Reaktion in den Medien Warum die Briten über Gaddafis Tod jubeln

"Das ist für Lockerbie", titelte die britische "Sun" zum Tod Muammar al-Gaddafis - und zeigte ein Bild seines geschundenen Leichnams. BBC-Korrespondent Stephen Evans erklärt die Wut der Briten auf den libyschen Despoten - und warum markige Schlagzeilen in Großbritannien Tradition haben.
Britische Tageszeitung "The Sun": Ton verfehlt, Nerv getroffen

Britische Tageszeitung "The Sun": Ton verfehlt, Nerv getroffen

Foto: sun.co.uk

"The Sun" ist bekannt für ihre deftigen Schlagzeilen. Britische Zeitungen nehmen oft eine viel meinungsstärkere Haltung ein als deutsche, und "The Sun" ist da keine Ausnahme. Sie ist keine Zeitung, die mit ihren Gefühlen hinter dem Berg hält.

Als die britische Marine 1982 das argentinische Kriegsschiff "Belgrano" versenkte, brachte "The Sun" auf ihrer Titelseite die kühne Überschrift "Gotcha" - eine Kurzform von "Got You" - "Wir haben euch". Das wurde in England von einigen als geschmacklos empfunden, weil sie sich über den Tod der argentinischen Soldaten freute. Die Schlagzeile wurde in späteren Ausgaben der Zeitung dann auch verändert - aber sie entsprach dennoch den Gefühlen vieler einfacher Menschen. Die Titelseite wurde ausgeschnitten und hing damals an den Wänden vieler Fish-and-Chips-Läden.

Die "Sun"-Titelseite vom Freitag über den Tod des libyschen Führers steht in dieser Tradition. Sie bezieht sich auf drei Dinge: Yvonne Fletcher, Lockerbie und die IRA-Semtex-Bombenopfer.

  • Yvonne Fletcher  ist ein hochemotionales Thema im britischen Volk. Sie war eine Polizistin, die am 17. April 1984 während einer Protestkundgebung außerhalb der libyschen Botschaft in London ihren Dienst tat. Ohne jede Vorwarnung trafen sie Schüsse aus dem Inneren der Botschaft . Sie starb am Tatort. Elf Tage lang, während die Polizei die Botschaft belagerte, lag ihr Hut auf dem Bürgersteig. Er wurde zu einem nationalen Symbol. Yvonne Fletchers unschuldiger Tod erzeugte immense Sympathien bei den einfachen Menschen. Die Erschießung eines Polizisten ist immer eine ernste Sache, doch die Erschießung einer Polizistin wird von den Briten noch ernster genommen.
  • Lockerbie ist die Stadt in Schottland, auf die im Dezember 1988 der PanAm-Flug 103 stürzte, nachdem an Bord eine Bombe explodiert war. Elf Bewohner von Lockerbie sowie alle 259 Insassen des Flugzeugs starben. Ein libyscher Geheimdienstmitarbeiter wurde des Mordes angeklagt, für schuldig befunden und zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Jahr 2009 kam er aus humanitären Gründen frei, weil er Krebs und angeblich nur noch drei Monate zu leben hatte. Bei seiner Rückkehr nach Gaddafis Libyen wurde er gefeiert. Man nimmt an, dass er immer noch am Leben ist.
  • Die Anspielung der "Sun" auf die IRA und Semtex bezieht sich auf die Art des Sprengstoffs, den das Gaddafi-Regime der IRA für ihre Bombenanschläge in Irland und auf dem britischen Festland zur Verfügung stellte.

Welche Wirkung wird diese Titelseite auf die Briten haben? Es gibt keine Umfragen zu diesem Thema. Es wird Menschen geben, die die Aufmachung der "Sun" geschmacklos finden - genauso, wie viele Deutsche die Darstellung des toten Gaddafis in der "Bild"-Zeitung für geschmacklos halten werden. Aber viele Menschen werden darin ihre eigenen Gefühle ausgedrückt sehen - selbst solche, die den Tonfall und die Skrupellosigkeit verabscheuen, werden kaum Probleme mit der Nachricht haben.

Die größere Debatte in Großbritannien dreht sich eher um die Verwendung von Bildern der Leiche und des Videos, das die Momente vor Gaddafis Tod zeigt und den Schluss nahelegt, er sei gelyncht worden. Britische Medien sind viel zurückhaltender als ihre deutschen Kollegen, wenn es darum geht, solche Bilder zu zeigen. Das Tabu, Tote zu zeigen, wird nicht leichten Herzens gebrochen. In der BBC beispielsweise wurden zwar einige der Bilder gezeigt, jedoch sehr sparsam und nur zu einer Zeit, zu welcher Kinder sie nicht sehen würden.

"Wir verwenden solche Bilder nicht leichtfertig", sagt Mary Hockaday, die Nachrichtenchefin der BBC. "Manche Sequenzen haben wir nicht gezeigt, weil wir sie für zu drastisch hielten. Wir haben abgewogen, was unseren Zuschauern zu unterschiedlichen Tageszeiten zuzumuten ist. Nicht jeder Zuschauer wird mit unseren Entscheidungen einverstanden sein, aber sie sind das Ergebnis einer Abwägung zwischen ernsthafter Berichterstattung und der Empfindlichkeit des Publikums."

Stephen Evans ist Korrespondent der BBC in Berlin. Übersetzung: Stefan Kuzmany
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