SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

30. Juli 2018, 16:19 Uhr

Rassismus in Deutschland

Hört uns endlich zu

Ein Debattenbeitrag von

Rassismus ist ein alltägliches Problem in Deutschland. Dank Özil und #MeTwo wird endlich offen darüber debattiert. Doch anstatt zuzuhören, versuchen manche, die Debatte ins Lächerliche zu ziehen.

"Lassen wir uns nicht einreden, dass wir rassistisch sind", schreibt Christian Lindner, Vizechefredakteur der "Bild am Sonntag". "Wir sind in der Regel freundlich, offen und hilfsbereit, auch und vielfach gerade bei Zuwanderern und erst recht bei deren Kindern", lobt er weiter. Und dann folgen gleich zwei gut gemeinte Ratschläge an die Migranten: Sie sollten sich "nicht einigeln, sondern auf uns zugehen". Außerdem sollten sie "Respekt für unsere Lebensweise zeigen", dann erreichten sie "unsere Herzen viel leichter, als wenn sie unsere Werte spürbar ablehnen".

Der Text Lindners will seine Leser beruhigen: Ihr seid keine Rassisten! Lasst euch nix einreden! Aber genau das ist das Problem: der Unwille zuzuhören, wenigstens einmal, ohne gleich reflexartig in Abwehrhaltung zu verfallen, darüber nachzudenken, was Menschen wie ich, die unter #MeTwo über rassistische Erfahrungen berichten, zu sagen haben.

In der #MeTwo-Debatte, angestoßen durch den Umgang mit dem Fußballer Mesut Özil, geht es überhaupt nicht um die Frage, ob Deutschland oder die Deutschen generell rassistisch sind. Tatsache ist, dass viele Menschen mit Wurzeln in fremden Ländern in Deutschland rassistische Erfahrungen machen. Manche nahezu täglich. Viele wissen davon nicht, deshalb erzählen wir, was wir erlebt haben und erleben. Wir haben genug davon, wir wollen das thematisieren, damit es endlich aufhört - was eine Illusion ist - oder zumindest weniger wird - was ein erreichbares Ziel ist. Wir wollen nicht schweigen.

Nichts, was Rassismus rechtfertigt

Doch genau das wünschen sich Rechtspopulisten bis Rechtsextremisten: dass Menschen wie ich gefälligst den Mund halten und dankbar sein sollen, dass man uns in Deutschland leben lässt, unserer Hautfarbe, unserer wenig geläufigen Namen zum Trotz. Deshalb versuchen sie, die Debatte abzuwehren, sie ins Lächerliche zu ziehen, sie verächtlich zu machen.

Da wird der Begriff Rassismus pauschal abgelehnt. Die Erfahrungen, die wir schildern, werden infrage gestellt ("Wer sagt uns, dass das überhaupt wahr ist?"). Allen Ernstes wird argumentiert, dass es woanders auch Rassismus gebe - als ob Missstände woanders die eigenen Missstände rechtfertigten. Oder es wird behauptet, als "Biodeutscher" oder "autochthoner Deutscher" könne man schließlich auch nicht in bestimmte Viertel deutscher Städte gehen, ohne Gefahr zu laufen, von Migranten angegriffen zu werden - noch einmal: Als ob das eine Problem das andere rechtfertigte.

Gleichzeitig wird versucht, die inhaltliche Debatte auf die emotionale Ebene zu ziehen und Menschen wie mich für den Rassismus, der uns entgegenschlägt, selbst verantwortlich zu machen: "Nun sei doch nicht so weinerlich!", "Du nimmst dir das viel zu sehr zu Herzen!", "Wäret ihr besser integriert, würdet ihr auch keinen Rassismus erfahren!"

Darum geht es in dieser Debatte

Und kaum wehrt sich jemand mit deutlichen Worten, benutzt gar ein Schimpfwort, stürzen sich die Rechten darauf: "Er hat Pisser zu uns gesagt!", wie sie mir in einem Fall vorwerfen. Aber wenn jemand über "Kanaken" und "Ziegenficker" schreibt oder mir mitteilt: "Dich muss man in den Gasofen schicken!!" oder "ich kannte mal 1 hund namens hasnain" und der "wurde auf jeden fall von 1 auto überfahren, war schlimm", kommt - nichts. So wie diese Leute das Grundgesetz und jeden Anstand mit Füßen treten, aber sofort "Einschränkung der Meinungsfreiheit!" und "Zensur!" brüllen, wenn man ihre rassistischen Auslassungen im Netz löscht und sie blockiert.

Neuerdings beschweren sich immer mehr Rechte, sie würden schließlich auch als "Almans" und "Kartoffeln" diffamiert. Das ist gewiss nicht nett. Darüber kann man sich aufregen, man kann es kritisieren. Aber das ist kein struktureller Rassismus, keine Diskriminierung bei der Wohnungssuche, bei der Bewerbung, bei der Benotung in der Schule, im alltäglichen Leben. Um genau das aber geht es in dieser Debatte.

Solange Menschen aus anderen Ländern an den Fließbändern standen, den Müll wegfuhren oder putzten, war alles in Ordnung. Da durften sie sogar Kopftuch tragen. Jetzt, da ihre Kinder, Enkel und Urenkel auch Ärzte, Ingenieure, Rechtsanwälte, Journalisten sind, jetzt, da sie Mitsprache, Mitgestaltung, Mitbestimmung beanspruchen, was für sie als Deutsche selbstverständlich ist, da ist das Geschrei groß, da wird auf jede Andersartigkeit gestarrt und darauf verwiesen, dass das nun keine gelungene Integration sei.

Es gibt keinen Weg zurück

Wir leben in einer pluralisierten Gesellschaft. Es geht darum, das Miteinander konstruktiv und gemeinsam zu gestalten. Das mag kontrovers vonstattengehen, mit Streit und unterschiedlichen Standpunkten. Aber klar muss sein: Es gibt keinen Weg zurück. Es sei denn, man wollte wieder Menschen deportieren oder sie umbringen.

Das sage doch niemand? Man schaue sich nur einmal die vielen Mord- und Gewaltfantasien an. Es gibt sie nicht nur im Netz, sondern auch auf öffentlichen Kundgebungen. Bei Pegida in Dresden skandierten sie kürzlich "Absaufen! Absaufen!", als es um Flüchtlinge ging. AfD-Politiker verhehlen nicht, dass es ihnen darum geht, Menschen wie mich loszuwerden.

"Auch für Herrn #HasnainKazim gilt: Hier ist die letzte Messe noch nicht gesungen!", schreibt mir öffentlich via Twitter der AfD-Bundestagsabgeordnete Udo Hemmelgarn, nur weil ich klargemacht habe, dass Deutschland immer vielfältiger wird und Menschen wie ich selbstverständlich den Anspruch erheben, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein.

Anscheinend ist bei manchen Leuten noch nicht angekommen, dass wir in einer zivilisierten Gesellschaft keine Menschen umbringen, sie nicht in Gaskammern schicken oder am Galgen aufhängen. Wer so denkt, wer so redet, braucht kein Verständnis, kein gutes Zureden - sondern Widerstand.

Video: Der bürgerliche Rassismus (SPIEGEL TV 2014)

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung