Rechtes Denken Deutschland sucht den Superpopulisten

Populismus ist kein rhetorisches Stilmittel, sondern eine Ideologie. Sie erzählt das Märchen vom bedrohten "Volk", dem nur noch einer helfen kann: der Messias.

Landesparteitag der AfD Thüringen (Archiv)
DPA

Landesparteitag der AfD Thüringen (Archiv)

Eine Kolumne von


Gefragt, ob er twittern würde, wenn er noch Kanzler wäre, erklärte Gerhard Schröder im SPIEGEL, Twitter sei ihm "zu hektisch". Das ist das Tolle an echten Kerlen wie unserem Ex-Bundeskanzler: Sie haben auf alles eine Antwort. Sie wissen ganz genau, was in sozialen Medien abgeht, auch wenn sie da nicht sind. Ich persönlich finde ja nichtsoziale Medien wie "Bild", "BamS" und Glotze auch hektisch und von einer übersteigerten Betriebsamkeit erfüllt, aber was weiß ich schon.

Schröder, der Alles-Checker, erklärte den Politiker*innen von heute außerdem, was die Politik jetzt braucht: einen "demokratischen Populismus". Der Tipp vom Altkanzler klingt gut, wenn man nicht darüber nachdenkt. Tut man es doch, ist es wie mit dem Wort "Holzeisenbahn": ein Widerspruch in sich. Ein ärgerlicher obendrein.

Der Basta-Kanzler erklärt in Tweet-Länge, was er unter demokratischem Populismus versteht. Nämlich: "Eine klare Ansage, an der man sich auch reiben kann. Kein Herumdrucksen." Man müsse "als demokratischer Politiker in der Lage sein, komplexe Sachverhalte in einfach zu verstehende Sätze kleiden zu können". Wenn Populismus bedeutet, Tacheles zu reden mit einfachen Wahrheiten, ist dann nicht Christian Lindner ein Populist? Oder Franziska Giffey, die mit dem "Gute-Kita-Gesetz"? Die AfD, eine rechte Klartext-Partei?

Populismus ist eine gefährliche Ideologie

Das Schröder-Interview zeigt einmal mehr, dass viele nicht wissen, was "Populismus" genau bedeutet und dass er unterschätzt wird. Das Missverständnis, der Begriff stünde für Volksnähe, kommt vermutlich daher, dass darin das lateinische Wort für Volk steckt: populus. Aber es ist wie mit dem Wörtchen Sex in Sexismus - das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Sexismus kommt auch ganz ohne sexuelle Anspielungen und Handlungen aus. Und bei Populismus geht es nicht darum, wirklich etwas fürs Volk zu tun.

Ein Ismus steht immer für eine Ideologie. Populismus liegt aber ein sehr simples, problematisches Weltbild zugrunde. Populisten arbeiten vor allem mit dieser einen Theorie (pdf):

Sie allein vertreten "das Volk". Sie und ihre Anhänger sind immer die Guten und immer die Opfer. ALLE anderen sind böse, korrupt und gefährlich.

Populisten erzählen das Märchen vom Kampf der Guten gegen das Böse - die tapferen, besorgten Bürger*innen gegen die da oben. Das passt zur AfD: Für ihre Anhänger sind alle, die nicht auf ihrer Seite stehen, Volksverräter, die die deutsche Nation auflösen und deutsche Traditionen vernichten wollen. Egal was passiert: die AfD-Politiker und ihre Wähler sind die Opfer, niemals die Täter. Nur die AfD kann und will dem deutschen Volk helfen.

Diese verdrehte Erzählung unterscheidet Populisten von anderen Parteien - nicht ihre Wortwahl und nicht ihre rassistischen Inhalte. Die Inhalte sind praktisch egal. Der Volks-Opfer-Kult lässt sich mit jeder beliebigen Ideologie verbinden: "Populismus kann mit einem sozialistischen oder stramm neoliberalen Wirtschaftsprogramm, mit konservativen oder liberalen Werten, mit Nationalismus oder Kosmopolitismus kombiniert werden", erklärt der Journalist und Autor Daniel Bax in seinem Buch "Die Volksverführer".

Wer ist unser völkischer Messias?

Ein weiteres wichtiges Merkmal von Populismus ist die Idee eines Volkes, das einen gemeinsamen Volkswillen teilt. Bei unserer AfD ist diese Gemeinschaft nach guter, deutscher Sitte natürlich durch Abstammung definiert: Der stramme Volksdeutsche, der durch Angela Merkels Politik vom Aussterben bedroht ist und sich gegen die Diktatur der Gutmenschen wehren muss.

Fehlt nur noch die Führerfigur, ein Musthave jeder populistischen "Bewegung". Der Messias in den USA ist Donald Trump, in der Türkei Recep Tayyip Erdogan, in Ungarn Viktor Orbán, in Italien Matteo Salvini, in Österreich Heinz-Christian Strache, in Holland Geert Wilders und so weiter.

FPÖ-Plakat mit Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache (vorn)
imago/ CHROMORANGE

FPÖ-Plakat mit Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache (vorn)

Aber wer spielt den gesalbten Erlöser in Deutschland? Alexander "Vogelschiss" Gauland? Der Bonmot-Pöbler der AfD hat auf jeden Fall eine erstaunliche politische Karriere hingelegt.

Bis 2013 war er Mitglied der CDU und als Ministerialmitarbeiter nicht weiter wichtig. Doch dann ist er in der Alternative für Deutschland auferstanden wie Phönix aus der Asche. Gauland, der Supergreis der Abgehängten, der Mann, der russlanddeutsche Neonazis und völkische Intellektuelle unter einen Hut bringt. Wie? Mit brachialer Kriegsrhetorik, die einem endlich wieder das Gefühl gibt, auf der Siegerseite zu stehen.

Vielleicht ist Gauland aber auch nur Platzhalter, bis der Verfassungsschutz von der Partei ablässt und der eigentliche Vollstrecker des Volkswillens übernimmt: Björn Höcke, der personifizierte Volkswille. Der wahre Messias des teutonischen Kleinmuts. Falls das passiert, sehnen wir uns vermutlich noch nach den kuscheligen Zeiten mit "Vogelschiss"-Gauland zurück.

Aber das alles meinte Schröder natürlich nicht mit seinem Populismus-Plädoyer. Er meinte: Niemand will Polit-Geschwurbel hören. Das stimmt. Nur hat das nichts mit Populismus zu tun. Unterkomplex geht auch ohne, wie Schröder in sieben Jahren Kanzlerschaft bewiesen hat. Und wenn ein Elder Statesmen findet, er müsse mitten in einem historischen Rechtsruck seinen Senf zur Lage der Nation abgeben, dann doch bitte mit klarer Kante gegen Populismus statt mit Magentritten gegen Parteifreunde.

insgesamt 265 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Freidenker10 09.02.2019
1.
Sind nicht alle Politiker "Populisten" die einem erzählen dass mit ihnen alles besser wird? Liegt ja irgendwie in der Natur der Sache dass einem kein Politiker sagt dass mit ihm/ihr nichts besser wird, oder? ;-) Die einen erzählen einem das Migration das Grundproblem ist, die anderen erzählen einem das es Deutschland gut geht, darf jeder für sich überlegen ob beide Erzählungen so stimmen...
bMüller 09.02.2019
2. Populismus als Kampfbegriff gegen
Gegen den vermeintlich dumpfen Pöbel und deren Volkstribune, damit machen es sich intellektuelle Linke zu leicht. In. der Demokratie müssen Mehrheiten gewonnen werden und das hat für die SPD eben dieser populäre G. Schröder geschafft. Übrigens muss das Suffix -Ismus nicht zwangsläufig etwas Verdammenswetes bedeuten, so gibt es auch den Organismus, den Vulkanismus, den Protestantismus,.....
Dengar 09.02.2019
3. Aha
"EinIsmussteht immer für eine Ideologie." Da fallen mir ganz spontan auch so einige ein: Feminismus, Kulturrelativismus, Genderismus, Intersektionalismus, ... Aber ich nehme mal an, das sind die "guten" Ideologien, über die sich die Autorin nicht aufregen würde.
Jasro 09.02.2019
4. Was darf das Volk?
"Demokratie" heißt jedenfalls NICHT, dass dem Volk "Kröten" gegeben werden, die es zu schlucken hat, nach dem Motto: Euroeinführung​, Eurorettung, millionenfache Aufnahme von angeblichen Flüchtlingen ohne zumindest Prüfung von deren Identität und Herkunft, da HAT man für zu sein, das ist "alternativlos". Da DARF man nichts gegen sagen, weder auf Demos, noch im Internet, das wäre "Hetze", noch darf man irgendeine entsprechende Partei wählen, die das ablehnt, weil das letzten Endes immer auf "Nazi" hinausläuft, und Volksabstimmungen bzw. Referenden, wie in der Schweiz, aber auch in Dänemark oder Grossbritannien, die darf es schon mal gar nicht geben, weil direkte Demokratie ist ja so "gefährlich", Demokratie "darf" nur parlamentarisch sein - und selbst da "darf" man dann nur bestimmte Parteien wählen. Egal, was man von Alexander Gauland und Björn Höcke hält, SO geht's jedenfalls auch nicht!
nobody_incognito 09.02.2019
5.
Zitat von Freidenker10Sind nicht alle Politiker "Populisten" die einem erzählen dass mit ihnen alles besser wird? Liegt ja irgendwie in der Natur der Sache dass einem kein Politiker sagt dass mit ihm/ihr nichts besser wird, oder? ;-) Die einen erzählen einem das Migration das Grundproblem ist, die anderen erzählen einem das es Deutschland gut geht, darf jeder für sich überlegen ob beide Erzählungen so stimmen...
Das ist das Wesen dieser Demokratie, dass es darum geht die Macht an irgendjemanden zu delegieren bzw. selbige zu legitimieren. Und wenn das Volk nichts kapiert, ist es kein Populismus und das was ihm verständlich ist, ist Populismus. Halt die Frage wie es um den Verstand des Volkes bestellt ist, bzw. wer dafür zuständig ist bzw. gewesen wäre es zu etwas mündigem zu erziehen bzw. aufzuklären?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.