Reaktionen auf Schlingensiefs Tod "Ein großartiger Wachrüttler"


Opernregisseurin Katharina Wagner hat Christoph Schlingensief als großen Künstler gewürdigt: "Ich bin tief erschüttert, schockiert und traurig. Es tut mir wahnsinnig leid, vor allem weil er so gekämpft hat. Er war einer der wirklich Großen in unserem Milieu."

Theatermacher Frank Baumbauer nannte Schlingensief einen "großartigen Wachrüttler": "Er hat uns alle irritiert, wenn wir es uns mal wieder so richtig bequem gemacht hatten. (...) Schlingensief hat es geschafft, die Menschen auf sich selber aufmerksam zu machen, so dass sie sich selber neu finden konnten. Und das tat er immer mit Kunst, nie als Sozialarbeiter." Er sei immer "ein ganz großer Menschenfreund" gewesen "und ein charmanter Filou. Kaum hatte er einem die Hand gegeben, schon hatte er einen aufs Kreuz gelegt". Aus seinen Arbeiten seien "viele wichtige Impulse entstanden, denn er hat die Dinge benannt, den Finger in die Wunden gelegt - und das mit enormer künstlerischer Verve, mit Charme und Intelligenz." Mit seinen neuen Theaterformen und veränderten Wertigkeiten "hat er uns durch seine Verhaftungen in der Wirklichkeit wieder und wieder aus unseren netten Nestern herausgeworfen. Er hat wirklich Großartiges gemacht und etwas bedeutet - ob in Hamburg, in Berlin, in Bayreuth, in Wien oder in Afrika."

Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste, nannte Schlingensieg einen Künstler "von ungeheurer Sprengkraft, künstlerisch wie politisch": "In allen seinen Arbeiten, angefangen von den ersten filmischen Versuchen bis hin zu seinen großartigen Opern-Inszenierungen ging es ihm um die Auslotung des Verhältnisses von Politik, Kunst und Gesellschaft." Unvergleichbar habe er es mit seinem umfangreichen Werk "immer wieder geschafft, sich einzumischen und künstlerisch wie politisch Position zu beziehen". Kürzlich hat die Akademie Schlingensiefs Archiv übernommen - Staeck: "Wir sind uns der Verantwortung bewusst und werden sie wahrnehmen."

"Einer der größten Künstler, der je gelebt hat" - das ist Schlingensief für die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. So einen wie ihn könne es nicht mehr geben. Schlingensief hatte die Uraufführung von Jelineks Stück "Bambiland" 2003 am Wiener Burgtheater inszeniert. Sie bescheinigte dem Künstler eine unglaubliche Kraft, mit der er Menschen um sich geschart habe. Diese seien wie von einer umgekehrten Fliehkraft buchstäblich an ihn herangerissen worden: "Ich dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre." Schlingensief sei eigentlich nicht Regisseur, sondern der Künstler schlechthin gewesen: "Er hat eine neue Gattung geprägt, die sich jeder Einordnung entzogen hat. Es kann keinen wie ihn mehr geben. Ein furchtbar trauriger Tag."

Berlinale-Direktor Dieter Kosslick würdigte Schlingensief als großen Filmemacher und politischen Künstler. Er habe im wahrsten Sinne gemacht, was er wollte, und sich aus einer tiefen moralischen Überzeugung heraus über Ungerechtigkeiten aufgeregt. Mit seiner Kunst habe sich Schlingensief gegen Abschiebungen, Rassismus und Menschenrechtsverletzungen engagiert.

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Gekämpft und doch verloren: Christoph Schlingensief ist tot
In Schlingensief verliere die Kulturszene einen ihrer vielseitigsten und innovativsten Künstler, sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). Er habe die deutschsprachige Film- und Theaterwelt stark beeinflusst: "Zu seinen Stilmitteln gehörte nicht selten die Provokation, mit der er ganz bewusst auch über den Kulturbereich hinaus Kontroversen auslösen und irritieren wollte." Seinem Schaffen und seiner Kreativität als Film-, Theater- und Opernregisseur habe der Respekt vieler Kritiker gegolten. "Sein im letzten Jahr erschienenes Tagebuch ist ein für mich besonders bewegendes Werk in seiner Auseinandersetzung mit seiner schweren Erkrankung."

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat "tief betroffen" auf Schlingensiefs Tod reagiert: "Ein großer Theatermann verlässt die Bühne." Sein Name sei mit dem Ruf der Berliner Volksbühne als einem großen gesamtdeutschen Theater verbunden.

Der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz, der als früherer Verwaltungsdirektor der Volksbühne mit Schlingensief zusammengearbeitet hatte, würdigte ihn als wunderbaren Menschen und herausragenden Künstler: "Ein Theatermacher, dessen Provokationen uns fehlen werden."

Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth schrieb in einer Erklärung: "Dieser verdammte Krebs! Mit Christoph Schlingensief verliert die Bundesrepublik einen der kreativsten, vielseitigsten und radikalsten Künstler. Er hat unser Land mit seinen Arbeiten in aller Welt vertreten - von Bayreuth bis zum Amazonas, von der Ruhr bis nach Burkina Faso. Die Vollendung seines Traumes von einem Operndorf in Afrika konnte er nicht mehr miterleben, aber die Hoffnung bleibt, dass dieses Projekt in seinem Sinne realisiert wird."



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