Rechter Terror gegen Muslime Er meinte uns

Wer Muslime nicht mehr als Menschen, sondern nur noch als "die anderen" betrachtet, deren Ermordung als Rache für islamistischen Terror gilt, verrät die Werte des Westens. Ein Plädoyer gegen die Kälte von rechts.

Trauernde in Auckland, Neuseeland
AP

Trauernde in Auckland, Neuseeland

Ein Kommentar von


Man konnte nach dem Anschlag in Neuseeland keine Auferstehung der Lichterkettendemonstrationen für Toleranz und gegen Fremdenhass erwarten, aber die ratlosen Reaktionen auf diesen politischen Terroranschlag, die denen auf ein fernes Verkehrsunglück ähnelten, sind ein schlechtes Zeichen.

In Christchurch ist kein Bus verunglückt, dort wurden Menschen muslimischen Glaubens ermordet - und zwar aus einem ganz bestimmten Grund: Um uns Europäern eine Botschaft zu senden. Der Täter hat, glaubt man seinem Manifest, Neuseeland nur deshalb gewählt, weil viele in Europa mit diesem Land die Illusion von Frieden und Sicherheit vor Terrorismus verbinden. Es handelt sich also keineswegs um ein lokales, der neuseeländischen Gesellschaft innewohnendes terroristisches Problem, der Täter handelte in einem internationalen Kontext. Er meinte uns.

Sein Ziel mag gewesen sein, eine Rache von Islamisten zu provozieren, die Spaltung weiter zu vertiefen. Aber eigentlich geht mehr kaum noch.

Nun hat es eine gewisse Tradition, dass Morde an Muslimen, an Arabern und Türken hierzulande wenig Empathie hervorrufen. Seinerzeit schon, als in den Neunzigerjahren die Asylunterkünfte und Häuser von türkischen Familien brannten, taten sich die führenden deutschen Politiker schwer mit symbolischem Beistand. Studiert man die Geschichte der rechten Mörder vom sogenannten NSU, fällt auf, dass so ziemlich jede Theorie für plausibler gehalten wurde als die einer rassistischen Mordserie. Jahrelang suchte man das "Phantom von Heilbronn", obwohl es nur aus verunreinigten Wattestäbchen entstanden war. Zwischendrin suchte man nach einer Frau in Männerkleidern, die ihr Leben damit verbringt, in saarländische Kleingartensiedlungen einzubrechen.

Es dauerte Jahre und einen Bekennerfilm der Täter, bis die Wahrheit langsam ans Licht kam. Ins öffentliche Bewusstsein ist sie noch nicht richtig gedrungen.

Die Siebzigerjahre kennen wir als Deutschen Herbst, die Zeit nach dem 11. September 2001 bis zu den Anschlägen in London und Paris als Epoche mit islamistischem Terror - dass aber der rechte Terror unsere Gegenwart prägt, auf diese Idee kommen wir nur ganz allmählich. Die rechten Terroristen sind international versierter und besser informiert, als die liberale Mehrheitsgesellschaft, die heftig verdrängt und immer noch der Folklore des Nationalstaats nachtrauert. In dieser Illusion ist jeder rechte Terrorist ein Einzeltäter - und wenn Cliquen gefasst werden, dann halten wir die gern für isoliert. Dabei genügt das Studium der Taten, um zu erkennen, dass der mörderische Wahnsinn politische Methode hat.

Spaltung und Vorurteile wachsen

Der Täter von Christchurch empfahl seinen Gesinnungsgenossen weitere Anschläge, an erster Stelle nannte er die Bundeskanzlerin. Er wusste, was er schrieb. Seit ihrer humanen Haltung in der Aufnahme syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge ist sie am rechten Rand und bis in bürgerliche Kreise hinein zu einer Unperson geworden. Heute traut sich kaum ein Politiker, die Aufnahme weiterer Flüchtlinge zu empfehlen oder etwas mit oder für Muslime zu machen. Nicht mal, zu trauern. Das gemeinsame Programm von Islamisten und Rechtsradikalen fruchtet also, die Spaltung und die Vorurteile wachsen.

Über Muslime und den Islam kann man mittlerweile ungefragt alles und das Gegenteil behaupten. Migrationspolitik wird heute unter dem Thema verbesserter Abschiebung und sanktionsbewehrter Integration diskutiert - eine tiefere politische Weisheit ist darin nicht zu entdecken. Wer Muslime stets als die anderen betrachtet, deren Mord in einer Moschee als Rache für islamistischen Terror gesehen werden kann, verrät die Werte des Westens, in deren Namen er spricht. Denn was sind das für Werte?

Deutschland, ein armes, zerstörtes und diskreditiertes Land, gab sich vor 70 Jahren ein ziemlich ambitioniertes Gesetz, das die Grundlage für alle anderen bilden sollte. Von Christus ist in diesem Text nicht die Rede, auch nicht von der europäischen Rasse, dafür, so geht es los, von der Würde des Menschen. Nicht des deutschen Mannes oder des ehrlichen Steuerzahlers, einfach des Menschen an und für sich, wie er eben so vielfältig und mangelhaft über die Lande schleicht.

An manchen Tagen kann man sich fragen, ob solch ein Satz heute noch eine Mehrheit finden würde in Deutschland. Sicher gäbe es erst mal einen Katalog, um aus hier lebenden Personen echte Deutsche zu machen, deutscher als deutsch. Sprachtest, Kontostand und die Benimmschule von Loriot. Forderungen und Auflagen, die ein Subjekt überhaupt erst in die Lage versetzen, Menschenrechte beantragen zu dürfen.

Mehr Muslime - eine Quelle der Furcht?

Während die Gefahr des rechten Terrors aktiv verdrängt wird, hat es ein rechter Diskurs geschafft, die Öffentlichkeit einzuschüchtern. Die dem Manifest des Täters zugrunde liegende Idee eines drohenden Bevölkerungsaustauschs, der die gute alte weiße Bevölkerung durch böse Dunkelhäutige ersetzen wird, ist bis in konservative Kreise vertraut. Das Stichwort sind die Geburtenraten, als wären Kinder Klone ihrer Eltern. Demnach hätten aus den Kindern von Nazis auch Nazis werden müssen, und so ist es ja nicht gekommen. Ein Versprechen des Westens ist es, jedem Individuum unabhängig von seiner Familie oder Gemeinschaft eine Chance zur Emanzipation zu ermöglichen, im Subjekt den Bürger zu sehen.

Mehr Muslime, diese Vorstellung ist zu einer Quelle der Furcht geworden, obwohl die nostalgisch verklärte alte Bundesrepublik von Menschen aus muslimisch geprägten Ländern mit aufgebaut wurde. Man geht damit der Propaganda der Islamisten auf den Leim, die jeden Menschen aus muslimischen Kulturen zu ihrem Roboter machen möchten. Wenn man hingegen das Zusammenleben weiter verbessern möchte, obwohl wir ja schon in einem vergleichsweise friedlichen und schönen Land leben, dann ginge das mit deutschsprachigen Imamen, einem Schulunterricht in islamischer Religion und generell weniger Berührungsängsten und Abgrenzungsfantasien. Denn genau darin liegt unsere Stärke.

Der "Eros des Westens" entwickelt sich aus der individuellen Freiheit, aber auch aus der Allgemeingültigkeit menschlicher Würde, dem Zusammenhalt und ganz generell einer empathischen Weltsicht, die bei der Flüchtlingshilfe eben nicht fragt, ob diese Menschen uns gerade recht kommen, sondern wie man ihnen am besten helfen kann.

Jedes beliebige Imperium beherrscht die Techniken der Interessenpolitik, der Drangsalierung von Minderheiten und der realpolitisch verbrämten Herzlosigkeit. Die Werte des Westens versprachen aber erstmals in der Geschichte etwas ganz anderes: eine politische Ordnung, die von Religion und Herkunft absieht, die Freiheit garantiert und sich um Zusammenhalt und Rechtsgleichheit bemüht.

Die Kälte der rechten Weltsicht

Daher ist die Antwort auf die Bedrohung von rechts nicht, sich von Muslimen abzugrenzen oder sie in irgendwelche Schranken zu weisen, als gäbe es eine Zukunft nur getrennt. Das moderne Europa wurde durch Menschen aus Afrika, dem Balkan, dem Nahen Osten und der Türkei mit aufgebaut. In der heutigen Zeit, mit tausend Flugzeugen am Tag und digitaler Runduminformation, ist das Mittelmeer nichts Trennendes mehr. Die Menschen an der Süd- und Ostküste dort sind unsere direkten Nachbarn, Europa muss mit ihnen eine gemeinsame politische und wirtschaftliche Zukunft entwickeln, und in dieser Hinsicht sind die Ereignisse in Algerien wichtiger als die Binnenkonflikte der CSU.

Der Spiritus Rector des Autors des Manifests des Täters von Christchurch, der französische Publizist Renaud Camus, reagierte auf die Tat mit einem Tweet, in dem er Sorge vorschützte. Er sorge sich um die Muslime in Europa, schrieb er, besser, sie zögen sich in sichere Länder zurück. Es war eine Drohung im Gewand der Sorge: Auf diesem Kontinent ist ein Muslim seines Lebens nicht mehr sicher.

Diese politischen Kräfte, denen es um Trennung, Spaltung und Aggression unter dem Vorwand der Verteidigung geht, sind real und entschlossen. Autoren wie Camus liefern die Ideologie, um in einer fremd wirkenden Gruppe nicht die Menschen, sondern die anderen zu sehen. Diese Kälte zeichnet die rechte Weltsicht aus. Darum ist die gemeinsame Trauer, die Erschütterung über das Schicksal der Opfer, die wir persönlich nicht kennen, die angemessene Antwort. Dies und der normale Alltag, in dem wir frei sind und verletzlich.

Denn das, nicht die Kälte und Härte der selbst ernannten rechten Rächer des Abendlands, ist es, was unsere Menschlichkeit ausmacht, die fragilité.

insgesamt 89 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
goriii_vutra 23.03.2019
1. Danke!
Eine sehr gute Analyse.
whitewisent 23.03.2019
2.
Humanismus ist ein tolles Konzept, wenn er denn jemals wirklich allgemein anerkannt gewesen wäre. Es ist immer wieder erstaunlich, wie man sich in den Fallstricken verfangen kann. Einerseits "die Moslems" als Teil von Uns zu betrachten, Uns aber als "den Westen" zu definieren, dem gegenüber "der Osten" und "der Süden" der Welt steht, macht alles wieder zu Nichte. Es gibt eben nicht "die Moslems", darum können "die" auch nicht pauschal mit "uns" zusammengehören, denn dazu gehört der Wille auf allen Seiten. Und der fehlt nicht nur in der rechten Ecke der Gesellschaft, sondern auch im vermeintlich liberalen Zentrum und Links. Und auch innerhalb des Islams gibt es riesige Unterschiede, sowohl was die Interpretation des Korans als auch die daraus abgeleitete Lebensweise bedingt. Wieviele Ehen zwischen Muslimas und Nichtmoslems gibt es in Deutschland, vor allem die von ihrer beiden Familien anerkannt werden? Meine Beobachtung, wenn überhaupt, sind es Witwen und Geschiedene, denen man dieses normale Recht auf seiten "der Moslems" zugesteht. Und es wird nicht "der Moslem" von "Uns" abgelehnt, sondern der Türke, der Araber, der Bosnier, der Tscheschene oder der Afghane. Merkwürdigerweise tolarant ist man dagegen bei muslimischen Briten, US-Amerikanern, Indern, Indonesiern oder konvertierten Deutschen. Der Großteil von "uns" ist ziemlich tolerant, was die Integration von Millionen von Moslems in unserer Gesellschaft belegt. Vieleicht fehlt da aber manchmal der Respekt und ja, auch etwas Dank dafür, daß man sich so verändert hat. Nicht durch die Moslems, aber von Seiten der Dauerkritiker, die scheinbar nie zufrieden zu stellen sind.
c.martell 23.03.2019
3.
Es sind die Anderen. Und das darf auch so sein. Die jeweils anderen haben ein Recht auf Würde und Leben. Wir und Die. Alle gemeinsam.
helmut.alt 23.03.2019
4. Wie kann man die Spirale der Gewalt stoppen?
Wer Gewalt sät bringt neue Gewalt hervor. Dies gilt für beide Seiten und Fanatiker fühlen sich dann berufen im Namen Gottes oder aus eigenem Fanatismus und Rachsucht seinerseits Gewalt auszuüben. Schon im Altertum entstand der Begriff "Blutrache" und im alten Testament liest man "Auge um Auge" und "Zahn um Zahn". Jesus hat mit seiner Lehre diesen Teufelskreis durchbrochen mit dem Appell: "schlägt man dich auf die rechte Wange, halte auch die linke hin". Leicht gesagt, aber kaum realistisch.
fatal.justice 23.03.2019
5. Natürlich.
Ein "Mann", der - feige, wie er sich darstellt - kurz vor dem Begehen einer Gewalttat eine Rechtfertigungsschrift veröffentlicht, hat das Ziel, die von ihm als Symphatisanten wahrgenommenen Bevölkerungsgruppen ins eigene Boot zu zerren, um nicht als vereinzelter Irrer zu gelten und seine Tat als Andienung an etwas "Höheres" zu legitimieren. Die Handlung als solche soll damit durch Außenstehende nicht zu einer egoistischen, selbstreferentiellen Gewaltorgie herabgewertet werden. Er möchte, dass es in den für ihn wichtigen Kreisen als etwas "Gutes" angesehen wird - nicht als affektiv oder impulsgeleitet fehlinterpretiert. Man sollte annehmen, dass man diese Art der Inszenierung nur dann wählt, wenn man sich sicher ist, dass bereits ein ausreichend zahlenreiches, wohlgesinntes Publikum zu erwarten ist. Was bleibt, ist die erschütternde Erkenntnis, dass es bereits einen weltweiten Resonanz(volks)körper gibt, der sich nicht nur klammheimlich der Entmenschlichung verschrieben hat. Darin ähneln sich islamistische Gewalttaten frappierend mit jenen aus rassistischen/rechtsextremistischen Beweggründen. Das Urproblem liberaler Gesellschaften liegt darin, niemals mit einem ebenbürtigen Menschenhass antworten zu können, oder zu dürfen. Denn hierin liegt das Ziel jeder extremistischen Gewalt: Einen endlosen Kreislauf heraufzubeschwören. Es kann hierbei keinen wie auch immer gearteten "Sieger" geben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.