Rappende Musliminnen Anleitung zum Frechwerden

Mit seinem Film "Knallhart" hat Detlev Buck die Integrationsprobleme des Berliner Bezirks Neukölln bundesweit bekannt gemacht. Doch es gibt auch positive Entwicklungen in den multikulturellen Krisenzonen: Zwei Mädchentreffs üben die Koexistenz von MTV und Kopftuch.

Von


Berlin - "Wir wollen sein wie Stars - und wir sind dran!", rappen acht kleine Mädchen auf der provisorischen Bühne. Dabei springen sie rum und fuchteln mit den Armen - ganz so wie ihre MTV-Vorbilder Missy Elliot und Kelis. Drei Tage lang nehmen sie an einem HipHop-Workshop im Mädchentreff "Dünja" in Moabit teil.



Die Elfjährigen mussten den Text ihres Rapsongs selbst schreiben. Vorher schlug jede ein Thema vor: Frauenrechte, Politik, Bauernhof und Dünja lauteten die Favoriten. Sie haben sich für Dünja entschieden, den Namen ihres Treffs. Nun hoppsen und singen die kleinen Ladys mit ihren Kopftüchern und den lässigen Jeans über die Bühne und spielen Popstar.

Zwischen MTV-Look und Kopftuch leiden viele muslimische Mädchen unter einem Generationenkonflikt. "Sie haben ihre Wurzeln nicht im Herkunftsland der Eltern, kämpfen aber noch mit dem Bild der Hure und der Heiligen", erklärt Güner Balci. Sie arbeitet im Mädchentreff MaDonna - in einem weiteren sozialen Brennpunkt in Berlin-Neukölln.

In Einrichtungen wie Dünja und MaDonna wird versucht, den Mädchen eine Erziehung unabhängig von der des Elternhauses zu ermöglichen. Dabei werden die Regeln der Familien berücksichtigt - es dürfen keine Jungs in die Freizeiträume. Die Mädchen können hier abhängen, im Internet surfen, rauchen und Geheimnisse austauschen - Dinge, die bei vielen zu Hause nicht möglich sind. Deshalb kommen sie gern. Zwischen 10 und 23 Jahren sind die Jugendlichen, die von der schulbezogenen Jugend- und Sozialarbeit profitieren. Ihre Eltern sind zumeist Türken, Araber und Kurden.

Eine Frage der Ehre

Mit kreativen Aktionen versuchen die Betreuerinnen an die Mädchen heranzukommen. Daher war man bei Dünja gern bereit, den HipHop-Workshop anzubieten. Sich selbstbewusst ausdrücken können - das ist das Lernziel. "Wir bringen sie dazu, nicht einfach nur nachzusingen", betont die Rapperin Ariane Brenssell, "sondern ihren eigenen Zugang zu Texten und Rhythmus zu bekommen".

Finanziert werden die HipHop-Workshops für Mädchen zurzeit durch 5000 Euro der Aktion Mensch. Über Trägervereine der Landesstelle Berlin koordiniert, bieten drei Frauen - Rapperin Ariane Brenssell, DJane Susa Gunzner und Videoperformerin Andrea Behrendt - den Jugendtreffs in Berlin ihre Hilfe an. Und die Mädchen finden das "total cool".

In Neukölln haben sich die Betreuerinnen hingegen gezielt mit dem Ehrenmord-Thema auseinandergesetzt. "Die Idee mit der Anti-Ehrenmord-Kampagne kam von mir", sagt Balci, "aber die Mädels fanden das toll." Sie entwarfen Postkarten und verteilten sie in ihrem Kiez.

Neben dem kreativen Spaß gibt es immer auch hitzige Diskussionen. So akzeptieren einige der Mädchen weiterhin den rigiden Ehrenkodex ihrer Familien. Dennoch leiden sie unter dem sozialen Druck ihres Umfelds - und brauchen die Unterstützung von außen, um sich von repressiven Ansichten zu befreien. Genau diese Unterstützung bieten die Mädchentreffs an.

Dünja erhielt den Berliner Integrations-Sonderpreis des Senats im Jahr 2004. Jugendliche aus deutschen und Einwandererfamilien machen zum Beispiel abends ein gemeinsames Fastenbrechen während des Ramadan. Vor allem aber bietet der Treffpunkt den Mädchen Hilfe bei den Hausaufgaben, Unterstützung bei Bewerbungen, Sprachförderung und Internettraining. So lernen die jungen Frauen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Lautstarke Emanzipation

Bei Dünja wird das Selbstbewusstsein der Mädchen gefördert - wie etwa beim Rap-Training. Anders als bei HipHop-Projekten in Kreuzberg, wo man meist nur Jungs auf den Bühnen sieht, stehen hier die Girls im Vordergrund, erklärt Susa Gunzner. Die DJane mixt seit zehn Jahren den Sound für Rap-Aktionen mit Jugendlichen - und bedauert, dass die Zuschüsse immer weniger werden.

Die Fördermittel sind knapp, "weil am Ende kein Produkt rauskommt, dass man als Erfolg vorführen kann", erklärt Gunzner. "Dabei ist der Erfolg schon da, wenn sich die Mädchen auf der Bühne laut und frech benehmen", meint Rapperin Brensell. Da gerade bei HipHop Mädchen oft in den Hintergrund gedrängt werden - in den Musikvideos auf MTV ebenso wie bei Jugendprojekten im Kiez - sei es wichtig, genau da anzusetzen.

Die Arbeit ist anstrengend für die Betreuerinnen: "Manchmal muss man mit den Eltern diskutieren, damit sie ihren Töchtern erlauben, herzukommen", sagt Semra Hanli von Dünja. Meist sind sie erfolgreich - etwa 20 Mädchen gehen hier täglich ein und aus. "Wäre Dünja geschlossen, ich hätte Tränen vergossen", reimt Alice währenddessen auf der Bühne. Sie hängt an ihrem Freizeittreff, in dem sie mit Dorra, Essra und Jenny kreativ sein kann.

"Ich find mich arabisch und deutsch", antwortet Gufran, wenn man sie nach ihrer Herkunft fragt. Sie trägt ein Kopftuch und ist die frechste der Kleinen im Treffpunkt. Die Elfjährigen haben bereits eine klare Vorstellung von dem, was sie werden wollen: Polizistin, Detektivin, Tierpflegerin und Schauspielerin. Und natürlich rappen Mädchen auch, das sei doch ganz normal! "Cool sind wir schon lange", posaunt Gufran - und zupft ihr Kopftuch zurecht.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.