RAF-Vorgeschichte Sex als Exorzismus, Liebe als Gewalt

Vom Fremdgehen zur RAF? Am Beispiel des Paars Ensslin und Vesper zeigt der Film "Wer wenn nicht wir", wie sehr 1968 von nackter Verzweiflung geprägt war - und wie wenig von lustvollem Aufbruch. Der Historiker Gerd Koenen findet: Das ist der erste ernstzunehmende Film über das Schicksalsjahr.

Senator Film/ zero one film

Auf dem Cover meines Buchs "Vesper, Ensslin, Baader - Urszenen des deutschen Terrorismus" sehen wir Gudrun Ensslin und Bernward Vesper irgendwann 1966/67, in schwarze Existenzialistenpullover gehüllt, sie gestylt mit weißem Lippenstift und Zigarette zwischen gespreizten Fingern, er mit dunkler Sonnenbrille und Kamera. Sie posieren für sich selbst im Spiegel. Das war für mich das emblematische Leitfoto meiner biografischen Recherche.

Man bemerkt auf dem Foto eine gewisse Düsternis, eine ostentative Schwermut. Aber worüber eigentlich? Das Bild gibt darüber so wenig eindeutige Auskünfte wie die persönlichen Nachlässe der beiden: die manischen Schreibversuche Vespers, die frühen Tagebuchaufzeichnungen und Briefe Gudrun Ensslins, auf die ich bei meinen Recherchen gestoßen bin. Vor allem Gudrun Ensslin, die man mit guten Gründen als die Zentralfigur der späteren RAF betrachten kann, trägt bis zum Ende die Züge einer Sphinx, in der ganzen Bedeutung dieser unheimlichen Gestalt der antiken Tragödie.

Wenn man dieser Geschichte, die unter der Chiffre RAF abgelagert ist, einen tragischen Charakter zuspricht, bedeutet das keine Nobilitierung. Tragische Helden sind als solche nicht nobel. Sie handeln, so die ursprüngliche Bedeutung von "Tragik", unter dem Zwang eines Fatums, das sie zwar spüren, aber selbst nicht entziffern können. In allem Unheil, das sie anrichten, sind sie vor allem Getriebene.

Dabei handelt Andres Veiels Film "Wer wenn nicht wir" (so wenig wie mein Buch, auf dem es basiert) gar nicht vom Kamikazeunternehmen der RAF, das im "deutschen Herbst" 1977 im kollektiven Schauspiel des Vatermords an Schleyer und den desperaten Selbstmorden im Führerbunker von Stammheim kulminierte. Deshalb ist dies auch nicht der sechste Film über die RAF. Sondern eher ist es der erste ernstzunehmende Film über das magische, stets zitierte Jahr 1968 - über das es merkwürdigerweise bisher keinen einzigen brauchbaren deutschen Film gegeben hat.

Theatralischer Aktionismus

Wer also im Film wie in meinem Buch vor allem die zwingenden und eindeutigen Motive dafür sucht, warum die zentralen RAF-Protagonisten taten, was sie taten, hat von vornherein den Fokus sehr eng gestellt. Alles, was wir bei den Protagonisten des Films an Radikalisierungsprozessen erleben, ist noch vollkommen typisch für diese politische Generationskohorte. So düster orakelnd über "Vietnam, das nach Europa kommt", über den drohenden Faschismus und den (selbstverständlich dann gewaltsamen) Widerstand redeten die, die sich im politischen Kernschatten dieser radikalen Jugendbewegung befanden, doch damals alle. Und keiner beredter als Rudi Dutschke, von dem der Film seinen Titel entlehnt hat: "Wer wenn nicht wir."

Insofern war die Kaufhausbrandstiftung im April 1968 auch noch kein terroristischer Akt, sondern entsprang eher dem theatralischen Aktionismus, der die aufgeheizte Westberliner Straßenszenerie beherrschte. Erst die mediale Prominenz, die die beiden Hauptbrandstifter Baader und Ensslin durch ihren Prozess erhielten, und dann das harsche Urteil trieben sie immer weiter voran auf ihrem Weg. Aber dieser Weg war noch immer offen, ich möchte behaupten, bis kurz vor Toresschluss.

Noch als die beiden im November 1969 abtauchten, schleppten sie ein riesiges Archiv an Materialien mit - aus dem sie was machen wollten? Ein Buch! Natürlich sollte es ein Enthüllungs- und Aktionsbuch werden. Aber dafür hatten sie immerhin einen Buchvertrag samt Vorschuss in der Tasche, mit demselben März-Verlag, mit dem auch Vesper einen Vertrag hat. Von Sizilien aus wollten die beiden Flüchtigen vielleicht erst einmal nach Nordafrika... Das ist nur eine der vielen spannenden Facetten der wirklichen Geschichte, die in diesem Film der Stringenz einer Zentralhandlung geopfert werden mussten.



insgesamt 11 Beiträge
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aronsperber 14.03.2011
1. immer nur die RAF
in der deutschen Terrorgeschichte gab es nicht nur die RAF. die "Revolutionären Zellen" waren immerhin an der Opec-Entführung und Entebbe beteiligt. außerdem betand der Hauptteil von Carlos internationaler Terrorbande aus ehemaligen RZ-Mitgliedern: http://aron2201sperber.wordpress.com/2010/11/02/carlos-komplizen/
albert schulz 14.03.2011
2. Kapitän Ahab, weiter so, es wird
Irgendwie schön, daß nicht mehr die Redakteure kulturbeflissene Schleichwerbung machen müssen, sondern daß Autoren das für sich selbst und ihre unmaßgeblichen Elaborate tun dürfen, auch wenn es so viel besser nicht ist, die wunderhübschen Worte und stilistischen Schmankerln mal ausgenommen, die Geist auf einer weiten Metaebene beweisen, die allerdings kaum zugänglich ist. Jeder Satz ein zauberhafter Reigen transzendentaler Erkenntnisse, überirdisch en gros und en detail, vom Überblick durchschwängert, den man bitte nicht mit dem Bedeutungsinhalt verwechseln sollte, den ihm Thomas Mann weiland gab. Man stellt fest, daß man nach mehrmaligem Lesen kein Fitzelchen schlauer geworden ist, aber irgendwie erregt ist von der Faszination dieser ins Unendliche mündenden Erläuterungen, deren Stichhaltigkeit und zwingende Ursachenklärung so unerkennbar wie geheimnisvoll sind. Man erinnert sich sehnsuchtsvoll an das weithin sinnfreie Geschwafel beim SDS der ausgehenden Sechziger, das gegen diese Phantasmorgien sprachlichen Elitarismus wie ein realistischer Einkaufszettel wirkt. Der Erklärer wurde uns geboren, nach dem wir uns alleweil sehnten. Ernstzunehmen ist der unübersehbare Hinweis, keinesfalls den Film anzusehen. Das Buch könnte man ja in einer Buchhandlung anlesen. Von wegen daß Einen dann die Begeisterung übermannt.
Gajana 14.03.2011
3. der x-te Täter Film
da wird von Tragik geredet. Die Tragik der Täter. Mal wieder. Diese Tragik aber ist im Vergleich zu der Tragik der Opfer und der Angehörigen kleiner. Nur scheint Opfertragik eben nicht so schön verfilmbar und intellektuell verlaberbar zu sein. Das Thema RAF ist eine Medienshow. Politisch war die RAF nie wirklich bedeutend. Sie war eben nur medientechnisch gut zu verkaufen. Sex and Crime.
juerv1, 14.03.2011
4. .
Der Autor der Buchvorlage rezensiert die Verfilmung? Und weist vorsichtshalber gleich im ersten Satz seines Artikels auf sein Buch hin? Da fragt man sich, warum es keinen direkten Link zum entsprechenden Amazaon-Bestellbutton gibt. Koenens peinliche Selbstbeweihräucherung (mein Buch, mein Auto, meine Yacht) sollte bitte als Werbung und nicht als Artikel gekennzeichnet werden. Dass Koenen "Wer wenn nicht wir" für den "ersten ernstzunehmen Film" zum Thema 68 hält, ist klar, denn in den letzten 43 Jahren haben sich ja nur ausgemachte Dilettanten wie zum Beispiel Rainer Werner Fassbinder mit dem Thema beschäftigt. Glücklicherweise wurden uns nun Koenen und Veiel gesandt, um uns - ENDLICH! - zu sagen, wie es wirklich gewesen ist. Nur leider gibt es da noch den Punkt, "den viele Kritiker des Films gründlich missverstanden haben" - was unverständlich ist, weil uns Onkel Koenen als staatlich geprüfter Inhaber der Deutungshoheit doch alles so schön erklärt und er uns - ENDLICH! - die "Urszenen", ja, den "heißen Kern" von 68 zeigt. Es sind, logisch, die Urszenen, um "die mein Buch kreist" (mein Buch, mein Auto, meine Yacht). Koenen scheint sich dem "heißen Kern" soweit genähert zu haben, dass bei ihm eine Art intellektuelle Kernschmelze eingetreten ist, bei der sogar der Fukushima-Reaktor nicht mehr mithalten kann. In blumigen Formulierungen erfahren wir irgendwas über den "abstrakten Furor" und die "katastrophische Vergangenheit" und wissen am Ende eigentlich nicht mehr als am Anfang der Lektüre, weil alles seltsam verschwurbelt daherkommt, was der Autor uns zu sagen hat. Der Artikel darf natürlich nicht ohne ein Selbstzitat enden, soviel Zeit muss sein. Dass Koenens Text weniger von der RAF statt von ihm, dem großen RAF-Erklärer Koenen handelt, war allerdings schon vorher klar.
albert schulz 14.03.2011
5. So könnte es gewesen sein
Zitat von juerv1Der Autor der Buchvorlage rezensiert die Verfilmung? Und weist vorsichtshalber gleich im ersten Satz seines Artikels auf sein Buch hin? Da fragt man sich, warum es keinen direkten Link zum entsprechenden Amazaon-Bestellbutton gibt. Koenens peinliche Selbstbeweihräucherung (mein Buch, mein Auto, meine Yacht) sollte bitte als Werbung und nicht als Artikel gekennzeichnet werden. Dass Koenen "Wer wenn nicht wir" für den "ersten ernstzunehmen Film" zum Thema 68 hält, ist klar, denn in den letzten 43 Jahren haben sich ja nur ausgemachte Dilettanten wie zum Beispiel Rainer Werner Fassbinder mit dem Thema beschäftigt. Glücklicherweise wurden uns nun Koenen und Veiel gesandt, um uns - ENDLICH! - zu sagen, wie es wirklich gewesen ist. Nur leider gibt es da noch den Punkt, "den viele Kritiker des Films gründlich missverstanden haben" - was unverständlich ist, weil uns Onkel Koenen als staatlich geprüfter Inhaber der Deutungshoheit doch alles so schön erklärt und er uns - ENDLICH! - die "Urszenen", ja, den "heißen Kern" von 68 zeigt. Es sind, logisch, die Urszenen, um "die mein Buch kreist" (mein Buch, mein Auto, meine Yacht). Koenen scheint sich dem "heißen Kern" soweit genähert zu haben, dass bei ihm eine Art intellektuelle Kernschmelze eingetreten ist, bei der sogar der Fukushima-Reaktor nicht mehr mithalten kann. In blumigen Formulierungen erfahren wir irgendwas über den "abstrakten Furor" und die "katastrophische Vergangenheit" und wissen am Ende eigentlich nicht mehr als am Anfang der Lektüre, weil alles seltsam verschwurbelt daherkommt, was der Autor uns zu sagen hat. Der Artikel darf natürlich nicht ohne ein Selbstzitat enden, soviel Zeit muss sein. Dass Koenens Text weniger von der RAF statt von ihm, dem großen RAF-Erklärer Koenen handelt, war allerdings schon vorher klar.
Der Spiegel hat irgendwann erkannt, daß er für die Inhaltsschwere von Film und Buch keine geschliffene Wortakrobatik mit fein ziselierte Wendungen aus eigener Kraft mehr bereit stellen kann, weil er sich bereits völlig verausgabt hat mit Lobeshymnen. Wir erleben also den Super – Gau eines deutschen Spitzen – Feuilletons, dem das so typische Onanieren mit einzigartigen Worten und triefsinnigen Gedankenfetzen nicht mehr gelingen will. Also sowohl sprachlich überfordert als auch kulturell brutal unterfordert. Es wird dem Wortversprenger mitgeteilt haben, er möge seinen Scheiß alleine machen, sie würden ihm und seinen zahllosen Fans eine Plattform bieten, kostenfrei. Den leisen Verdacht werde ich allerdings nicht los, als handle es sich um einen Intellektuellenporno, also die Möglichkeit für einen ansonsten rechtschaffenen und prüden Beamten im gehobenen Management, aus rein geistigen Motiven das Ficken beichtfrei ergründen zu können.
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