Margarete Stokowski

Umgang mit Rassismus Wisch und weg?!?

Niedermachen statt prüfen: Es scheint für manche naheliegender, dass sich Menschen Rassismus einbilden, als dass sie ihn selbst nicht mitbekommen. Dieses Beiseitewischen ist Teil des Problems.

Als Tausende Menschen anfingen, unter #MeTwo von dem Rassismus zu erzählen, der ihnen im Alltag begegnet, gab es bald auch einige, die sagten, der Begriff "Alltagsrassismus" sei unangemessen , aus verschiedenen Gründen. Als ob es einen lässigen Rassismus für den Normalgebrauch gäbe und einen besonderen für Feiertage. Oder als ob täglich stattfindender Rassismus weniger schlimm sei als besonders skandalöse Fälle. Ob nicht gerade die vielen kleinen Botschaften sich besonders einbrennen würden.

Es wird wieder mehr über Rassismus diskutiert, dabei hatten so viele Menschen versucht, das Thema beiseitezuwischen, nach all der Özil-Aufregung. Die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder erklärte , es sei für sie kein Alarmzeichen, dass Mesut Özil sich Rassismus ausgesetzt sieht, sondern "eher ein Alarmzeichen, wenn die Politik auf den billigen und beliebten Versuch reinfällt, mit dem Rassismusvorwurf das eigene Verhalten gegen jede Kritik zu immunisieren".

Apropos billig. Obwohl es bei Mesut Özils Rücktrittserklärungen und den Erfahrungen unter #MeTwo um verschiedene Dinge geht, sind viele der Reaktionen sehr ähnlich: Sobald Menschen erklären, wie häufig sie schlecht behandelt werden, weil ihr Name oder ihr Aussehen oder ihr Geburtsort für andere Menschen wie etwas wirken, das man unbedingt kommentieren oder herabsetzen müsste, taucht irgendwer auf, der ihnen klarmachen will, dass es kein Problem mit Rassismus gibt, sondern dass sie wahlweise dumm oder verrückt sind. Wisch und weg. Oder es heißt: Rassismus, das kann schon sein, aber das ist doch hier nicht die Frage. Die Frage ist dann immer nur, wie sich Rassismusvorwürfe möglichst spurlos beseitigen lassen.

Ist der Papst katholisch?

Bei Mesut Özils Rückzug gab es Leute, die meinten, es könne gar nicht sein, dass ein Millionär wie Özil diskriminiert werde. Ein häufiges Missverständnis, das dadurch entsteht, dass "Diskriminierung" ein eindeutiges Von-oben-nach-unten-Phänomen zu sein scheint, aber niemand nur zu einer einzigen gesellschaftlichen Gruppe gehört. Man kann auch sexistisch gegenüber der Queen sein, man kann klassistische Witze über Melania Trump reißen, sich schwulenfeindlich über hohe Politiker äußern, oder antisemitische Sprüche über preisgekrönte Künstlerinnen machen. Es ist egal, wie reich und angesehen eine Person ist, sie muss noch nicht mal getroffen oder verletzt sein oder überhaupt etwas davon bemerken, und trotzdem kann man von Rassismus, Sexismus, Klassismus, Homofeindlichkeit oder Antisemitismus sprechen.

Je simpler das Verständnis von Diskriminierung - im Zweifel einfach als "die Leute sind fies zu mir" -, desto leichter fällt es, Betroffenen vorzuwerfen, sie würden nur rumheulen. Dabei ist der Vorwurf, nörgelig zu sein, nicht so schwerwiegend gegenüber dem Vorwurf, wahnsinnig oder sehr dumm zu sein (oder als Feministin: hysterisch).

Die aktuelle Diskussion über Özil und #MeTwo lässt sich auf die doch etwas jämmerliche Frage reduzieren: Gibt es in Deutschland mehr Rassismus als Deutsche wahrnehmen, die von Rassismus nicht betroffen sind? Das ist für diejenigen, die Rassismus erfahren, eine Frage der Sorte "Ist der Papst katholisch?" und für andere ein richtig schönes Debattenthema. Es scheint für einige Leute naheliegender, dass sehr viele Menschen, die ein Ü, Y oder Z im Namen tragen, paranoid sind und sich Diskriminierung einbilden, als dass sie selbst etwas nicht mitgekriegt haben.

Ohne Grund mit deutsch-deutschem Gütesiegel

Aktuell sind wieder allenthalben Hobbypsychologen unterwegs, die "Verfolgungswahn" ("FAZ" ) diagnostizieren oder Rassismusvorwürfe als "wirr" und "absurd" abtun, in der grotesken Anmaßung, sie könnten anderen nicht nur ihre Urteilskraft über gesellschaftliche Zustände absprechen, sondern auch ihre Erfahrungen selbst.

In der "Welt" trug Jan Küveler  einen Fragenkatalog über Mesut Özil zusammen, in dem es hieß: "Ist jemand, der, wie man liest, in seiner Freizeit nichts weiter tut, als sich selbst auf der Playstation zu spielen, überhaupt in der Lage zu beurteilen, ob und wann es sich um Rassismus handelt? Und wann bloß um die eigene Blödheit?"

"Nein, wir Deutschen sind nicht rassistisch. Und ja: Wir können Integration", twitterte "BamS"-Vizechef Christian Lindner , wobei die Formulierung "wir Deutschen" durchscheinen lässt, dass er zwei zentrale Punkte an der Debatte nicht verstanden hat. Es ging zum einen nie darum, dass "die Deutschen" allesamt rassistisch sind, und zum anderen: Diejenigen, die Rassismus beklagen, sind selbst Deutsche. Wer ein Verständnis von "wir Deutsche" hat, in dem diejenigen nicht vorkommen, die über Rassismus klagen, der ist ein Teil des Problems.

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