die gar nicht wussten, was ich da will. Die haben sich erst mal nur gefreut, dass sie auf den Gang konnten, um eine zu rauchen. Als sie mich dann gefragt haben, warum ich ausgerechnet ihre Zelle fotografiere, habe ich versucht, ihnen zu erklären, dass es in den siebziger Jahren so eine Gang gab, deren Bosse sich in ihrer Zelle umgebracht haben. So in der Art.

SPIEGEL ONLINE: Die hatten noch nie was von der RAF gehört?

Bojanowski: Offensichtlich nicht. Als ich den Namen RAF erwähnt habe, habe ich nur Fragezeichen gesehen. Aus diesem Grund habe ich versucht, es ihnen so zu erklären. Das fanden sie dann "cool".

Die Fragen stellte Dominik Baur



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